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29. Mai 2002, 16:58 Uhr

Streit um Roman "Tod eines Kritikers"

Walser erwägt Klage gegen die "FAZ"

Der Schriftsteller Martin Walser will die "FAZ" verklagen, weil sich die Zeitung vor Erscheinen seines neuen Romans ausführlich mit dessen Inhalt auseinander gesetzt hat. Von Antisemitismus gebe es in seinem Buch keine Spur, behauptet Walser. In "Tod eines Kritikers" gehe es nicht um Kritik an einem Juden, sondern einem Kritiker.

Schriftsteller Walser: Abrechnung mit dem Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki?
DPA

Schriftsteller Walser: Abrechnung mit dem Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki?

Überlingen - Er wolle juristische Schritte gegen die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unternehmen, sagte der 75-Jährige am Mittwoch. "Ich werde es zum ersten Mal nicht auf mir sitzen lassen, dass man Behauptungen in die Welt setzt, ich bediente mich eines "Repertoires antisemitischer Klischees", sagte der Autor der Deutschen Presse-Agentur.

Deshalb habe er seinen Verlag in Frankfurt gebeten, juristische Schritte zu prüfen. Er bezeichnete es als skandalösen Vorgang, dass "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher ihm vorwerfe, einen verletzenden Schlüsselroman über den Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki geschrieben zu haben.

Die Zeitung habe aus seiner Sicht einen "Bruch der heiligsten Bedingungen" begangen, dass erst über ein Buch geurteilt werde, wenn es da sei. Außerdem warf er Schirrmacher vor, den Inhalt seines neuen Buchs verfälscht zu haben.

Schirrmacher hatte zuvor in einem offenen Brief in der Mittwochausgabe der "FAZ" an Walser begründet, warum die Zeitung seinen Wunsch ablehne, "Tod eines Kritikers" vorab abzudrucken. "Ihr Roman ist eine Exekution", schrieb der "FAZ"-Herausgeber und bezeichnete den Roman als "eine Abrechnung - lassen wir das Versteckspiel mit den fiktiven Namen gleich von Anfang an beiseite! - mit Marcel Reich-Ranicki. Es geht um die Ermordung des Starkritikers." Schirrmacher bezeichnete das Buch als "ein Dokument des Hasses" und es gehe "um den Mord an einem Juden".

Gegenerklärung von Walser

"Das Buch erzählt die Erfahrungen eines Autors mit Machtausübung im Kulturbetrieb zur Zeit des Fernsehens", bezog Walser am Mittwochnachmittag Stellung. Es sei auch ein Buch "über das Schicksal der Poesie unter Bedingungen des immer rauer werdenden Kulturbetriebs", teilte der 75-jährige Schriftsteller mit. In dem Roman gehe es "nicht um einen Juden, sondern um einen Kritiker", argumentierte Walser.

Walsers neuer Buhmann? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher
DPA

Walsers neuer Buhmann? FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher

Warum Schirrmacher, der Walser ein Spiel mit dem "Repertoire antisemitischer Klischees" vorwirft, dieses Thema auf den Holocaust beziehe, wisse er nicht, heißt es in Walsers Stellungnahme weiter. "Ich hätte nie, nie, niemals gedacht, dass jetzt dieses Buch auf den Holocaust bezogen wird. Verstehen Sie, dann hätte ich das Buch nicht geschrieben", sagte Walser in einem Interview mit dem NDR.

"Ich schreibe über die von Party zu Party taumelnde Kulturbetriebslandschaft und davon, dass es zu einem enormen Star und fröhlichen Menschen nicht passt, umgebracht zu werden. Es passt nicht, und daraus wird gemacht, ich hätte gesagt, getötet zu werden oder den Holocaust zu überleben sei eine Charaktereigenschaft. Wenn Sie alle Sätze, die irgendwo geschrieben werden, immer projizieren auf den Hintergrund Holocaust, dann werden ziemlich viele Sätze sehr komisch wirken, das kann ich Ihnen sagen", wehrte sich Walser.

Verlag: "FAZ" lag unredigierte Fassung vor

Auch der Frankfurter Suhrkamp-Verlag hielt der "FAZ" vor, den neuen Roman Martin Walsers zu früh öffentlich an den Pranger gestellt zu haben. Die der "FAZ" vorliegende Version des Romans sei eine unredigierte Fassung. Diese sei nach Verlagsangaben zum gegenwärtigen Zeitpunkt "nicht zitierfähig". Durch die jetzigen Zitate in der "FAZ" sei der Roman aber "in einem Zustand in der Welt, in dem wir es nie in der Welt haben wollten", sagte Suhrkamp-Verlagsleiter Günter Berg der Tageszeitung "Die Welt". Verlag und Autor bemühten sich nun, das Buch rasch in den Handel zu bringen - womit der Verlag zweifelsohne von dem Rummel profitiert.

"Es wäre der "FAZ" angemessener gewesen, die gewiss notwendige Diskussion um diesen neuen Roman dann zu eröffnen, wenn alle ihn in Händen halten können", meinte Verlagsleiter Günter Berg. "Die Vorwürfe, die Herr Schirrmacher gegen Martin Walser erhoben hat, wiegen schwer. Sie zu beurteilen ist ohne Kenntnis des Buchs unmöglich."

Auf Walsers mögliche Klage gegen die "FAZ" angesprochen, sagte die Verlagsleitung der Nachrichtenagentur dpa: "Der Verlag wird keine juristischen Schritte gegen die FAZ einleiten." Suhrkamp hatte auf Bitten Walsers am Dienstagabend das Erscheinen des FAZ-Artikels vom Mittwoch stoppen wollen. Der Suhrkamp Verlag hatte versucht, eine Einstweilige Verfügung zu erwirken, bei Gericht aber niemanden mehr erreicht. Walser sah in dem Artikel seine Persönlichkeitsrechte verletzt. Jetzt, wo der Text in der Welt sei, sehe der Verlag keinen Handlungsbedarf mehr. "Wenn Herr Walser klagen will, muss er das selbst machen", sagte eine Sprecherin.

"Martin Walser ist nicht der Möllemann der deutschen Literatur"


Hält sich mit seinem Urteil noch zurück: Kritiker Reich-Ranicki
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Hält sich mit seinem Urteil noch zurück: Kritiker Reich-Ranicki

Der Verlag werde versuchen, das Erscheinen des Buches von August auf Juni vorzuziehen, wolle "aber dem Drängen des Autors, es jetzt sofort zu publizieren, einen Moment widerstehen", präzisierte Berg gegenüber der "Welt". Der Verlag müsse den Eindruck vermeiden, "dass das Ganze eine zynische Marketingaktion war".

Mit den Worten "Martin Walser ist nicht der Möllemann der deutschen Literatur" wies Berg in dem Blatt die gegen Walser gerichteten Attacken zurück. In diese Rolle könne ihn auch nicht Schirrmacher drängen. Es habe im Suhrkamp Verlag wie bei jedem Manuskript auch in diesem Fall Diskussionen gegeben. "Den Generalbass Antisemitismus hat es aber dabei nicht gegeben", sagte Berg. Im Übrigen sei man ein Verlag und keine Zensurbehörde.

Der 81-jährige Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki wollte auf Anfragen nichts zu der Auseinandersetzung sagen.

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