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11. Oktober 2007, 13:02 Uhr

Stockholm

Literaturnobelpreis für Doris Lessing

Feministin, Kommunistin, Individualistin: Der Nobelpreis für Literatur geht in diesem Jahr an die britische Schriftstellerin Doris Lessing. Hauptwerk der 87-Jährigen ist der Emanzipations-Klassiker "Das goldene Notizbuch". Die Entscheidung der Schwedischen Akademie rief Kritik hervor.

Stockholm - Doris Lessing war einkaufen, als die Schwedische Akademie ihre Entscheidung verkündete. "Ich habe sie angerufen, niemand hebt ab", hatte der Sekretär der Akademie, Horace Engdahl, gesagt und gemutmaßt, dass die 87-Jährige Offensichtlich nicht auf seinen Anruf gewartet habe.

Erst gute zwei Stunden später, als sie mit einem Taxi vor ihrem Haus im Norden von London vorfuhr, erfuhr Lessing von Reportern, dass sie den Nobelpreis bekommen würde. Ihre erste Reaktion laut AP: "Das geht jetzt schon 30 Jahre lang so. Ich habe alle Auszeichnungen in Europa gewonnen, jeden verdammten Preis! Also bin ich entzückt, sie jetzt alle zu haben. Es ist ein 'Royal Flush'."

Doris Lessing wurde als "Epikerin weiblicher Erfahrung" gewürdigt, "die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen hat". Die Ehrung der Britin gilt als Überraschung, da in der literarischen Welt vor allem die seit Jahren immer wieder als Nobelpreis-Kandidaten gehandelten US-Autoren Philip Roth und John Updike favorisiert wurden.

Zu den bekanntesten Werken Lessings zählen unter anderem "Afrikanische Tragödie", "Das goldene Notizbuch", "Unter der Haut", "Schritte im Schatten" und "Die Kluft". Lessing gilt neben Virginia Woolf als eine der wichtigsten weiblichen Persönlichkeiten der britischen Literatur.

Feminismus-Ikone wider Willen

Das 1961 veröffentlichte "Notizbuch" wird als Hauptwerk Lessings und als moderner Klassiker betrachtet. Im Mittelpunkt des Romans stehen zwei politisch engagierte, intellektuelle Frauen, die sich gegen die Dominanz der Männer durchsetzen wollen. Das Buch gilt wegen dieser emanzipatorischen Thematik als Meilenstein der feministischen Literatur. In der mehr als 100-jährigen Geschichte des Literaturnobelpreises ist Doris Lessing erst die elfte Frau, die diese Auszeichnung zuerkannt bekommen hat. Preisträgerinnen waren Pearl S. Buck (1938), Nadine Gordimer (1991), Toni Morrison (1993) und Elfriede Jelinek (2004).

Ihren Ruf als Feminismus-Ikone errang Lessing eher gegen ihren Willen, als "Das goldene Notizbuch" für sie unerwartet zum Erfolg wurde. Lessing, die sich Zeit ihres Lebens politisch und gesellschaftlich engagierte, wollte sich nie vom Feminismus vereinnahmen lassen, blieb immer Individualistin. Die beschwerliche Beziehung zwischen Mann und Frau ist allerdings ein Grundthema ihrer Bücher. In ihrem gerade erschienenen neuen Roman "Die Kluft" beschreibt sie eine fiktive, aber sehr friedliche Welt voller Frauen - in die erst mit den Männern auch Probleme einziehen.

Doris Lessing wurde 1919 als Doris May Taylor in iranischen Kermanshah geboren. Ihr Vater, ein kriegsversehrter britischer Offizier, zog später mit der Familie ins damals britische Südrhodesien, das heutige Simbabwe. Die Erfahrungen in Afrika prägten ihr Werk entscheidend. Nach ihrer massiven Kritik an der Rassentrennung durfte sie jahrzehntelang nicht nach Simbabwe und Südafrika reisen.

Bewegte Biografie

Erste literarische Erfolge erzielte Lessing 1949, als sie nach England übersiedelte und ihren Debüt-Roman "Afrikanische Tragödie" über eine verbotene schwarz-weiße Liebe veröffentlichte. In Afrika ließ sie zwei Kinder zurück, die sie mit einem Kolonialoffizier bekommen hatte.

