Suhrkamp Verlag "Da wurde viel beschädigt"

Mit der Entscheidung des Suhrkamp-Verlags, Martin Walsers umstrittenen Roman "Tod eines Kritikers" zu veröffentlichen, hat sich Marcel Reich-Ranicki inzwischen abgefunden ­ schon ist ein neuer Roman in Sicht, der mit seinem Tod spielt.


Schriftsteller Walser: "Ein Kind und ein Mann zugleich"
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Schriftsteller Walser: "Ein Kind und ein Mann zugleich"

Was für ein Skandal: Ausgerechnet der Frankfurter Suhrkamp-Verlag, Gralshüter der Kritischen Theorie und Betreuer vieler jüdischer Autoren wie Walter Benjamin oder Theodor W. Adorno, bietet der "Frankfurter Allgemeinen" ("FAZ") einen Walser-Roman zum Vorabdruck an, in dem, notdürftig verschlüsselt, der jüdische Kritiker und langjährige "FAZ"-Mitarbeiter Marcel Reich-Ranicki als Macht-Monster und Sex-Molch auftritt, den ein sensibler Schriftsteller eigentlich nur ermorden kann - obwohl die betreffende Romanfigur das dann doch nicht zu tun wagt.

So jedenfalls sieht es "FAZ"-Mitherausgeber Frank Schirrmacher, 42, der sich in einem offenen Brief an Walser wortgewaltig empörte, vor allem über das "Repertoire antisemitischer Klischees", die er in dem Text ausmachte. Er teilte mit, die Zeitung werde auf den Abdruck des Romans "Tod eines Kritikers" verzichten.

Im Hause Suhrkamp brauchte man genau eine Woche, um den Schock zu verkraften. Vergangenen Mittwoch endlich, am Tag, als in der "Süddeutschen Zeitung" ("SZ") ein gutachterlicher Artikel von Joachim Kaiser, 73, erschien (Befund: kein Antisemitismus), gab Verlagsleiter Günter Berg, 42, bekannt, das heikle Buch werde, aller Kritik zum Trotz, veröffentlicht - in jenem Haus, in dem der Autor seit nahezu 50 Jahren fast alle seine Bücher, mehr als 60 Werke, publiziert hat; und zwar nicht erst, wie geplant, im August, sondern schon am 26. Juni, "in der von Martin Walser verantworteten Textform".

Damit stellte sich Suhrkamp hinter seinen Autor und bestritt endgültig den nicht nur von der "FAZ", sondern auch vom SPIEGEL (23/2002), der "Welt" und zuletzt auch von der angesehenen Historikerin Brigitte Hamann, 61 ("Hitlers Wien"), in der Wiener Zeitschrift "Format" erhobenen Vorwurf, Walser spiele leichtsinnig mit uralten antisemitischen Obsessionen - etwa nach dem Motto: "Die Juden machen uns die deutsche Kultur kaputt" (Hamann).

Der Fall wurde nicht nur in den Kulturteilen der Zeitungen und Magazine verhandelt, sondern er war sogar Thema für den Boulevard ("Bild": "Ein Krimi! Ein Skandal! Die Literaturwelt bebt") und die Fernsehnachrichten: der Autor am Pranger. Gleichzeitig wurde das noch unpublizierte Werk - einzigartig in der Literaturgeschichte - zum Gegenstand unzähliger Analysen und Rezensionen: gewissermaßen aus dem Stand heraus.

Ermöglicht wurde das durch die Errungenschaften der elektronischen Datenübermittlung: Der Frankfurter Verlag hatte sich noch am Tag der überraschenden "FAZ"-Attacke dazu entschlossen, das aus Lektoratssicht unfertige Walser-Werk per E-Mail interessierten Redaktionen zur Verfügung zu stellen und so das Kenntnis-Privileg der "FAZ" zu unterlaufen.

Das Interesse am "Tod eines Kritikers" hatte außerhalb der - durch den Möllemann-Westerwelle-Streit in der FDP ohnehin aktuellen - Antisemitismus-Debatte noch einen ganz einfachen Grund: pure Neugier. Denn es schien ja auch auf eine Kraftprobe zwischen zwei altgedienten und telegenen Größen unseres Literaturbetriebs hinauszulaufen, nämlich zwischen Walser, 75, und dem Kritiker und Bestsellerautor Marcel Reich-Ranicki, 82 ("Mein Leben"), der im Roman André Ehrl-König heißt - frei nach Goethes "Erlkönig"-Ballade, die in den Vers mündet "In seinen Armen das Kind war tot" (Brigitte Hamann: "In den Armen des jüdischen Starkritikers stirbt die deutsche Literatur").

