Stephen-King-Comics Soziopathischer Vampir

Der Horrorspezialist Stephen King versorgt Comicschaffende seit Jahren verlässlich mit ausgezeichneten Vorlagen. Jetzt hat er selbst an einem Comic mitgearbeitet.

Panini Comics

Von Jörg Böckem


Bevor der erste amerikanische Vampir auf die Comicwelt losgelassen wurde, brach beim US Verlag "DC" schon die Hölle los. Kaum war die Serie "American Vampire" des Autors Scott Snyder im vergangenen Oktober angekündigt, stand das Telefon nicht mehr still: "Wir bekamen ständig Anrufe von Filmleuten, die wissen wollten, wann sie das erste Heft endlich sehen könnten und schon darüber spekulierten, welche Schauspieler sie für die Verfilmung verpflichten würden." Zu sehen oder zu lesen gab es damals noch nichts. Der Grund für die Aufregung war Snyders Autorenpartner - Stephen King. Der Großmeister des Horrors, von Millionen Fans weltweit verehrt, von der Literaturkritik meist unterschätzt und von Hollywood als verlässlicher Lieferant für kassenträchtige Vorlagen geschätzt, schreibt seine erste originäre Comicserie.

King und Comic, das geht ebenso gut zusammen wie King und Film. Zum einen, weil die sehr bildhafte, atmosphärisch dichte Sprache, der Sog, den seine Geschichten entwickeln, geradezu danach drängen, in Bilder übersetzt zu werden. Zum anderen, weil King selbst bekennender Comicfan ist und dem Genre viel verdankt.

Zeichnerlegende Berni Wrightson hatte schon Anfang der achtziger Jahre das Comicpotential von Kings Werk erkannt und sein Script zu Romeros Film "Creep Show" umgesetzt. Und als 2007 der erste Band der Comicserie "Der dunkle Turm" erschien, in der Kings Assistentin Robin Furth gemeinsam mit Comicautor Peter David und Zeichner Jae Lee das Hauptwerk Kings adaptierte, kampierten die Fans am Erstverkaufstag vor den Läden, die Serie wurde ein Bestseller.

Skinner Sweet, Outlaw und Soziopath

In "American Vampire" erzählt King als Autor eines von zwei parallel erzählten Handlungssträngen die Geschichte des Vampirs Skinner Sweet, einem Outlaw und Soziopathen im amerikanischen Westen der Pionierzeit. Kings Vampire sind keine cool gestylten, glamourösen Figuren, im Gegenteil. "Heutzutage werden Vampire meist als nette, hübsche Spielzeuge für kleine Mädchen geschildert", sagt King, der die weichgespülten Werke seiner Kollegin Stephenie Meyer verabscheut. Skinner Sweet dagegen sei ein wildes, ungezähmtes Tier. In den USA ist gerade der erste Band der Serie erschienen, zumindest an den ersten fünf wird King beteiligt sein. Die deutsche Veröffentlichung ist für Herbst geplant.

Bis dahin können die sich deutschen Leser die Zeit mit dem gerade erschienenen dritten Band von "Der dunkle Turm" die Zeit vertreiben, der grandios düsteren Serie um den jungen Revolvermann Roland, der in einer apokalyptischen Welt überleben muss, gejagt von Magiern und Hexen. Ein blutiger, abgründiger Horror-Fantasy-Western, eine beinahe lichtlose Welt, von Zeichner Jae Lee beklemmend schön bebildert. Oder mit dem ersten Band von "The Stand", der Adaption eines weiteren von Kings Hauptwerken. Autor Roberto Aguirre-Sacasa, für die TV-Serie "Big Love" mit einem Emmy ausgezeichnet, und Zeichner Mike Perkins haben Kings Epos um eine vom Militär verursachte Pandemie, die die USA befällt, kongenial in das Medium Comic übertragen.

Wem das noch nicht reicht, der kann sich mit Kings Handy-Comic "N.", erschienen bei Marvel, verlustieren. Oder sich die neue CD des Country-Sängers Shooter Jennings, Sohn von Country-Legende Waylon, zulegen. Darauf ist Stephen King als Erzähler zu hören. Der 62-Jährige scheint recht umtriebig auf seine alten Tage. Seine Fans werden es ihm danken.


Comics:
- Stephen King, Scott Snyder, Rafael Albuquerque: "American Vampire 1". DC Comic, ca. 4,70 Dollar.
- Robin Furth, Peter David, Jae Lee, Richard Isanove: "Stephen King - Der dunkle Turm - Verrat". Heyne, München; 208 Seiten; 19,95 Euro.
- Roberto Aguirre-Sacasa, Mike Perkins, Laura Martin: "Stephen King The Stand - Das letzte Gefecht - Captain Trips". Panini, Stuttgart; 144 Seiten; 16,95 Euro.
Nähere Angaben siehe z.T. auch oben links



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