Starautor Hanif "Die USA haben Pakistans Armee gemietet"

Krieg, Folter, Zärtlichkeit: Der pakistanische Bestsellerautor Mohammed Hanif hat mit "Alice Bhattis Himmelfahrt" eine brutale Geschichte über die Ehe einer Christin und eines Muslim geschrieben. Im Interview spricht der Autor über das Drama der Liebe - und das Verhältnis seines Landes zu den USA.
Romanautor Hanif: "Ehrlich gesagt schreibe ich fast nie"

Romanautor Hanif: "Ehrlich gesagt schreibe ich fast nie"

Foto: Hasnain Kazim

SPIEGEL ONLINE: Herr Hanif, Sie sind ausgerechnet nach der Veröffentlichung Ihres ersten Romans "Eine Kiste explodierender Mangos" vor drei Jahren nach Pakistan zurückgekommen. Das Buch ist eine bitterböse Kritik am islamfanatischen Diktator Zia ul-Haq. Empfanden Sie das nicht als gefährlich?

Hanif: Das werde ich immer wieder gefragt. Ich glaube, Journalisten und meine Freunde neigen dazu, die Gefahren überzubewerten. Ich überschreite keine Grenzen, die nicht schon andere vor mir überschritten haben. Außerdem darf man sich beim Schreiben nicht ständig Gedanken darüber machen, welche Folgen das Geschriebene haben könnte, weil man sonst keine Zeile zustande kriegt. Nein, wir haben so viele Probleme in diesem Land, wen kümmert da mein kleines, lustiges Buch? Gerade für Zia ul-Haq, der seit bald 24 Jahren tot ist, interessiert sich in Pakistan kein Mensch.

SPIEGEL ONLINE: Zuvor haben Sie in London gelebt, Ihr Sohn ist dort geboren, Sie haben die britische Staatsbürgerschaft. Warum sind Sie nach Karatschi, in eine der gewalttätigsten Städte der Welt, zurückgekehrt?

Hanif: So schlimm ist es auch wieder nicht, das Leben ist hier sehr angenehm. Meine Frau und ich waren insgesamt zehn Jahre in London, wegen meines Jobs bei der BBC. Für uns stand immer fest: Irgendwann geht es zurück. Das sagen ja viele Einwanderer in westlichen Ländern: Irgendwann, wenn wir genug Geld beiseite gelegt haben und uns ein gutes Leben in der alten Heimat erlauben können, wollen wir zurück. Aber dann verschieben sie das immer wieder, verpassen den richtigen Zeitpunkt und kommen nie mehr zurück. Das sollte uns nicht passieren, deshalb haben wir gesagt: Jetzt reicht es.

SPIEGEL ONLINE: Und Ihr Sohn findet das auch gut?

Hanif: Das war natürlich unsere große Sorge, aber er ist hier sehr glücklich. Inzwischen ist er 14. Anfangs war er dagegen, London zu verlassen. Er sagte: 'Hey, Moment mal, ihr redet immer von Rückkehr nach Karatschi. Für euch ist es eine Rückkehr, aber doch nicht für mich!' Aber es ist ein Wunder: Er liebt es hier. Inzwischen ärgern wir ihn und sagen: Junge, es wird Zeit, bald wieder nach London zu ziehen. Er will das auf keinen Fall. Er sagt, London sei gut zum Einkaufen, Karatschi gut zum Leben. Er hat halt hier seine Freunde.

SPIEGEL ONLINE: Ihr neuer Roman "Alice Bhattis Himmelfahrt" ist eine Liebesgeschichte mit einer Christin als Hauptfigur, die einen Muslim heiratet. Auch ein heikles Thema, da Christen in Pakistan verfolgt werden.

Hanif: Nein, nein, mir ging es überhaupt nicht um die Lage der Christen in Pakistan. Ich wünschte mir vielmehr eine Frau als Hauptfigur, nachdem mein erster Roman ja sehr von männlichen Figuren dominiert wird. Als meine Mutter im Sterben lag, habe ich als Teenager viele Monate bei ihr im Krankenhaus verbracht. Ich sah ständig Fremde, die sich um sie kümmerten. Da war diese Krankenschwester, die schon um vier Uhr morgens ins Zimmer kam, um ihr Medikamente zu geben. Ich sah sie immer im Halbschlaf, sie sah sehr müde, aber auch sehr hübsch aus. Dieses Bild von ihr hat mich über die Jahre verfolgt, daraus ist Alice Bhatti entstanden. Zufälligerweise waren viele Krankenhäuser in jener Zeit christliche Einrichtungen und die Krankenschwestern eben Christinnen.

SPIEGEL ONLINE: Sie hatten das Bild dieser Frau im Kopf und dazu auch eine Geschichte?