Nicht zuletzt mit der Fürsorgepflicht für Reich-Ranicki, den ehemaligen Literaturchef des Blattes, hatte Schirrmacher seinen offenen Brief an Walser und die unübliche öffentliche Ablehnung des Romanvorabdrucks begründet - ein Verstoß "gegen alle guten Sitten der Literaturkritik", wie die bissige Konkurrenz befand, "der sich rechtfertigt nur bei äußerster Gefahr", so "Die Zeit", inszeniert in einem "ungesunden, theatralischen Skandalstil", so die "Frankfurter Rundschau" ("FR").

Bestand äußerste Gefahr? Reich-Ranicki selbst wollte sich zunächst überhaupt nicht zur Sache äußern, tat es dann zögerlich als enttäuschter Kritiker ("ein erbärmliches Buch"), schließlich doch auch als "Betroffener": Er halte zwar nicht den Autor Walser, wohl aber dessen Roman für antisemitisch. "Ich weiß, wie hart der Vorwurf ist", sagte er am Dienstag vergangener Woche in seiner eigenen "Solo"-Sendung im ZDF.

Wer ihn da an seinem Pult sitzen sah, vor sich in der ersten Reihe mit weißen Haaren seine Frau Teofila (die das Walser-Buch als spielsüchtige Kettenraucherin ausstellt), beide Überlebende des Warschauer Ghettos - der konnte sich den leise gesprochenen, fast alttestamentarisch schlichten Worten schwer entziehen: "Die Mordphantasien in diesem Roman im Zusammenhang mit der Person des jüdischen Kritikers haben meine Frau und mich tief getroffen. Wir sind in unserem langen Leben ... mit der Absicht, uns zu ermorden, hinreichend konfrontiert worden."

Mörderische Autorenphantasien seiner Person gegenüber sind ihm durchaus nichts Neues, seit ihn im November 1968 - wie er sich in seiner Autobiografie "Mein Leben" (1999) erinnert - der junge Schriftsteller Rolf Dieter Brinkmann während einer Diskussion in Berlin plötzlich angeschrien hat: "Ich sollte überhaupt nicht mit Ihnen reden, ich sollte hier ein Maschinengewehr haben und Sie niederschießen." Später haben noch andere Autoren - wie Peter Handke, Helmut Heißenbüttel oder Christa Reinig - in Texten oder Interviews seinen Tod herbeiphantasiert.

Was Walsers dahin zielende erzählerische Phantasie, überhaupt seine ad personam angelegte Demontage betrifft, so dürfte Reich-Ranicki aus einem speziellen Grund besonders enttäuscht sein: Er hat den Autor noch 1998 aus Anlass des Streits um dessen Rede in der Frankfurter Paulskirche vehement verteidigt. Dem Vorwurf des damaligen Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Ignatz Bubis, Walsers Rede über Auschwitz als "Moralkeule" zeuge von latentem Antisemitismus, entgegnete Reich-Ranicki: "Ich weiß schon: Ich habe ihm nicht selten ein Unrecht angetan - und mitunter war er mir gegenüber ungerecht. Aber ich weiß auch: Martin Walser ist kein Antisemit. Noch einmal: Ein Antisemit ist Walser nicht."

Vielmehr sei der Dichter "ein Kind und ein Mann zugleich". Selbst eine anstößige Walser-Antwort in einem "SZ"-Interview aus jener Zeit ("Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude") sah der Betroffene in einem milden Licht: Walser sei in der Hitze des Gefechts eine "schreckliche und letztlich törichte Formulierung" entschlüpft.

Vergangene Woche aber hatten solch versöhnliche Töne keine Chance. Ein schwerer Konflikt zeichnete sich ab, zumal für das der Aufklärung verpflichtete Verlagshaus in Frankfurt am Main, zu dem seit 1990 auch der Jüdische Verlag gehört: Sollte man wirklich den "Tod eines Kritikers", diesen vielfach als antisemitisch eingestuften Roman herausbringen? Oder sollte man die Publikation, wie Reich-Ranicki empfahl, lieber einem anderen Verlag überlassen? Angebote, angeblich in Millionenhöhe, gab es schon vor der Debatte.

