Story-Band "Emporium" Worauf verliebte Scharfschützen abzielen

Kalt und finster ist die Welt, die der Amerikaner Adam Johnson in seinen Kurzgeschichten entwirft - und doch ist sie faszinierend. Der Alltag steckt voller Abgründe: Reales und Surreales, Lustiges und Bedrohliches sind eng verknüpft.
Buch von Adam Johnson: Alltag voller Abgründe

Buch von Adam Johnson: Alltag voller Abgründe

Foto: Liebeskind

Wenn der 15-jährige Knabe seine Opfer mit einer Kugel in die Brust auslöscht, stellt er sich eine aufblühende kleine Rose vor. Kopfschüsse werden zu "einem rosigen Hauch von Schleierkraut", Lebertreffer verwandeln sich in "bräunlich-grüne Früchte", und "Austrittswunden gleichen im Allgemeinen roten, ineinander verschlungenen, sich emporschlängelnden Ranken, ähnlich den neuen Sprossen eines Frühlingshibiskus".

So blumig verklärt der "Teen Sniper" sein Handwerk in der gleichnamigen Kurzgeschichte des Amerikaners Adam Johnson. Im Auftrag der Regierung eliminiert er mit präzisen Fernschüssen durchgeknallte Computer-Programmierer und andere Störenfriede im Silicon Valley, dem Reich des digitalen Goldrauschs.

Er ist ein weltfremder Melancholiker, der die Bilder, die ihm nachts den Schlaf rauben, bei der Tagesarbeit durch Blütenphantasien verdrängt. Sein einziger Freund ist ein auf Bombenentschärfung programmierter Roboter, und das Mädchen, in das er sich verguckt hat, betrachtet er lieber aus sicherer Ferne durch das Zielfernrohr seines Gewehrs.

Die Welt, in der sich die Figuren des Adam Johnson behaupten müssen, ist kalt, aber faszinierend. Der vermeintlich normale Alltag ist voll von Abgründen. Reales und Surreales, Lustiges und Bedrohliches sind eng verknüpft. Als "eigenwilliger" und "talentierter Erzähler" wurde Johnson dafür von Michiko Kakutani gelobt, der Literatur-Scharfrichterin der "New York Times". Nun erscheint "Emporium", ein Band mit neun Kurzgeschichten, auch in Deutschland.

Lakonisch, absurd und grell-düster

Menschen, die das Buch bei Amazon orderten, packten auch Werke von Raymond Carver, Anthony Burgess und Comic-Star-Autor Garth Ennis in ihren Warenkorb. Das passt, denn das Lakonische (Carver), Absurde (Burgess) und Grell-Düstere (Ennis) dieser Könner findet sich auch in den "Emporium"-Erzählungen.

"In ihrem Hinterhof" ist die Geschichte eines desillusionierten Ex-Polizisten, der in einem Zoo kranke, gebrechliche und sonstwie aussortierte Tiere exekutiert und nebenher seinen gewalttätigen Sohn zähmen muss. In "Der Satellit Cassini verbreitet Tod und Verderben" kutschiert ein Junge, der den Krebstod seiner Mutter nicht verwunden hat, eine Gruppe exzentrischer Krebspatienten im Bus zu letzten Vergnügungen.

Morbid und finster geht es bei Johnson zu: Seine Geschichten sind Schnappschüsse aus einem künftigen Amerika, bevölkert mit Menschen, deren Leben entgleist ist. Manchmal gerät ihm eine Szene zwar zu frostig, zu raffiniert kalkuliert, was auch daran liegen mag, dass er "Creative writing" an der Stanford Universität lehrt. Aber "Emporium" ist dennoch ein faszinierend irritierender Blick in eine Welt, die so unvorstellbar nicht ist.


Adam Johnson: "Emporium". Aus dem Amerikanischen von Peter Torberg. Liebeskind, München; 285 Seiten; 18,90 Euro.

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