Täglich bei SPIEGEL ONLINE "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma


Teil 2: ...der Außenwelt…


VIII. Karin

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DER SPIEGEL
Und alles nur, weil ein Spinner damit begonnen hatte, Leute abzuschlachten. Oder würde er nach dem sechsten Mord wieder aufhören? Einfach verschwinden? War's das? Wo sollte er sein Bild weitermalen? Welchen Punkt konnte er vergessen haben? "Bild" fragte sich das am Freitag auch. Oder würde der Netzkiller als nächstes anfangen, ein Smiley-Gesicht auf die Deutschlandkarte zu morden? Malen nach zahlen. Karin musste schon wieder lachen. Es war alles so - verrückt. Dieser ganze Sommer. Olivers Heiratsantrag. Das Debakel in New York. Ihre neue "Affäre", wenn man das überhaupt so nennen konnte.

In der "Süddeutschen Zeitung" las Karin, worüber "Bild" kein Wort verloren hatte. In Budweis sei am Sonntag der "Bild"-Reporter verhaftet worden, der den Netzkiller überhaupt erst zum Thema gemacht hatte. Die "SZ" schrieb nichts von "Er hat die sechste Leiche entdeckt". Sie schrieb nur, er sei "in Zimmer 207 neben dem Toten gefunden worden". Ganz so, als könne der Journalist selbst der Mörder sein, auch wenn das natürlich nicht in dem Artikel stand. Die unterschwellige Vermutung war bösartig. Vielleicht war dieser Journalist wirklich der Einzige, der wenigstens kombinieren konnte in all dem multimedialen Netzkiller-Chaos.

Am Ende hieß es knapp, der Reporter sei "nach mehrstündigen Verhören von der tschechischen Polizei wieder auf freien Fuß gesetzt worden", und dass die "Bild"-Chefredaktion "jede Stellungnahme ablehnt". Die Gerüchte-Melange wurde mit einer Menge Fragen überzuckert, die sich Karin auch schon gestellt hatte. Vielleicht war das alles nur eine unglaublich raffiniert eingefädelte Story.

DPA
Es gab ja durchaus Tage, da wachte sie morgens auf und glaubte, dass alles um sie herum, ihr ganzes Leben, nur eine gigantische Inszenierung sei, die von allen gesteuert werden konnte, nur nicht von ihr selbst. So wie in der "Truman Show", wo das Spektakel noch um einen Einzelnen herumgestrickt wurde. Oder in "Matrix", wo am Ende gar nichts mehr als sicher gelten konnte, was wir vorher als wahr annahmen. Aber wenn man alles hinterfragte, was blieb am Ende außer Ratlosigkeit?

Wer war der Netzkiller? Ein arbeitsloser Computerhacker? Ein durchgeknallter Börsenmakler? Ein unbescholtener Verwaltungsangestellter? Eine Psychopathin? Es war immer wieder orakelt worden, der Täter könnte auch eine Täterin sein, auch wenn Karin das nicht glauben wollte. Irgendwo da draußen saß jedenfalls jemand, der wahnsinnig genug war, klar denkend seine Nummer durchzuziehen, ohne entdeckt zu werden. Also: Wer war ES? Ein Software-Entwickler, der sich abends, wenn seine beiden Kinder im Bett waren, in einen deutschen Alptraum verwandelte, ohne sich dafür umziehen zu müssen? Vielleicht ein verheirateter Telekom-Techniker aus Bonn? Ein von seinen früheren Internet-Bekanntschaften enttäuschter Marketing-Manager aus München? Ein unauffälliger Steuerberater aus Köln? Ein durchgeknallter Schlagersänger? Ein mittelständischer Unternehmer aus Kassel? Bad Schwartau? Regensburg? Frankfurt? Wer war Karins unbekannter Freund? Woher kam er? Wie lebte er?

Könnte sein, dass er verheiratet ist. War eigentlich wahrscheinlich. Alle interessanten Männer in Karins Alter waren schon verheiratet. Und vor denen, die es nicht waren, ertappte sie sich häufig bei der Frage: Warum hat der noch keine abgekriegt? Schnarcht der? Neigt er zu Seitensprüngen? Ist er einer dieser Mutti-Männer, die nur betüttert werden wollten?

ER war so weit weg.

ER war ihr so nah.



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