Für den Verlagsleiter Berg, seit zwölf Jahren bei Suhrkamp tätig und seit Anfang 2000 in geschäftsführender Funktion, war es die bislang schwierigste Entscheidung und im Grunde ein fast unlösbares Problem. Beide, Reich-Ranicki wie Walser, zählen zu den wichtigen Autoren des Hauses. Und es schienen zwei eherne Prinzipien gegeneinander zu stehen: Der "Verlag Benjamins, Adornos, Blochs, Celans" (Reich-Ranicki) dürfe ein antisemitisches Buch niemals verlegen; zugleich aber gilt das Gebot der Treue zu einem Autor, der zudem ein alter Freund Siegfried Unselds ist.

Der bewährt entscheidungsfreudige Suhrkamp-Verleger aber lag gerade in diesen Tagen schwer krank danieder und war nicht ansprechbar. Für Berg eine große Bürde. Unseld, 77, hatte das Manuskript des Romans noch gelesen, offenbar schon in erschöpftem Zustand, und es angeblich mit der Bitte akzeptiert, den Text im Verlag noch einmal auf antisemitische Untertöne hin abzuhorchen.

"Lieber Berg, Sie können nur eine falsche Entscheidung treffen", erfuhr der Rat suchende Verlagsleiter am vorvergangenen Wochenende auch von Reich-Ranicki in dessen Wohnung, "die eine ist vielleicht etwas falscher als die andere ..." Auch von dem zufällig gerade an jenem Wochenende in Frankfurt zur konstituierenden Sitzung zusammengekommenen Stiftungsrat (für die im April errichtete und von der hessischen Landesregierung genehmigte "Siegfried und Ulla Unseld Familienstiftung") konnte Berg sich Meinungen, aber keine Entscheidung erwarten.

Kritiker Reich-Ranicki: "Wir sind mit der Absicht, uns zu ermorden, hinreichend konfrontiert"
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Kritiker Reich-Ranicki: "Wir sind mit der Absicht, uns zu ermorden, hinreichend konfrontiert"

Es zählt zu den vielen Legenden der letzten Tage, dass die dort versammelten Suhrkamp-Autoren Hans Magnus Enzensberger, Jürgen Habermas, Alexander Kluge, Adolf Muschg und Wolf Singer über das Schicksal des Walser-Romans abgestimmt hätten. Die Stiftung, ohnehin eher eine Art Aufsichtsorgan, darf ihre Arbeit überhaupt erst beginnen, wenn Unseld seine Tätigkeit als Verleger nicht mehr ausüben kann.

Der Suhrkamp-Verlag hat die geistige Entwicklung der Bundesrepublik wie kein zweiter begleitet und beeinflusst - auch das macht die Aufregungen dieser Woche verständlich und erklärt den Eifer, mit dem einige Zeitungen voreilig dem "Untergang des Hauses Unseld" zusahen: Die "Welt" befürchtete schon, am Ende "vor den rauchenden Trümmern von Siegfried Unselds einst glorreichem Verlag" zu stehen, sah das "Ende einer Ära" und "Suhrkamps Götterdämmerung" heraufziehen.

Auch die verbreitete Spekulation, Unselds Frau, die Schriftstellerin Ulla Berkéwicz, 50, wolle die Veröffentlichung des Romans bei Suhrkamp verhindern und es zur Machtprobe mit Berg kommen lassen, entbehrt jeder Grundlage. Sie halte Walsers Werk nicht für antisemitisch, stellte sie klar, und sie werde Bergs Entscheidung mittragen. Auch der behauptet, nie mit Rücktrittsgedanken gespielt zu haben. "Um alle Mythen zu zerstreuen: Ich habe nicht eine Sekunde überlegt, das Haus zu verlassen, und es gab auch keine Drohungen von Mitarbeitern, das Haus zu verlassen."

Der Verlagsleiter hofft nun, die für das Haus richtige Entscheidung getroffen zu haben, und weiß zugleich, dass es aus Reich-Ranickis Sicht wohl "die falschere" ist. Der Kritiker aber hat weder je mit der Aufkündigung der Zusammenarbeit gedroht (sein gewaltiges "Kanon"-Projekt wird in diesem Herbst mit einer Romankassette starten), noch hält er den Beschluss jetzt für einen Skandal.

