Systemkritische Texte Der blutige Skalp der DDR-Literatur

40.000 Manuskriptseiten von insgesamt 100 Autoren haben die Schriftsteller Ines Geipel und Joachim Walther in den vergangenen vier Jahren zusammen getragen. Kisten und Ordner voller Texte, die in der DDR aus politischen Gründen nicht erscheinen durften. Heute wird das "Archiv unterdrückter Literatur" in Berlin übergeben.

Von Antonia Götsch


Autorin Eckert: 25 Jahre Haft für "Freiheit und Demokratie"-Plakate

Autorin Eckert: 25 Jahre Haft für "Freiheit und Demokratie"-Plakate

Edeltraut Eckert wurde nur 25 Jahre alt. Sie starb 1955 im größten und berüchtigtsten Frauenzuchthaus der DDR, dem Gefängnisschloss Hoheneck, bei einem Arbeitsunfall. Ihre Haare hatten sich in einer rotierenden Maschine verfangen, die ihr die Haut vom Kopf riss. "Der blutige Skalp der Literatur", sagt die Autorin und Literaturwissenschaftlerin Ines Geipel und spielt damit auf Zensur und Verfolgung von Schriftstellern in der DDR an.

Geipel hat gemeinsam mit ihrem Kollegen Joachim Walther 40.000 Manuskriptseiten von 100 Autoren zusammen getragen, die ihre Arbeiten aus politischen Gründen in der DDR nicht veröffentlichen konnten. Das "Archiv unterdrückter Literatur" wird in der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die das Projekt finanziell fördert, katalogisiert und archiviert. Ab Herbst soll es auch der Öffentlichkeit zugänglich sein.

Stellvertretend für die meterdicke Sammlung werden Geipel und Walther der Stiftung heute eine Kladde überreichen. Ein kleines Oktavheft, das die junge Edeltraut Eckert im Gefängnis in Bettlaken einschlug, mit ihren Initialen bestickte und schließlich mit bleistiftgeschriebenen Gedichten füllte. 1950 war Eckert zu 25 Jahren Haft verurteilt worden, weil sie Plakate "für Freiheit und Demokratie" in der Tasche trug. Ein halbes Jahr lang durfte sie schreiben, bevor es eine neue Haftverschärfung gab.

Sechs Jahre Gefängnis für 56 Seiten

Vier Jahre lang haben Geipel und Walther recherchiert. Die meisten Autoren auf ihrer Liste sind gänzlich unbekannt. Einige, wie Gabriele Stötzer, haben nach der Wende publiziert. "Für den Eingang in die die Sammlung war allein ausschlaggebend, dass die Schriftsteller ihre Texte nicht in der DDR veröffentlichen konnten", so Walther.

Schriftsteller Monk: Der Rummelplatz als Stasi-Fall
Edith Tars

Schriftsteller Monk: Der Rummelplatz als Stasi-Fall

In kriminalistischer Kleinarbeit machten sich die beiden Literaturwissenschaftler auf die Suche: "Viele Autoren sind irgendwann einmal in einer Akte aufgetaucht. Andere haben ein, zwei Texte in Zeitschriften veröffentlicht, bevor sie literarisch verschwanden", erklärt Geipel. Anhand der Namen forschten sie dann weiter im Telefonbuch, im Bundesarchiv, in der Akademie der Künste und bei der Birthler-Behörde, wo etliche Originalmanuskripte als Beweismaterial lagerten. So auch die Komödie "Hundert Prozent" des Berliner Autors Manfred Barz. 56 Seiten Text, in denen er die Volkswahlen satirisch ad absurdum führt, brachten dem damals 36-Jährigen noch 1980 eine Verurteilung zu sechs Jahren Haft wegen "staatsfeindlicher Hetze" ein.

Barz ist unter den im Archiv versammelten Autoren ein Regelfall, über 20 Prozent haben im Gefängnis gesessen. "Wer international oder zumindest in der Bundesrepublik bekannt war, der war ganz gut gegen den Zugriff der Staatssicherheit geschützt", erklärt Walther. "Aber die jungen, unerfahrenen Autoren, oftmals aus der Provinz, sind für zehn Gedichte drei Jahre ins Gefängnis gegangen".

"Zeig den Menschen die Maske"

Edeltraut Eckert hat keine Chance bekommen, ihr Talent zu entwickeln. "Sie war unvollendet und hatte den ästhetischen Zugang einer 20-Jährigen, über die deutsche Klassik und Rilke", so Walther. In ihren Gedichten verarbeitete sie die Einsamkeit im Gefängnis und ihre Ohnmacht gegenüber der Diktatur - eines der letzten endet mit den Zeilen: "Doch wenn du verzweifelst - mach einen Scherz! Zeig den Menschen die Maske! Nie dein Herz!"

