Jahrhundert-Panorama Deutschland, grobschlächtige Mutter

Der alltägliche Ungeist in den Jahren von Krieg und Nazi-Terror: In "Das letzte Land" schafft Svenja Leiber ein anschauliches Zeitpanorama - in entscheidenden Momenten versagt ihre Hauptfigur ebenso wie die deutsche Gesellschaft.
Von Thomas Andre
Schriftstellerin Svenja Leiber: Deutliche Symbolik

Schriftstellerin Svenja Leiber: Deutliche Symbolik

Foto: Stefan Klüter/ Suhrkamp

Zwei Kriege kommen und gehen, der Nationalsozialismus auch, obwohl er in manchen Köpfen beharrlich nistet. Man kann auch große Pläne haben, wenn die Welt brennt; sie verblassen, wenn man nichts zu fressen hat und an die Front muss. Aber hätte Ruven Preuk, der Held in Svenja Leibers neuem Roman "Das letzte Land", überhaupt eine Chance gehabt? Künstler ist er, ein Musiker, der als Kind in den Feldern steht und den Hafer dirigiert, die Natur mit ihren Licht-und-Schatten-Spielen: Synästhetiker hören dort Dinge, wo andere nur sehen.

Aber Ruven ist ein Genie in der Provinz, zur falschen Zeit am falschen Ort. Zunächst will ihm sein Vater, der Stellmacher, die Leidenschaft aus dem Leib prügeln, dann darf der Junge mit der Gabe zum Geigenunterricht. Es ist der Anfang einer Reise, die den Unterprivilegierten ins jüdische Bürgertum der zwanziger Jahre führt, das in der Großstadt den Ungeist der Nazis kommen sieht, aber bis zuletzt ausharrt. Das Zuhause ist die deutsche Kultur.

Oder die nordeuropäische: In dem lakonisch die Geschichte des 20. Jahrhunderts referierenden Roman gibt es einen Auftritt Edvard Munchs. Dessen epochemachendes Gemälde "Der Schrei" darf man im Kopf haben, wenn man diesen eigenwilligen Bildungsroman liest. Das nicht gelingende Leben des Musikers, der zwar in den herrschaftlichen Häusern der Bourgeoisie vorspielen darf, aber in den entscheidenden Momenten versagt, spiegelt sich im Untergang der Vorkriegswelt.

Feuersturm in Hamburg

Die 1975 in Hamburg geborene und in Berlin lebende Autorin Leiber erzählt mit dem an Johann Peter Hebels Kalendergeschichten geschulten Prinzip der epischen Zeitraffung von Krieg, Unheil, Tod und Holocaust, vom Feuersturm in Hamburg und der Terrorherrschaft der Nazis. Das buchstäbliche und titelgebende "letzte Land" ist dieses Deutschland, das Leiber in einem mit wenigen Pinselstrichen gezeichneten Panorama in seinen Höllenjahren schildert. Das Nazi-Gift fließt schleichend in die Dorfgemeinschaft, in der den Menschen allerdings ohnehin keine Grausamkeit fremd ist. Ein manischer Außenseiter wird aufgeknüpft, eine Kommunistin vergewaltigt und ermordet: kein unschöner Land.

Die apokalyptischen Anwandlungen der Oberschicht, denen der gesellschaftliche Underdog Ruven Preuk rat- und ahnungslos gegenübersteht, fängt Leiber in einprägsamen Szenen ein. Auch die schuldhafte Verstrickung der Menschen wird in kleinen Skizzen und eindrucksvoll dargestellt - etwa, wenn der feinnervige Violinist bei einem Übergriff auf jüdische Blankeneser nur zusieht: "Nichts habe ich getan, außer an meine Finger gedacht. Ich habe ... an meine Finger gedacht!"

Später trägt er einen leeren Geigenkasten mit sich herum, in dem sich nur noch die Asche des Instruments befindet, das einst einen jüdischen Besitzer hatte. Die Symbolik ist überdeutlich, und es ist genau diese Bildhaftigkeit, die dem Roman seine Qualitäten gibt. Ein wenig klischeehaft gerät der Verlierer Preuk manchmal, der natürlich mit dem Trinken anfangen muss. Leiber findet eine Sprache für das Verhängnis: "Er scheint tatsächlich keine Freude mehr zu finden. Ruven fängt an, die Freude richtig zu suchen, zum Beispiel die gebrannte und gegorene."

Vermieterin als Judenretterin

Und trotzdem gibt es in der Gedrängtheit dieser Geschichtsprosa, die Zeitkolorit mit historischen Einschnitten verbindet und das Einzelschicksal mit den Kollektivereignissen, zu viel pointierte Handlungselemente, die unangenehm ins Kitschige abgleiten. Das ist etwa der Fall, wenn sich die Vermieterin zur Judenretterin aufschwingt und sich Preuks Ehefrau Lene unbewusst für die Frau opfert, die Ruven einst liebte: Später wird diese unglücklich und entsagungsvoll begehrte Rahel wie durch ein Wunder dem Massenmord entkommen.

Aber es ist gar kein Wunder, sondern nur der Sadismus eines Nazis, der diesen hellen Strahl ins Dunkel einer vermurksten Zivilisation schickt. Eine Laune des Schicksals, die am Ende aber nichts gut werden lässt. Ruven Preuk, der von der Front zurückkommt, um nur noch das Grab Lenes zu finden und keine Spur von Rahel, heiratet erneut - eine zur Trauer Unfähige, eine Kaltherzige. Wie um sich selbst zu bestrafen.

So einer muss als komplett Gescheiterter und Verbitterter zurück aufs Dorf, auf die Scholle, die er einst lieber verließ. Der verhinderte Künstler, dem als Deutschem das Blut des Weltkriegs an den Händen klebt, lebt dort bei seiner Tochter Marie, deren Leben Leiber im letzten Buchteil in den Mittelpunkt rückt. Marie ist eine halbwegs glückliche Bäuerin, unambitioniert und nur ein bisschen von den Exzessen der Vorgängergeneration geschlagen.

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