Roman "Superbusen" Die Gisela-Gesetze

Ein Antifa-Roman aus Chemnitz macht wahnsinnig gute Laune: "Superbusen", das Debüt der "Titanic"-Redakteurin Paula Irmschler, ist das Popbuch der Stunde - und zum Glück noch mehr.
Paula Irmschler

Paula Irmschler

Foto: Thomas Hintner/ Ullstein Verlag

Zum Beispiel hat dieser Roman schon mal den großen Vorteil, diesem angeblichen Naturgesetz zu widersprechen, dass aus den Abgehängten und Armen und Benachteiligten unserer Tage irgendwie automatisch Nazis werden müssen. Dass es da einen geheimen Automatismus gibt, dass Leute mit wenig Geld Ausländer verabscheuen, beschimpfen oder erschießen müssen. "Superbusen", der erste Roman der "Titanic"-Redakteurin Paula Irmschler, erzählt eine Geschichte der Armut und Verachtung mal ganz anders.

Konzertpublikum bei "Wir sind mehr" am 3.9.2018: Vorbeiziehende Besuchsantifaschisten

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Foto: STAR-MEDIA/ imago images

Erzählt wird sie von einer jungen Frau, Gisela, aus einer Dresdner Familie mit wenig Geld, einer Familie von der Sorte, wie sie für Reality-Shows gecastet, zum Weinen gebracht und dem Gespött ausgeliefert werden. Giselas Familie wird zum Glück nicht gecastet, aber beschissen ist das Leben trotzdem. Es gibt kein Geld, keine Perspektive und außerdem ist Gisela auch noch von einer Körperfülle, die sie dem Gespött oder der Verachtung jedes dahergelaufenen Hanswurstes ausliefert. Doch Gisela hat keine Lust, ihre Depression zu pflegen oder Flüchtlinge für irgendwas verantwortlich zu machen. Gisela geht nach Chemnitz, in die Stadt, in die ungefähr niemand freiwillig zu gehen scheint, und studiert, macht mit Freundinnen Musik in einer Band, die sie Superbusen nennen, sie trinken, kiffen, feiern, tragen Schwarz und bekämpfen die Nazis vor Ort.

Am Anfang denkt man noch: Paula Irmschler habe da einen klassischen Poproman geschrieben, wie ihn vor allem jede Menge Jungs vor ihr schon geschrieben haben mit viel Musik, Drogen, Jetzt-Emphase und melancholischer Selbstbetrachtung. Aber erstens ist er eben von einer jungen Frau geschrieben, und eines der Gisela-Gesetze ist zum Beispiel: "Frauen kommen super miteinander aus, solange sie nicht in irgendwelche Konkurrenzverhältnisse gebracht werden, bei denen es darum geht, wie gut sie bei Männern ankommen."

Zweitens ist er einfach sehr kämpferisch und kompromisslos politisch. Gisela und die Antifa vor Ort setzen sich einfach mit den Nazis hier auseinander, auch wenn vorbeiziehende Besuchsantifaschisten, die in bundesweit beachteten Chemnitzer Alarmsituationen zu Hilfe kommen, längst wieder weg sind. Die Polizisten vor Ort tun eher nichts gegen die örtlichen Rechtsextremen. Immerhin warnen sie die Antifa-Leute, wenn Nazis in der Nähe sind: "Mir wolltn Sie nur vorwarn, da gomm glei nochn paar von Ihn". Und wenn eine der Musikerinnen von Superbusen darauf fragt: "Ein paar von uns? Wer sind wir denn?" Der Polizist kennt sich aus: "Na, Sie wissn schonn. Linge hald."

Sie sind "Linge hald" und stolz darauf. Machen sich lustig über die überall herumhängenden "Chemnitz ist bunt"-Plakate, wundern sich, wie eine Stadt sich vor aller Augen so dreist belügen kann. Denn bunt - das sieht nun mal jeder auf den ersten Blick - ist hier nichts. Wenn nicht Superbusen ein bisschen Farbe reinbringt. Und gute Musik. Und Widerstandsbereitschaft. Und Humor und einen großartigen, zeitgemäßen, unbedingt notwendigen Roman wie diesen.

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