Autorin Geipel: Kriminalistische Arbeit gegen das Verschwinden
DDP

Autorin Geipel: Kriminalistische Arbeit gegen das Verschwinden

"Man muss die Texte, die wir gesammelt haben, vor dem biografischen und zeitlichen Hintergrund sehen", sagt Walther, der früher selbst unter ständiger Beobachtung der Stasi schrieb. Mit persönlichen Briefen, Gerichtsurteilen und Interviews wird auch ein Stück Lebensgeschichte der Autoren in das Archiv einbezogen. Die Schicksale erschüttern. Kurz bevor sie im Krankenhaus an den Folgen ihrer schweren Verletzung stirbt, schreibt Eckert ihren Eltern in einem der letzten Briefe: "Mich hat es mal wieder am Kopf erwischt, aber ich versuche alles so gut wie möglich zu ertragen. Bitte richtet Pakete danach ein, viel Obst."

"Mauer", "Wand" und "Jenseits"

Teile des Archivs werden jetzt von der Edition Büchergilde als "Verschwiegene Bibliothek" verlegt. 20 Bände sind geplant, im März sind Eckerts Gedichte unter dem Titel "Jahr ohne Frühling" und "Blende 89" von Radjo Monk erschienen. Wer 1989 bei den Montagsdemonstrationen und Grenzübergängen dabei war, wird seine Erlebnisse und Gefühle in Monks Wendetagebuch wieder finden - zur verschwiegenen Literatur ist sein Werk jedoch sicher nicht zu zählen. "Wir wollten mit den ersten zwei Ausgaben einen Bogen von den Anfängen bis zum Ende der DDR spannen, daher diese Ausnahme", erklärt Geipel, die die Reihe zusammen mit Walther herausgibt.

Monk, der mit bürgerlichem Namen Christian Heckel heißt, hat 300 schreibmaschinengetippte Seiten zum Archiv unterdrückter Literatur beigesteuert, vor allem Lyrik. Mit einem kleinen Theaterstück wurde der staatlich geförderte Nachwuchspoet 1978 zum Ausgegrenzten. Er war 19 Jahre alt, als er über einen Philosophen und einen Arbeiter auf dem Rummelplatz schrieb. Losbude, Geisterbahn und die an Ketten kreisenden Sitze eines Karussells sind Bilder seiner gesellschaftskritischen Allegorie. "Nach der Wende habe ich den Text in meiner Stasi-Akte gefunden", berichtet Heckel. "Die Wörter Mauer, Wand und Jenseits waren unterstrichen und mit Anmerkungen versehen. Die haben gedacht, ich meine den Westen, dabei hatte ich eher eine metaphysische Idee im Kopf."

Bis zum Ende der DDR versucht Heckel immer wieder, seine Werke unterzubringen - ohne Erfolg. Die späte Aufmerksamkeit für systematisch verschwiegene Autoren sieht er auch mit Genugtuung: "Sonst hätte die Stasi ihr Ziel erreicht, uns alle als 'Schubladenschreiber' abzutun."

Der andere Teil der DDR-Literaturgeschichte

Autor-Archivar Walther: Schreiben unter Stasi-Bewachung
DPA

Autor-Archivar Walther: Schreiben unter Stasi-Bewachung

Die Klassiker der zensurbedrohten ostdeutschen Literatur sind in der Sammlung jedoch nicht vertreten. International renommierte Autoren wie Stefan Heym haben ihre verbotenen Bücher schon vor 1989 im Westen veröffentlicht. Trotzdem könnte das Archiv den Kanon der DDR-Literatur erweitern, indem es ein bislang ausgeblendetes Spektrum literarisch-gesellschaftlicher Erfahrung zugänglich macht. "Bisher ist die Literaturgeschichte einfach unvollständig", so Walther.

Die Komplettierung bringe auch einen neuen Ton zu Gehör; die versammelten Autoren seien in ihrem Zugriff oftmals härter und konsequenter als die geduldeten Kollegen: "Viele fangen erst da an, wo Christa Wolf aufgehört hat." Das Spektrum reiche von intellektuellen politischen Analysen bis zur völligen Ausblendung der DDR in utopischen Traumwelten - auch das natürlich ein ungeheuerlicher Affront gegen die sozialistische Diktatur. Stoffe, die in der DDR überhaupt nicht öffentlich betrachtet werden durften, zum Beispiel Erlebnisse bei der Volksarmee oder im Gefängnis, sind im Archiv gleich mehrfach vertreten.

Für ostalgische Erinnerungen taugen die Manuskripte jedoch nicht. Geipel bringt es auf den Punkt: "Bei vielen Autoren sind nicht nur die Texte, sondern auch die Leben zerstört worden."



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