Stieg Larssons Lebensgefährtin Rache der Enterbten

Keine Euros, keine Ehre: Die Lebensgefährtin von Stieg Larsson hat ein Buch über ihr Leben mit dem Krimi-Autor geschrieben und stellt sich darin als Co-Autorin des Welterfolgs dar - die allerdings um dessen Früchte geprellt wurde. Nicht nur das macht Eva Gabrielssons Buch zu einer schmerzhaften Lektüre.

Von , Stockholm


Dreißig Jahre zusammenleben mit einem schlechtbezahlten Journalisten, der so weltfremd ist, dass er nicht mal seine eigenen Rechnungen bezahlen kann. Einem Mann im abgewetzten Cordsacko, der tagsüber für eine auflagenschwache linke Zeitschrift schreibt und danach den gemeinsamen Feierabend der Herausgabe eines Science-Fiction-Fanzines namens "Fanzac" opfert. Möchte man ein Buch über so einen Mann und so eine Beziehung lesen? Wenn es um Eva Gabrielsson und ihr Buch "Millennium, Stieg und ich" geht, schon - denn ihr Lebensgefährte war Stieg Larsson, und der wurde als Autor der sogenannten "Millennium"-Trilogie posthum zu einem der erfolgreichsten Schriftsteller der Welt.

Die Geschichte von der märchenhaften Verwandlung des erfolglosen Nerds Stieg zum internationalen "Millennium"-Stieg kennt man. Es ist die Geschichte eines blutigen literarischen Anfängers, der aus heiterem Himmel Tausende Seiten Kriminalprosa schreibt und damit die Bestsellerlisten der ganzen Welt stürmt. Der über 47 Millionen Bücher verkauft hat und dabei mindestens 50 Millionen Euro Reingewinn in die Taschen der Urheberrechtsbesitzer gespült hat.

Eva Gabrielsson erzählt die gemeinsame Geschichte so: Ende der siebziger Jahre treffen sich die beiden in linken Studentenkreisen. Eva ist damals 19, Stieg 18. Über die folgenden drei Jahrzehnte zeichnet Gabrielsson dann das Bild eines Paares, das in vollkommener Symbiose lebt. Vereint sind die beiden in ihrem Engagement für die Gleichstellung von Mann und Frau. Gemeinsam trommeln sie unaufhörlich gegen den schwedischen Neofaschismus.

Nebenbei schreibt Larsson an einem umfänglichen Krimiprojekt und findet dafür schließlich einen Verleger. Sein erstes Buch "Män som hatar kvinnor" (Männer, die Frauen hassen, auf deutsch: "Verblendung") soll Anfang 2005 erscheinen, ein bescheidener wirtschaftlicher Erfolg für die Amateur-Schriftstellerei zeichnet sich ab. Gabrielsson erinnert sich, wie sie und Stieg nach Jahrzehnten der Entbehrung langsam das Träumen wagten: Eigentumswohnung, Häuschen in den Schären, aber noch keine Aussicht auf Weltruhm.

Bevor das Paar in der Bürgerlichkeit ankommt, stirbt Larsson im November 2004 plötzlich - Herzinfarkt, mit nur 50 Jahren. Danach entbrennt ein bitterer Streit um das Erbe, der reichlich Stoff bietet für Spekulationen um den Mythos des "Millennium"-Mannes. Die große Verliererin dabei: Gabrielsson. Unverheiratet und ohne Partnerschaftsvertrag kann sie weder ökonomische noch ideelle Ansprüche stellen, da ihr Partner kein Testament hinterlässt. Larssons gesamtes Eigentum, inklusive aller Urheberrechte, fallen an Vater und Bruder des Verstorbenen, die weit entfernt im nordschwedischen Städtchen Umeå leben.

Eine unglaubliche Ungerechtigkeit, sollte man meinen. Oder schlicht ein Lehrstück in Zeiten moderner Lebenspartnerschaften: "Schreibt Testamente, ihr Mädchen und Jungen!" vermeldete eine Rezensentin des schwedischen Radios als die Moral von der Geschicht'.

Wer schätzt schon Selbstgerechtigkeit?

Traumatisch erlebt Gabrielsson die Monate nach Stiegs Tod, ein absurder Schockzustand. Denn während die Hinterbliebene noch glaubt, mit ihrem Schmerz allein zu sein, bricht der literarische Siegeszug ihres geliebten Partners los. Als der erste Teil der "Millennium"-Trilogie schließlich erscheint, macht der Verlag eine große Nummer daraus. In Stockholms Buchsupermärkten stapeln sich die Bücher zu Türmen. In den Schaufenstern hängen riesige Porträts des Toten.

