Tageskarte Buch Einstiegsdroge Ente

Disneys "Lustige Taschenbücher" feiern 40-jähriges Jubiläum, und der Ehapa-Verlag erinnert mit Sonderausgaben an die glorreichen Anfänge. Wir gratulieren!
Von Jörg Böckem

Donald Duck war da, als ich ihn brauchte. 1976, ich war zehn Jahre alt, weit weg von zu Hause und kreuzunglücklich. Unser Hausarzt hatte allergisches Asthma diagnostiziert und eine Kur empfohlen. Mein jüngerer Bruder, der an einer Bronchitis litt, begleitete mich. In der Klinik fühlte ich mich verloren, zum ersten Mal in meinem Leben war ich für Wochen von meinen Eltern getrennt, in einem Haus voller Fremder, beaufsichtigt von Schwestern, die uns zwangen, ekelhaften Hagebuttentee zu trinken und uns bei Zwangsspaziergängen vor sich her trieben. Aber ich musste tapfer sein, mein kleiner Bruder litt noch stärker unter Heimweh als ich und weinte häufig.

Disneys "Lustige Taschenbücher" waren die Rettung. Ein anderes Kind hatte einen ganzen Stapel davon im Gepäck, mein Bruder und ich verschlangen die Comics zu Dutzenden. Abends konnten wir es oft nicht erwarten, auf unser Zimmer zu kommen. Vor allem Donald Duck begeisterte mich, ein rachsüchtiger, cholerischer aber nichtsdestotrotz liebenswerter Querulant, der allen Widrigkeiten des Lebens stur die Stirn bot. Micky Maus langweilte mich. Ich begleitete Donald und seine Sippe Abend für Abend auf seinen Reisen in exotische Länder, in andere Zeiten und Welten, bei der Suche nach mystischen Schätzen und bei seinen nächtlichen Streifzügen als kostümierter Rächer Phantomias. Ungefähr 250 Seiten epische, lustige, aufregende und phantasievolle Geschichten, genau das, was ich damals brauchte. Nach der Rückkehr erschien mir auch der Klinikalltag weniger grau.

Die "Lustigen Taschenbücher" (LTB) waren, sind, eine Art Einstiegsdroge für junge Comicleser. Vor 40 Jahren erschien der erste Band, seitdem sind die vorwiegend in Italien gezeichneten Geschichten der Dauerbrenner auf dem deutschen Comicmarkt. Auch wenn die italienischen Zeichner immer im Schatten des Entenübervaters Carl Barks und seiner kongenialen Übersetzerin Erika Fuchs standen, so haben wir Künstlern wie Romano Scarpa wunderbare Comics, oft angelehnt an filmische, literarische oder historische Vorlagen, und nicht zuletzt die Erfindung von Phantomias zu verdanken. Der Ehapa-Verlag begeht das LTB-Jubiläum angemessen mit Neu- und Sonderauflagen, zum Beispiel mit dem wunderbaren ersten Band "Der Kolumbusfalter". Leider zeigt sich hier auch das Manko der Serie – die neueren Arbeiten erreichen nur sehr selten die Qualität der ersten rund 120 Ausgaben. Und Micky Maus langweilt mehr denn je.


Walt Disney: "Lustige Taschenbücher"  , Ehapa Verlag

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