Hanif: Ich habe immer nur Bilder im Kopf, Eindrücke und Szenen, nie eine Geschichte. Ich schreibe, weil ich die Geschichte nicht kenne und neugierig bin, wie es weitergeht und wie sie ausgeht. Würde ich die Handlung von vornherein kennen, könnte ich nicht schreiben, dann wäre meine Neugier weg. In diesem Fall habe ich das Bild der Krankenschwester ein paar Jahre in mir herumgetragen. Ich sah sie in diesem Krankenzimmer, immer in diesem verdammten Krankenzimmer, nie ging sie raus. Es hat sehr lange gedauert, bis die Geschichte sich in meinem Kopf zu entwickeln begann.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie schreiben nicht täglich?

"Zweimal haben die USA hier Diktatoren unterstützt, weil sie ihnen nützten"

Hanif: Schön wär's. Wenn ich gefragt werde, was ich tue, sage ich: Ich schreibe. Von einem Schriftsteller wird diese Antwort erwartet. Aber ehrlich gesagt, schreibe ich fast nie. Wenn es eine halbe Stunde am Tag ist, ist es ein sehr erfolgreicher Tag. Die meiste Zeit grüble ich, denke nach, versuche herauszufinden, was mit den Figuren passiert, schreibe zwei Sätze, feile ewig daran herum. Das ist ein sehr langer, sehr einsamer Weg, und er kostet viel Kraft.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt nach großer Qual. Wie lange haben Sie gebraucht, um das Buch zu schreiben?

Hanif: Fast vier Jahre. Die Geschichte kam stückchenweise zusammen. Hier eine Szene, da ein weiteres Stück, und man hat keinen blassen Schimmer, wie das zusammengehört. Nach einem Jahr fällt es einem dann ein. Und wenn alles fertig ist, schreibt man das Ganze noch einmal neu.

SPIEGEL ONLINE: Warum eine Liebesgeschichte, in der auch noch ein sadistischer Muslim vorkommt, eine Geschichte voller Folter, Gewalt und Chaos?

Hanif: Warum schreibt man überhaupt einen Roman? Bei mir hat das mit einer Besessenheit zu tun, man verarbeitet persönliche Erinnerungen und Erlebnisse. Man taucht in eine völlig neue Welt ein. Außerdem: Ist nicht jede Liebesgeschichte ein Drama?

SPIEGEL ONLINE: Wirklich?

Hanif: Ich denke schon.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch ist tatsächlich ziemlich düster.

Hanif: Wenn Sie das sagen, wird das stimmen. Ich will damit aber nicht andeuten, dass wir jetzt in Pakistan schwierigere oder schlechtere Zeiten durchleben. Ich glaube, das hat nur damit zu tun, dass ich älter werde.

SPIEGEL ONLINE: Hat man als Pakistaner nicht allen Grund, pessimistisch zu sein? Mit all dem Terror, dem zunehmendem religiösen Fanatismus, der wachsenden Armut?

Hanif: In meinem hohen Alter…

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie mit hohem Alter? Sie sind erst 47.

Hanif: Ich fühle das Alter einfach. Und ich gehöre zu diesen Leuten, die zwanghaft pessimistisch sind. Aber was Pakistan angeht, denke ich, kann man vorsichtig optimistisch sein. Die Medien, die Zivilgesellschaft sind in den vergangenen Jahren sehr viel stärker geworden im Verhältnis zur Armee, die dieses Land seit seiner Gründung vor bald 65 Jahren gesteuert hat. Und dieser Prozess ist unumkehrbar. Ich habe tatsächlich die Hoffnung, dass es aufwärts geht. Es wird keine Revolution geben, aber eine stetige Entwicklung. Anders als die Medien verbreiten, ist hier nicht nur Terror und Gewalt. Als jemand, der sich entschieden hat, in Pakistan zu leben, muss man das wahrscheinlich so sehen.

SPIEGEL ONLINE: Für westliche Maßstäbe ist die Demokratie auch nicht sonderlich ausgeprägt in Pakistan. Ist das Land reif dafür?

Hanif: Schon seit langem. Nur hat Demokratie in diesem Land nie eine echte Chance bekommen. Hinter den Kulissen herrscht das Militär. Ganz abgesehen davon muss ich dem verbreiteten Eindruck widersprechen, was den Einsatz des Westens für Demokratie angeht: Zweimal in meinem Leben habe ich erlebt, wie die USA extrem unterdrückerische Diktatoren unterstützt und sie mit gigantischen Mitteln gefördert haben, weil sie ihnen nützten.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie die antiwestliche Haltung vieler Pakistaner für berechtigt?

Hanif: Man muss ganz deutlich sagen: Die Kritik richtet sich nicht gegen den westlichen Lebensstil. Die pakistanische Politik hat sich immer wieder auf eine Zusammenarbeit mit dem Westen eingelassen, und daraus ist das Gefühl entstanden, dass wir immer wieder benutzt wurden für politische Ziele, die nicht unsere eigenen sind. Die USA haben die pakistanische Armee so gut wie gemietet, und das kommt nicht bei allen 180 Millionen Pakistanern gut an. Die meisten haben keine Lust, Kriege gegen Feinde zu führen, die in Wahrheit gar keine Feinde sind.

Das Gespräch führte Hasnain Kazim.
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