Stephen Kings Urteil Harry Potter ist ein männliches Aschenputtel

In einer Rezension hat sich auch Bestseller-Autor Stephen King als Fan des Zauberlehrlings geoutet: Er sieht die Harry-Potter-Bücher in der Tradition von Agatha-Christie-Krimis und warnt vor der Verfilmung.


"Wie ein Potter-berauschtes Kind": Stephen King
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"Wie ein Potter-berauschtes Kind": Stephen King

New York - "Ich bin erleichtert, berichten zu können, dass Potter vier genauso gut ist wie die Potters eins bis drei", schrieb King am Sonntag in seiner Rezension des neuesten Rowling-Buches in der "New York Times". Der US-Autor bescheinigt der Britin Joanne K. Rowling eine "überragende Vorstellungskraft" und einen typisch britischen Sinn für spielerische Details. Am bemerkenswertesten sei jedoch, dass ihre "humorvollen Wortspielereien" auch nach 700 Seiten noch nicht langweilig würden. Das liege vor allem an der "Höchstgeschwindigkeit", mit der Rowling ihre Leser durch die Seiten brausen lässt.

Das erste Harry-Potter-Buch hat King im April 1999 gelesen - und war nur "mäßig beeindruckt". Dann kam sein schwerer Unfall, der ihn monatelang ans Haus band. Während dieser Zeit, schreibt King, "wurden die Harry Potters für mich lebenswichtig. Im Juli und August überstand ich meine unerfreulichen Tage nur durch die Vorfreude auf den Abend: Dann schleppte ich mein Hardware-umwickeltes Bein in die Küche, aß frische Früchte und Eis und las über Harry Potters Abenteuer auf Hogwarts."

Diesen Sommer erwartete King den vierten Band "wie ein Potter-berauschtes Kind". Auch ohne Schmerzmittel konnte er das Buch genießen, weil es "einfacher, unkomplizierter Fun" ist. Das Erfolgsrezept der Serie liegt für King auf der Hand: "Harry ist das Kind, mit dem sich alle Kinder identifizieren - verloren in einer Welt voller verständnisloser Erwachsener. Harry ist ein männliches Aschenputtel, das darauf wartet, dass jemand es zum Ball einlädt." Und letztendlich wird Harry immer eingeladen - eine Erfahrung, die den Leser (King eingeschlossen) glücklich macht. Ein weiterer Grund für den Erfolg der "Potters" sei die immer gute Story, die King weniger an Fantasy-Klassiker wie "Herr der Ringe" erinnert als vielmehr an die Kriminalgeschichten von Agatha Christie oder Dorothy Sayers.

Seine Lobpreisung schließt der Autor, dessen Bücher oft auch Kinoerfolge wurden, mit einer Warnung: Die anstehende Verfilmung könnte Harry Potter doch noch aus seiner Wunderwelt reißen. Denn: "Phantasie ist schwer zu verfilmen. Auf der Leinwand schrumpfen Wunder und werden allzu oft banal." Und dem mit dem Projekt beauftragten Regisseur, Chris Columbus, sei allemal zuzutrauen, auch ein Meisterwerk zu verhunzen. Schließlich habe Columbus mit "Goonies" "einen der lautesten, dümmsten und nervtötendsten Kinderfilme aller Zeiten" auf dem Gewissen. Harry Potter hingegen habe Besseres verdient: einen Platz in der Vorstellungskraft von Millionen Lesern.

Carsten Volkery



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