Stephen King in Deutschland Der Horrorkönig hält Hof

Stephen King hat Hunderte Millionen Bücher verkauft, er gilt als Meister des Horrorromans. Nun liest er zum ersten Mal in Deutschland - seine Fans empfangen ihn begeistert. Doch jagt er ihnen auch Angst ein, schockt der alte König noch?
Von Oskar Piegsa
Stephen King in Deutschland: Der Horrorkönig hält Hof

Stephen King in Deutschland: Der Horrorkönig hält Hof

Foto: Maja Hitij/ dpa

Die Nacht ist schwarz, als der King kommt. Ein kalter Wind weht. Ein Ort des Grauens ist das Congress Centrum Hamburg zwar nur im übertragenen Sinne des Wortes: ein Zweckbau, in dessen bestuhlten Konzerthallen sonst Truck Stop und Sarah Connor spielen. Doch heute soll es hier ganz offiziell gruselig werden. Eine Premiere steht an: die Lesung von Horrorkönig Stephen King.

King hat in den vergangenen 35 Jahren etliche Romane geschrieben, die in Deutschland zu Bestsellern wurden, "Carrie", "Es" und "Friedhof der Kuscheltiere". Sein Verlag spricht von mehr als 400 Millionen verkauften Büchern. Doch Lesungen gab King hierzulande bisher keine. Auch Signierstunden lehnt er ab. Selbst Interviews meidet er. "Ich bin ein Schriftsteller", sagt King, wenn ihn doch mal jemand zu fassen bekommt. "Ich bin ein Mensch, der die Welt aussperrt und Knöpfe auf seiner Tastatur drückt."

Nach einem Autounfall dachte er sogar daran, mit dem Schreiben aufzuhören. Das war 1999. Vier Jahre später bekam er einen Preis fürs Lebenswerk - und machte weiter. Vor einigen Wochen ist sein neuer Roman "Doctor Sleep" erschienen und auf Anhieb in die Top Ten der Spiegel-Bestsellerliste eingestiegen. Khaled Hosseini und ein, zwei Schwedenkrimis trennen ihn von der Spitze. Es gibt inzwischen einige, die ihm seine Herrschaft über die Massenliteratur streitig machen, vor allem Frauen mit Zauberlehrlingen und Vampiren, Hunger- und Fesselspielen. Zum Weihnachtsgeschäft kommt King deshalb persönlich in Deutschland vorbei. Montag las er vor US-Soldaten im Ramstein, Dienstag in München, Mittwochabend, bevor seine Deutschlandtour wieder endet, in Hamburg.

Aber schockt der alte König noch? Oder ist er nur mehr eine historische Figur? Müsste man seine Bücher langsam aus den Kaufhäusern raus und rüber in die Uni-Bibliotheken räumen?

Ein unscheinbarer King

An die 3000 Leute fasst Saal 1 im Congress Centrum, die meisten Plätze sind schon deutlich vor dem Beginn der Lesung belegt. Menschen drängen sich durch Sitzreihen, zwinkern denen zu, die anstandshalber die Beine einziehen: "Keine Angst, ich beiße nicht!" Kleiner Scherz unter Horrorfans.

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Stephen King auf Lesetour: Umarmungen vom Horrorkönig

Foto: Maja Hitij/ dpa

Als der Name des Autors zum ersten Mal fällt, gibt es Standing Ovations. Dann kommt Stephen King auf die Bühne geschlurft und sieht aus, als wäre er nur kurz vom Schreibtisch aufgestanden: graues T-Shirt, ein bis zwei Nummern zu groß, Schlabberjeans. "Ich hätte wohl einen Smoking anziehen sollen", witzelt er mit Blick auf den Tagesthemensprecher und Moderator des Abends, Ingo Zamperoni, der im makellosen Anzug neben ihm steht. Zamperoni spielt King die Bälle zu, wirkt aber manchmal so, als wolle er ihn dabei übertrumpfen.

Dabei ist völlig klar, wer heute Abend das Publikum begeistert: Wann immer King einen seiner Buchtitel nennt, bricht Euphorie aus. "The Stand" - Jubel! - "Der dunkle Turm" - Toben! - "Das Leben und das Schreiben" - ein vereinzeltes "Yeah!", selbst für dieses Buch, Kings literarische Memoiren.

Menschenfresser treffen auf einen Hellseher

Aus "Doctor Sleep" liest Stephen King von einem iPad vor, am Bühnenrand stehend. Er hat, wie zu erwarten war, eine Sterbeszene ausgesucht. Doch wo bei ihm sonst die Menschen aufgeschlitzt, in Flammen erstickt und von Trümmern erschlagen werden, liest der Autor nun vom Tod eines Leukämiekranken, der nach einem langen Leben und unter den wachsamen Augen seines Pflegers sanft entschlummert. Dieser Pfleger, genannt "Doctor Sleep", ist Daniel Torrance, bekannt als kleiner Junge aus dem King-Roman (und Kubrick-Film) "Shining". Dort ist er der Sohn des alkoholkranken und jähzornigen Schriftstellers Jack.

Die Fortsetzung "Doctor Sleep" erzählt davon, wie Daniel erwachsen wurde. Nun trinkt auch er und droht, die Kontrolle über sein Leben zu verlieren. Noch dazu plagt ihn sein "Shining", die lästige hellseherische Fähigkeit. Und kaum dass er im Sterbehospiz seine Bestimmung gefunden hat, tritt eine fiese Menschenfressersekte auf. Das ist genug Plot für knapp über 700 Seiten.

Nur gruselig ist es nicht - zumindest nicht, wenn Stephen King daraus vorliest.

Stattdessen bringt er sein Publikum immer wieder zum Lachen. Manche Pointen hat er auswendig gelernt, etwa wenn er erzählt, dass es in Deutschland zu jeder Mahlzeit Schlagsahne gebe. "Mit Schlag", sagt King auf Deutsch, es ist sein Running Gag. Andere Scherze kommen spontan, sie kommen gut an. Nur einmal verschlägt es ihm die Sprache: Als Zamperoni ihn fragt, ob er jemals an eine Karriere als Stand-up-Comedian gedacht habe. Darauf weiß selbst King keine clevere Replik.

Schockt der alte König noch? Nein, heute Abend nicht. "Man kann Leuten keine Angst machen, wenn sie alle zusammen sind", erklärt er, kurz bevor er geht: "Aber ich kriege euch, wenn ihr wieder allein seid." Da lacht niemand mehr.

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