Medien-Darling Stefanie Sargnagel Stakkato of Consciousness

Die Wienerin Stefanie Sargnagel ist ein Liebling der Feuilletonisten, die jemanden Prekäres hypen wollen und auf krasse Suff-Anekdoten hoffen. Nun erscheint ihr zweites Buch "Fitness", eine wirre Ansammlung von Status-Updates und Ausfälligem.
"Unterrichtsmaterial Dosenbier, Tabak, Fernseher": Autorin Stefanie Sargnagel

"Unterrichtsmaterial Dosenbier, Tabak, Fernseher": Autorin Stefanie Sargnagel

Foto: David Bogner

Alle Jahre wieder scheint dem Kulturbetrieb aufzufallen, dass er vornehmlich aus gutbürgerlichen Weißen besteht, die Kultur für gutbürgerliche Weiße produzieren. Dann hypt er ein paar Autoren, die er als prekär einstuft, um sich wieder weltoffen und lebensnah zu fühlen.

In Deutschland fiel diese zweifelhafte Ehre Clemens Meyer zu, in Österreich der 29-jährigen Stefanie Sargnagel. Ihr Debüt "Binge Living" avancierte Ende 2013 mit knapp 3.000 verkauften Exemplaren nicht nur zum Überraschungsbestseller des Kleinverlags "Redelsteiner Dahimène Edition", sondern auch zum Feuilletonliebling.

Jetzt legt Sargnagel ihr zweites Buch vor. "Fitness" besteht wie sein Vorgänger aus copygepasteten Facebook-Statusmeldungen, Callcenter-Dialogen und Microsoft-Paint-Krakelzeichnungen. Den ganzen Quatsch rund um Figurenzeichnung, Plot und Spannungsbogen hat sich die 29-Jährige gespart: Der rote Faden in Stefanie Sargnagels Werken ist Sargnagel selbst; von einem "Alter Ego" der Autorin zu sprechen, fühlt sich da schon falsch an. Die Protagonistin Stefanie lebt wie die Autorin selbst in einer Wiener Sozialwohnung, studiert offiziell Kunst, arbeitet tatsächlich aber fünf Tage die Woche im Callcenter und stürzt abends mit "Bezirksalkoholikern" in abgeranzten Kneipen ab.

"Meine Notizen sind wie ein guter Freund, mit dem ich über alles reden kann", schreibt Sargnagel, und dieser Satz ist Programm: In bis zu 13 Statusberichten pro Tag dokumentiert die 29-Jährige ihr Leben; ein Stakkato of Consciousness. Bei YouTube hieße das "Follow me around" und hätte Millionen von Followern. Sargnagels Facebook-Notizen sprechen eher die Generation Ü15 an: Ihre Statusberichte kommen ohne Beautytipps aus, ohne Games, ohne Longboards und vor allem ohne jeden Willen zur Popularität.

"Ich habe eine Writer's Residency im Callcenter"

Während "Binge Living" hauptsächlich von Callcenter-Grotesken und Alkoholexzessen geprägt war, thematisiert "Fitness" auch den neuen Bekanntheitsgrad einer Autorin, die sich nicht als Autorin begreift und den Kulturbetrieb eher spöttisch-staunend beäugt. "Ich habe eine Writer's Residency im Callcenter", heißt es da, oder "Ich wurde als Autorin eingeladen, einen Workshop mit Jugendlichen zu halten und ihnen bisschen zu zeigen, wie das Leben so aussieht als Schreiberin. Ich hoffe, die Unterrichtsmaterialien (Dosenbier, Tabak, Fernseher) werden gestellt."

Es kann kaum verwundern, dass Sargnagels Verleger gleichzeitig Manager der italophilen Machismo-Popband "Wanda" ist: Hier wird die Sehnsucht des Kulturbetriebs nach Authentizität bedient. Kulturjournalisten reißen sich förmlich darum, mit Stefanie Sargnagel Interviews in den Kneipen zu führen, von denen in "Binge Living" und "Fitness" die Rede ist. Sargnagel soll ihnen Suff-Anekdoten erzählen , zum Beispiel die, als sie im Vollrausch zu einem Mann ins Auto gestiegen ist, der sie dann mit einem Messer angegriffen hat.

Sie soll den Sozialbau vorzeigen, in dem sie lebt, dessen Tür mit einem Warnschild versehen ist: "Bitte Türen schließen, sonst kommen die Ratten". Man kann sich vorstellen, was im begeisterten Journalistenkopf vorgehen mag: Kriegen wir jetzt nicht schnell eine Ratte irgendwoher? Sie könnte einmal durchs Bild laufen, ganz entspannt, ganz authentisch. Soll ich zum Supermarkt rennen und ein Stück Käse besorgen? Bitte, ich suche eine Sorte Käse, die Ratten besonders gern mögen, Sie können mir da doch sicher was empfehlen?

Wäre die Autorin älter, hätte kein Verlag das Buch machen wollen

Stefanie Sargnagel nimmt in ihren Büchern sozial konstruierte Normalitäten aufs Korn; sie schreibt über Feminismus, über prekäres Leben, über Aussichtslosigkeit und Depression. Das ist oft zum Brüllen komisch und manchmal tragisch, etwa, wenn ihre bissigen Analysen sich überschlagen und zu wirren Ausfallerscheinungen werden: "Für Julia Engelmann ... Geh deinen Opa besuchen und blas ihm einen unter der Krankenhausdecke, während er schläft und nimm etwas Tschuri am Finger, Baby, und setz dich ans Fensterbrett, Baby, und lass die Sonne drauf scheinen, damit es glänzt").

Man fühlt sich an die Worte eines Vice-Redakteurs  erinnert, der vorsichtig zu bedenken gab, dass viele von Sargnagels journalistischen Aufträgen auch aufgrund ihres größten Hobbys, "dem Biertrinken", geplatzt seien.

Wäre Stefanie Sargnagel zwanzig Jahre älter, kein Verlag hätte aus ihren Facebook-Statusberichten ein Buch machen wollen. Man hätte ihre Mikroerzählungen von einer Flucht vor Selbstverantwortung als derb und peinlich abgetan; noch aber ist sie jung genug, um enfant terrible zu sein, in dessen Leben die Generation Praktikum ein paar Statusberichte lang eintauchen kann, um sich dann erleichtert wieder der Karriere zu widmen. "Sie könnte einem einmal pro Woche per E-Mail einen Witz zuschicken", schrieb eine Feuilletonistin zu Sargnagels erstem Buch; "dann ginge es einem sicher langfristig besser."

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Stefanie Sargnagel:
Fitness

redelsteiner dahimène edition;
292 Seiten; 16,90 Euro.

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