Täglich bei SPIEGEL ONLINE "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma


Teil 2: ...der Außenwelt…


I. Der Anfang

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The Cold Song (Klaus Nomi)

SAT.1
"Die Angst geht um im Internet", raunt Ulrich Meyer abends durch seine "Akte 99"-Kulisse auf Sat 1, zeigt einen Fünf-Minuten-Beitrag übers Chatten und lässt danach die Vorsitzende des Online-Suchtverbandes nicht zu Wort kommen. Sie darf aber ihr Buch in die Kamera halten, das von "Liebe, Lüge, Lust und Frust im Internet" handelt und sich bisher nicht besonders gut verkauft hat. Dann wird die Internet-Adresse eines neu eingerichteten Chats eingeblendet, in dem Online-Süchtige Erfahrungen austauschen können - als könnte man Alkoholiker beim gemeinsamen Besäufnis therapieren.

Zur selben Zeit ist die überregionale Ausgabe von Marcs Blatt bereits in der Druckerei - mit den Details des vierten Toten: ein verheirateter Maschinenbau-Ingenieur aus Dresden namens Maik Koslowski, der am Montag zerhackt in einem Vorstadt-Hotel gefunden wurde. Koslowski hatte das Zimmer unter dem Namen "Reinhold Beckmann" reserviert. Diesmal stach der Mörder seinem Opfer auch die Augen aus und schmierte ihm die gallertartige Masse um Wangen und Lippen. Aber das schreibt Marc nicht. "Er mordet weiter", brüllt es seinen Lesern auf der Titelseite entgegen. Im Text ist von einer "neuen Geißel der Internet-Ära" die Rede.

Die "Süddeutsche Zeitung" erklärt am Mittwoch in ihrem aktuellen Lexikon auf Seite 3 das Stichwort "Chat". Bis zum Abend liegen auf Marcs Schreibtisch 23 Agenturmeldungen von dpa, AP, AFP und Reuters mit immer neuen Stimmen, Zitaten, Hintergründen und Analysen. Der Sturm hat eingesetzt. Er treibt den Regen vor sich her übers Land. Als letztes schickt dpa eine Vorabmeldung der "Osnabrücker Zeitung". In einem Interview der Zeitung kündigt der Karlsruher Generalbundesanwalt an, die zuständige Internet-Fahndungsstelle des BKA in Wiesbaden "mit allen notwendigen Befugnissen auszustatten, um dem grauenvollen Treiben baldmöglichst ein Ende zu setzen".

DER SPIEGEL
Was für "Befugnisse" sollten das schon sein? Virtuelle Handschellen? Gab es das? Würde es etwas nutzen? Oder wollten sie die ganze Nation vom Internet abklemmen?

Im ARD-Boulevard-Magazin "Brisant" ist am Nachmittag die Witwe des vierten Opfers zu sehen. Sie sitzt vor der Matterhorn-Fototapete ihrer Zwei-Raum-Wohnung in einem renovierten Dresdner Plattenbau, hat verheulte Augen, raucht F6 und sagt, dass sie sich das alles nicht erklären kann. Marc weiß, was sie mittlerweile auch weiß: dass ihr Mann offenbar im Glauben an einen gefahrlosen Seitensprung in das Hotel gefahren ist und dass er eine ganze Reihe schmieriger Kinder-Pornos gehortet hatte in einer alten Truhe seines Kellerabteils. Marc überlegt, was man bei ihm selbst finden würde, wenn er irgendwann nicht mehr wäre und beschließt, demnächst alle Liebesbriefe und die drei Porno-Videos wegzuwerfen, die er noch zu Hause hat. Aus dem Off fragt eine Reporterin: "Was empfinden Sie, Frau Koslowski?" Die Witwe fängt wieder an zu weinen.

Günther Jauch kontert abends in "Stern-TV" mit dem BKA-Chef, den er mit der Frage überrumpelt, ob er schon mal gechattet habe. Der Mann sitzt auf einem roten Ledersessel und schwitzt.

ProSieben Media AG
Die Redaktion von "liebe sünde" auf Pro Sieben hat eine Münchner Psychologin in sehr kurzem Lackrock aufgetrieben, die den Reiz von Cybersex erklären soll. Sie sagt Sätze von der Sorte: "Für erotische Erfahrungen ist immer auch die Fremdheit des Gegenübers wichtig. Insofern ist das Internet ein hocherotisches Medium." Daneben sitzt wieder die Vorsitzende des deutschen Online-Suchtverbandes und versucht eine Antwort auf die Frage der Moderatorin: "Was ist denn nun das besondere? Der Kick via Klick sozusagen?" Auf dem Glastisch liegt ihr Buch.


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