Sticker-Bildband Das Wunder des Klebens

Aufkleber pappen an Ampeln und Autos, an Laternen und in Latrinen - sie sind überall und werden doch leicht übersehen. Ein britischer DJ, Lebenskünstler und Ex-Junkie hat jahrelang Tausende der bunten Sticker gesammelt und die Klein-Kunstwerke jetzt in einem prallen Bildband veröffentlicht.

DB Burkeman/ Monica LoCascio

Von Laura Reinke


Manchmal bringt Aufräumen ja mehr als einfach nur Ordnung: Der britische DJ DB Burkeman etwa schnappte sich vor ein paar Jahren die Boxen mit seiner Sticker-Sammlung aus längst vergangenen Punk- und Skateboard-Zeiten. Wie ein Briefmarkensammler sortierte der Wahl-New-Yorker alle seine Aufkleber brav in Alben ein. Doch als ein Freund schließlich diese "Sticker-Alben" betrachtete, brachte er Burkeman auf die Idee, sie als Buch zu veröffentlichen.

Gesammelt, gesagt, getan: Kürzlich erschien "Stickers - Stuck-Up Piece of Crap: From Punk Rock to Contemporary Art". Burkeman vereinte Kleberwerke; seine popkulturelle Sticker-Enzyklopädie zeigt rund 4000 Exemplare. Alle, da ist er sich sicher, sind irgendwie auch Kunst. Und so will Burkeman die abgedruckten Werke bald auch in einer Ausstellung zeigen.

Burkemans Bildband ist der erste, der Sticker als Dokumente der Zeitgeschichte in ihren jeweiligen historischen Hintergrund einordnet, verknüpft mit autobiografischen Elementen. Seine Sammlung hat er für das Buch drei Jahre lang erweitert: Er fragte Freunde und Künstler nach ihren Aufklebervorräten, fahndete auf Ebay nach seltenen Stickern - "das höchste, was ich gezahlt habe, waren 10 Dollar für ein Rolling-Stones-Exemplar von 1973. Einige Verkäufer schenkten mir die Aufkleber sogar für das Projekt."

Insgesamt enthält das Buch nun Aufkleber und schriftliche Kommentare von ungefähr 1300 Menschen - von anonymen Amateurkünstlern bis hin zur Street-Art-Größe Banksy, von dem eine Doppelseite selbst designter Sticker stammt. Shepard Fairey, der während Obamas Wahlkampf das berühmte "Hope"-Poster entwarf, stiftete Material für mehrere Seiten und schrieb das Vorwort des Buches. Eine weitere Seite ist Damien Hirst gewidmet, eine ist voller Keith-Haring-Sticker, aber auch Musiker und Skater stellten Teile ihrer Sammlungen zur Verfügung.

Aufkleber als Zeitzeugen

Zusätzlich durchkämmte Burkeman die Straßen von Manhattan und Brooklyn und löste Hunderte von Aufklebern vorsichtig von Laternenmästen, Ampelpfählen und Stromkästen ab; stets bewaffnet mit einem scharfen Messer und Babypuder, um den Kleber zu neutralisieren. Seinen elfjährigen Sohn Max nahm er manchmal mit auf diese Streifzüge, offensichtlich ist er ein talentierter Sticker-Entdecker: Burkeman gab ihm den Spitznamen "Eagle Eye". "Überall nach Stickern zu gucken ist eine Angewohnheit, die ich wahrscheinlich nie wieder loswerde", sagte Burkeman SPIEGEL ONLINE. Dabei teilt nicht seine ganze Familie die Sammelwut: "Wenn ich mit meiner Frau unterwegs bin, strenge ich mich sehr an, das zu lassen. Es macht sie wahnsinnig."

Die Straßen-Sticker sortierte Burkeman für das Buch nach Themen, es gibt zum Beispiel eine Katzenseite, Seiten voller Totenköpfe oder Zombies und viele Schriftzüge, Logos oder Sprüche. Manche sind mit Filzstift auf Paketaufkleber oder Pflaster gekritzelt, andere am Computer entworfen. Einen Teil konnte Burkeman anhand von markantem Stil oder namentlicher Kennzeichnung auch nach Künstlern ordnen.

Die Designerin Monica LoCascio war Burkemans Projektpartnerin und half bei der Gestaltung. Gastautoren erklären zudem die Aufkleberkultur und schildern mit kleinen Anekdoten ihre Liebe zum klebenden Kleinkunstwerk. Burkeman, der als Vornamen nur "DB" und sein Alter gar nicht nennen will, zeigt zudem Fotos von besonderen Sticker-Projekten - zum Beispiel riesige Pelzaufkleber in Tierformen.