Später heiratete Lessing den deutschen Exil-Kommunisten Gottfried Lessing, von dem sie einen Sohn hat und dessen Schwester Irene die Mutter des Politikers Gregor Gysi (Die Linke) ist. Lessing selbst war bis zum sowjetischen Einmarsch in Ungarn Mitglied der britischen Kommunisten. Heute hat sie nach eigener Aussage für politische Bewegungen nichts mehr übrig.

Einen dritten Band ihrer bewegten Autobiografie will sie nach den bereits veröffentlichten Büchern "Unter der Haut" (1994) und "Schritte im Schatten" (1997) nicht schreiben. Begründung: Sie wolle vielen Leuten, die mittlerweile etwas geworden sind, nicht auf den Schlips treten.

Lessing galt seit mehr als 30 Jahren als Kandidatin für den Literaturnobelpreis. Sie selbst mutmaßte einmal: "Ich bekomme ihn nie." Kurz vor ihrem 88. Geburtstag am 22. Oktober darf sich die britische Autorin jetzt mit der höchsten Auszeichnung der Literaturwelt schmücken.

Reich-Ranicki: "Bedauerliche Entscheidung"

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki nannte die Entscheidung der Nobelpreis-Jury für Doris Lessing enttäuschend. "Ich finde sie bedauerlich", sagte der 87-Jährige. Er sei der Ansicht, dass die angelsächsische Welt, "viele, jedenfalls mehrere bedeutendere, wichtigere Schriftsteller hat". Er habe erneut erwartet, dass Philip Roth oder John Updike ausgezeichnet werden. "Weder der eine, noch der andere hat den Preis bekommen, na ja."

Reich-Ranicki sagte, er habe von Lessing "vielleicht drei" Bücher gelesen. Das sei aber schon lange her. "Nichts hat mich wirklich beeindruckt." Er sei aber nicht überrascht über die Entscheidung der Jury. "Wir hatten ja mehrere Autoren, die im Laufe der letzten Jahre den Preis bekommen haben, wo es eigentlich ganz und gar unbegreiflich war." Als Beispiele nannte er "Dario Fo mit Sicherheit und auch eine deutschsprachige Autorin", ohne die Österreicherin Elfriede Jelinek namentlich zu nennen.

Reich-Ranickis Kollege Denis Scheck meint zur Ehrung Lessings: "Eine gute Entscheidung, aber eine Entscheidung, die zwanzig Jahre zu spät kommt", sagte er der dpa. "Politisch ist die Entscheidung zu begrüßen, weil hier eine Vorkämpferin des Feminismus und des Anti-Rassismus geehrt wird. Ästhetisch dagegen ist es eher eine Pleite."

Für Günter Berg, Geschäftsführer des Hoffmann und Campe Verlags, ist der Literaturnobelpreis für Doris Lessing "aus heiterem Himmel" gekommen. Auch wenn er immer gehofft habe, dass sie die Auszeichnung einmal erhalte, sagte Berg. Es sei ein "großes Glück" für den Verlag, bei dem sie seit etwa 15 Jahren publiziere. Lessing habe den Preis "verdient", sagte Berg. Er gehe an eine Frau, die sich für Frauenrechte eingesetzt habe, ohne sich vom Feminismus vereinnahmen zu lassen.

Der Hoffmann und Campe Verlag hat bereits die ersten zwei Teile der geplanten 15-bändigen Werkausgabe von Lessing herausgebracht. Weitere zwei Bücher kommen nach Bergs Angaben im kommenden Jahr. Lessings nächster Roman erscheine in etwa zwei Jahren. Lessing weilt laut Berg zurzeit in London und werde wahrscheinlich nicht mehr zur Buchmesse kommen.

Im letzten Jahr erhielt der türkische Schriftsteller Orhan Pamuk die renommierte Auszeichnung, 2005 ging der Preis an den britischen Dramatiker Harold Pinter. Letzter deutscher Preisträger war Günter Grass (1999).

Der Nobelpreis für Literatur ist mit rund zehn Millionen Kronen dotiert, umgerechnet sind das 1,1 Millionen Euro. Er wird mit Unterbrechungen seit 1901 vergeben. Nach dem Willen des Stifters Alfred Nobel geht der Preis an denjenigen Autor, "der in der Literatur das Ausgezeichnetste in idealistischer Richtung hervorgebracht hat". Laut Satzung der schwedischen Akademie soll das Werk von sehr hohem literarischen Rang sein und dem Wohle der Menschheit dienen.

Die feierliche Verleihung der Nobelpreise in Stockholm findet traditionell am 10. Dezember statt - an Alfred Nobels Todestag.

bor/dpa/ddp/AP

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