Unseld selbst, dem es vergangenes Wochenende wieder besser ging, weiß von der Zerreißprobe, der sein Verlag ausgesetzt war, noch nichts: Seine Umgebung fürchtet einen gesundheitlichen Rückschlag. Nun hoffen die Verlagsmitarbeiter, zusammen mit Berg, dass Unseld, wenn er alles erfahren hat, sagen wird: "Die haben das gut gemacht!"

Aber es ist auch ein offenes Geheimnis, dass im Verlag kaum jemand den Roman liebt. Das hat nicht nur mit den heftigen öffentlichen Vorwürfen zu tun, sondern auch damit, dass der Autor es für nötig befunden hat, seinen alten Verlegerfreund fiktiv sterben zu lassen - mag auch Walser im SPIEGEL-Gespräch (23/2002) vehement bestreiten, dass sich hinter dem Verleger Pilgrim Unseld verberge. "Da ist viel beschädigt worden", wird im Haus gesagt. Sonst aber dringt wenig nach außen: Der alte Suhrkamp-Corpsgeist bewährt sich.

Am Ende hat Berg die richtige Entscheidung getroffen, sogar die "FAZ" sieht das so - andernorts ist gar von "Erleichterung" ("FR") zu lesen. Geholfen hat Berg der Umstand, dass sich im Lauf der letzten Woche die Stimmen mehrten, die dem Antisemitismus-Vorwurf widersprachen. Weder die Schweizer "NZZ" noch die "SZ" (von Anfang an auf Gegenkurs zur "FAZ"), weder "Stern" noch "Die Zeit" noch "Jüdische Allgemeine" konnten eindeutige antisemitische Töne ausmachen. Die linke Berliner "Tageszeitung": "Das sind, alles in allem, Befindlichkeiten eines älteren Herrn. Walser dafür als notorischen Antisemiten zu geißeln geht zu weit."

Nahezu einhellig aber sind die Kritiker der Meinung: Der "Tod eines Kritikers", den Walser selbst als Komödie versteht und sich gut als Stoff für einen Film von "Rossini"-Regisseur Helmut Dietl vorstellen kann, ist ein "haarsträubend schlechter Roman" ("NZZ"), ein "albern missglückter Text", wie "Zeit"-Autor Fritz J. Raddatz befindet - dem sein Wochenblatt in einer Bildlegende zur Überraschung der Literaturnation auch einen genau berechneten Anteil am Ruhm gönnt: Nur zu 85 Prozent sei mit Walsers Ehrl-König Reich-Ranicki gemeint, zu 15 Prozent dagegen Raddatz. Wegen des gelben Pullovers, den die Romanfigur gern trägt?

Und nach der Tragödie kommt die Farce: Am 8. Juli erscheint in der Frankfurter Verlagsanstalt ein anderes Buch, das ebenfalls, aber weitaus sprachmächtiger, fiktiv den deutschen Literaturbetrieb aufs Korn nimmt: "Schundroman" von Bodo Kirchhoff. Und offenbar kommt an der übergroßen Figur von Reich-Ranicki auch dieser Autor nicht vorbei: Als Louis Freytag hat der viel Geplagte hier einen kurzen Auftritt - ein Auftragskiller tötet ihn versehentlich am Frankfurter Flughafen.

Was wie eine schnell fabrizierte Parodie auf den Rummel um Walser (der in Kirchhoffs Roman verdächtigt wird, Freytag ermordet zu haben) aussieht, ist in Wirklichkeit eine fast gespenstisch wirkende Parallelaktion: Kirchhoff, 53, erfuhr erst während der Arbeit an seinem Buch von Walsers Plänen. Für den SPIEGEL beschreibt er die auch kuriosen Schwierigkeiten dieser Konstellation.

Der Verleger Kirchhoffs ist übrigens Joachim Unseld, 48: Sohn des Suhrkamp-Verlegers, von diesem vor vielen Jahren als Nachfolger bei Suhrkamp ausgebootet. Die Wege in der literarischen Welt kreuzen sich manchmal merkwürdig.

VOLKER HAGE, MATHIAS SCHREIBER


Martin Walser: "Tod eines Kritikers". Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; ca. 240 Seiten; ca. 20 Euro.

Bodo Kirchhoff: "Schundroman". Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main; 320 Seiten; 19,80 Euro.



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