Deutsche Nachkriegsgesellschaft Der Schweigepakt

Draußen geht die Sonne auf, und eine Mutter beichtet dem verstorbenen Sohn ihr Lebensgeheimnis. Hans-Ulrich Treichels "Tagesanbruch" ist ein elementares Buch über Nachkriegsdeutschland.
Deutsche Flüchtlingskinder in einem Auffanglager

Deutsche Flüchtlingskinder in einem Auffanglager

Foto: ERIK KRAGH/ ASSOCIATED PRESS

Manche Dinge sind so unaussprechlich, die erzählt man allenfalls den Toten. Eine Mutter hält ihren in der Nacht an Krebs gestorbenen Sohn in den Armen, und während draußen die Vögel anfangen zu singen, berichtet sie von den Aufbaujahren in Deutschland; von den Entbehrungen und den Selbstkasteiungen in der westfälischen Provinz; von dem ungeheizten Wohnzimmer und dem Klavier, das in der Wohnung stand, auf dem aber nie jemand spielte; von dem drakonisch geführten Familiengeschäft und der beinahe militärisch vollzogenen Ehe.

Der Krieg war vorbei, aber das Soldatische prägte weiterhin den Alltag. Ein deutsches Leben.

In seinem Buch "Tagesanbruch" nähert sich Hans-Ulrich Treichel in karger Sprache dem Lebensgeheimnis der Mutter. Das Selbstgespräch der Alten kreist bald um das negative Kraftzentrum, das fatal auch auf den Jungen wirkte. So wenig wurde in der Familie gesprochen, so viel ist noch zu sagen. Doch der Morgen naht, der Bestatter ist schon bestellt.

Am Leben, irgendwie

Nach und nach melden sich die unterschiedlichen Vögel, die Mutter weiß: "Wenn der Zaunkönig singt, dauert es nicht mehr lange bis zum Sonnenaufgang." Vorher aber muss sie noch was loswerden. Und so legt sie Zeugnis ab von dem Erlebnis, das sie und den Vater unheilvoll miteinander verbunden hat: Auf der Flucht wurden sie von drei russischen Soldaten aus dem Treck gewunken, die Mutter wurde vergewaltigt, der Vater musste alles mit anschauen. Dann sollten die beiden erschossen werden, doch einer der Soldaten ließ sie laufen. Die Eltern blieben, wie man so sagt, am Leben.

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Hans-Ulrich Treichel:
Tagesanbruch

Suhrkamp Verlag; 86 Seiten; 17,95 Euro.

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Amsel, Drossel, Fink und Tod: Treichel hat ein zwingend einfaches Erzählkonzept gefunden, um seine Protagonistin das Unaussprechliche aussprechen zu lassen. Aus der Dunkelheit eben ans Licht drängt hier das Familiengeheimnis, die Lebensbeichte der Mutter hat nichts Konstruiertes. Alles muss raus, bevor der Tag anbricht.

Schon mit seinem Roman "Der Verlorene" von 1998 - später unter dem Titel "Der verlorene Bruder" von Matti Geschonneck für die ARD verfilmt - behandelte Treichel das verheerende Schweigen in einer westfälischen Nachkriegsfamilie. Treichel, heute 63 und einst selber als Kind von Vertriebenen aufgewachsen in der westfälischen Provinz, ist also zu seinem biografisch aufgeladenen Kernthema zurückgekehrt.

In der deutschen Literatur wurden die massenhaften Vergewaltigungen durch die Soldaten der Roten Armee immer wieder thematisiert, entweder als Opfergeschichte (etwa in Marta Hillers in autobiografischem, erstmals 1954 erschienenem Roman "Eine Frau in Berlin") oder als verdrängtes Trauma, das in den Erzählungen mitschwingt und das Verhalten der Figuren bestimmt, ohne dass es ausgesprochen wird (wie in Günter Grass' später Novelle "Im Krebsgang").

Treichel schreibt expliziter. Und zugleich universaler. Einerseits lässt er die Mutter präzise ihr individuelles Schicksal beschreiben, andererseits manifestieren sich hier noch mal die Verdrängungsmechanismen der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Nichts ist in diesem Buch ungefähr, alles ist konkret. Das muss so sein, um sich nicht in diesem Geflecht von Andeutungen und Ahnungen, von Verboten und Verdächtigungen zu verfangen, das Familien über Generationen geprägt hat.

In klarer, knapper Sprache zeichnet Treichel die Vereisungen jener Jahre nach und macht so den Ursprung des kollektiven deutschen Schweigepakts in einer individuellen Beziehungsgeschichte erfahrbar. Wie formuliert die Mutter das Verhältnis zum Vater: "Miteinander verschweißt und füreinander verloren." Nur soldatisch, so die grausame Logik, ließ sich dieses deutsche Leben führen.

Ein Buch von nicht mal hundert Seiten und doch ein elementares Werk über die Nachkriegsgesellschaft. Liest man es in der Nacht, sehnt man wie nie zuvor die Vogelgesänge des Tagesanbruchs herbei.

Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel

Foto: Imago/ Eibner
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