Makaber findet Gabrielsson diese Inszenierung. Mit ihrem Bild des Lebensgefährten passt der Erfolgsrummel überhaupt nicht zusammen. Und auch nicht mit ihrem Verständnis davon, wem die Geschichte der "Millennium"-Helden Mikael Blomqvist und Lisbeth Salander wirklich gehört. Eines der wichtigsten Anliegen von "Millennium, Stieg und ich" ist es nämlich, dem Leser klar zu machen, dass die "Millennium"-Welt im Grunde nichts anderes sein ist als Larssons/Gabrielssons literarisierte Biografie. Themen, Orte und Personen seien passagenweise nahezu identisch. "Ich will zeigen," sagt Gabrielsson, "dass Stieg unser gemeinsames Leben in die Bücher hineingegossen hat. Dass er es dann war, der alles niedergeschrieben hat, war eher ein Zufall."

So stilisiert sich Gabrielsson zur Co-Autorin des Werkes, der außer Millionen Euro eben auch die Ehre vorenthalten wurde. Das schmerzt beim Lesen und weckt geradezu das Bedürfnis, das Buch aus der Hand zu legen. Wer schätzt schon Selbstgerechtigkeit? An einer besonders eindringlichen Stelle beschreibt Gabrielsson beispielsweise eine Wikingerzeremonie an einem Strand der Stockholmer Innenstadt. Gemeinsam mit Freunden werden Larssons alte Feinde mit einem rituellen Fluch belegt. Eine herrliche Szene eigentlich - wäre sie nicht wahr.

Kritiker in aller Welt haben die "Millennium"-Figur Mikael Blomqvist als Alter Ego seines Erschaffers Stieg Larsson und die besonnene Verlegerin Erika Berger als Eva Gabrielsson gedeutet. Vielleicht ist die rachedurstige Hackerin Lisbeth Salander ja in Wirklichkeit Eva Gabrielsson? Dem Motiv der von aller Welt verratenen Rächerin wird sie mehr als gerecht.

Stieg Larsson selbst hat Lisbeth Sallander als eine Art erwachsene Pippi Langstrumpf dargestellt. Der schwedische Feuilletonist Lars Linder findet diese Verwandlung bedenklich. "Bei Astrid Lindgrens Figuren gab es immer Trauer," sagt Linder. "Rache war ihr fremd. Die schlich sich als großes Thema in die schwedische Literatur erst, als Schriftsteller der radikalen siebziger Jahre den Glauben an die Revolution verloren und Thriller-Autoren wurden."



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Kitu 06.05.2011
1. Er is ja nun tot
Zitat von sysopKeine Euros, keine Ehre: Die Lebensgefährtin von Stieg Larsson, hat ein Buch über*ihr Leben mit dem Krimi-Autor geschrieben und stellt sich darin*als Co-Autorin des Welterfolgs dar - allerdings um dessen Früchte geprellt. Nicht nur das macht*Eva Gabrielssons*Buch*zu einer schmerzhaften Lektüre. http://www.spiegel.de/kultur/literatur/0,1518,760386,00.html
kann diesbezüglich nichts mehr sagen. Aber wenn sie denn so als "Co-Autorin" an diesen fantastischen Büchern mitgewirkt hat, so wird es ja kein sonderliches Problem darstellen, noch ein paar Bestseller abzuliefern.
D50 06.05.2011
2. ...
Die Bücher waren schrecklich.
RaMaDa 06.05.2011
3. Wenn's um Geld geht....
Nennt man solche Leute nicht auch "Trittbrettfahrer".
VPolitologeV, 06.05.2011
4. Titel
Ich verstehe das nicht ganz. Bei jedem Autor finden sich Splitter aus der Realität in den Werken wieder. Hemingway beispielsweise. Was hat seine Lebensgefährtin mit der Realität ihres Mannes zu tun, was hat sie DARAN geschrieben? Es wäre ein Zeichen der Höflichkeit, daß die Familie etwas von dem Erfolg abgibt, aber daraus läßt sich kein Anspruch ableiten...
sincere 06.05.2011
5. Hmm.
Wenn die gute Damen schon unverdient leer ausbleibt dann sollte man ihr zumindest den Respekt für ihren Anteil an dem ganzen zollen.
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