An Aufklebern liebt Burkeman am meisten, "dass sie beweisen, wie eine einfache Grafik oder ein Design in das gesellschaftliche Unterbewusstsein eindringen kann und Teil des visuellen Zeitgeists für die nächsten 10 oder 20 Jahre wird." Im Buch zeigt er dazu passend Sticker, "die alles veränderten", die über die Jahre weiterentwickelt wurden und deren Ursprünge er für das Buch erforschte. Zu sehen sind etwa der Rolling-Stones-Mund mit der herausgestreckten Zunge, das AC/DC-Logo und der schwarz-rot-weiße Run-DMC-Schriftzug in verschiedenen Varianten.

Mit einer Banane fing alles an

Ein wenig plagt Burkeman aber auch sein schlechtes Gewissen; er weiß, dass manche Künstler nicht wollen, dass man ihre Werke ablöst. Zur Rechtfertigung erklärt er sich selbst und anderen, dass er die Sticker "einem breiteren Publikum verfügbar" macht. "Ich hoffe, dass die Künstler zufrieden sind, wenn ihre Kunst in einem Buch verewigt wird. Sticker sind vergänglich - sie verblassen, lösen sich ab oder werden von der Stadtreinigung entfernt. Ich mag den Gedanken, dass wir sie davor bewahren."

Sticker sind für Burkeman "winzige, tragbare Kunstwerke". Vielleicht sind sie ja auch einfach eine der wenigen Konstanten in seinem Leben. Er wuchs in London auf, brach als 14-Jähriger die Schule ab, als er "gerade mal lesen und schreiben konnte". Es folgten ein paar Jahre auf einem Internat. Irgendwann während dieser Zeit sah er den ersten Musikaufkleber, der ihn faszinierte: Andy Warhols Banane mit abziehbarer Schale auf dem Velvet Underground Debütalbum von 1967.

Nach der Schule tauchte Burkeman in die Londoner Punk-Rock-Szene ab - und rutschte gleichzeitig in eine mehrjährige Heroinsucht. Triste Jahren, die er heute mit trockenem Humor kommentiert: "Genau wie die Leute, die ich damals kannte, schafften es auch nur wenige Sticker, diese Zeit zu überleben." Nach seinem Entzug wollte Burkeman in New York Fotograf werden - was ihm misslang. Stattdessen arbeitete er als DJ in London und New York, beriet ein Musiklabel und organisierte Partys, die er mit selbst entworfenen Aufklebern promotete.

Heute legt er nur noch einmal pro Woche auf. Er interessiert sich für Street Art und zeitgenössische Kunst - zurzeit favorisiere er Aufkleber von Künstlern wie Banksy oder Barry McGee. Und er sagt, seine eigene Lebensgeschichte anhand von Stickern zu erzählen, sei "der einzige spannende Weg", es überhaupt zu tun.

Im Moment lagern alle Originale noch in Kisten verstaut im Kleiderschrank seiner Frau, doch bald werden sie gerahmt; Burkeman bereitet eine große Ausstellung vor. Videoinstallationen und Street-Art-Fotografie sollen dazukommen, mit besonderem Fokus auf berühmte Künstler. Die Ausstellung ist für 2011 geplant und soll weltweit gezeigt werden, unter anderem in Berlin.

Wer darauf nicht warten will und wen schon jetzt die Klebelust gepackt hat: Ganz am Ende des Buches findet der Leser acht herausnehmbare Bögen voller Sticker, teilweise exklusiv von Künstlern entworfen. "Ich kann es kaum erwarten, sie auf Fahrrädern, Computern und Skateboards zu sehen", sagt Burkeman.


DB Burkeman und Monica LoCascio; "Stickers - Stuck-Up Piece of Crap: From Punk Rock to Contemporary Art"; 300 Seiten; Rizzoli Verlag New York; 26,92 Euro.



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cyberfreddy 15.11.2010
1. Ergänzung: pop.ac
Klingt interessant, aber wer schon lange große Sachen auf dem Gebiet macht ist pop.ac http://pop.ac/ "Kleben und Kleben lassen" ist auch eigentlich ein Titel einer Performance-Reihe von ihm. Ich war ein wenig überrascht, dass die Fotoserie hier auf Spon auch so heißt. Herzliche Grüße Nils
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