Tageskarte Buch Schönes Schubladen-Gedenken

Ordnung muss sein: Das Steuerformular kommt in diesen Ordner hier, die Stromrechnung in jenen. Nur bei Briefen, Postkarten oder Lebkuchenherzen, die an Freunde erinnern, herrscht Chaos. Die Illustratorin Claire Lenkova zeigt in "Alle meine Freunde": Das muss nicht sein!

Von Ilka Kreutzträger


Jeder hat vermutlich einen Ort, an dem Briefe, Poesiealben, Postkarten, Fotos und alles mögliche andere aufbewahrt werden. Eine Schublade oder eine Pappschachtel, in der sich alles ansammelt, was nicht weggeworfen werden soll und an das zu erinnern sich lohnt. Allerdings herrscht an solchen Orten meist ein undurchschaubares Durcheinander. Die Illustratorin und Comiczeichnerin Claire Lenkova schlägt in ihrem neuen Buch "Alle meine Freunde" nun eine simple Lösung für das Chaos der angesammelten Erinnerungen vor: Auf Karteikarten prägnante Eigenschaften von Freunden und Verwandten notieren und diese dann in alphabetischer Reihenfolge ablegen.

Buchcover "Alle meine Freunde": E.V. für "ehemaliger (aber erfolgloser) Verehrer"

Buchcover "Alle meine Freunde": E.V. für "ehemaliger (aber erfolgloser) Verehrer"

Bei Lenkova sieht das handschriftliche Katalogisieren folgendermaßen aus: Oben auf einer farbigen Karteikarte steht der Name, zum Beispiel Lars. Hinter dem Namen folgt ein Kürzel, im Falle von Lars sind das die Buchstaben G und L, was laut Legende auf der vorletzten Buchseite, "geliebt oder gemocht" bedeutet. Es gibt auch A für "absolut nicht akzeptierbar bzw. Alptraum", F für "Freundin" oder e.V. für "ehemaliger (aber erfolgloser) Verehrer". Ja, das ist Schubladen-Denken, kann komplizierte Beziehungen jedoch ungemein vereinfachen. Unter dem Namen und dem Kürzel notiert Lenkova Dialekt, Geruch, Gattung, behaltenen Satz, manchmal körperliche Veränderungen wie Brustverkleinerung und den Trennungsgrund. Lars' Dialekt ist sächsisch, er riecht nach Kantine, ist ein fauler Sack und Lenkova hat sich den Satz "Du hast einen schönen Arsch" gemerkt. Trennungsgrund war eine stark geschminkte Polin, die kein Deutsch sprach, aber heiratswillig war.

Ein Porträt der Katalogisierten fehlt in alter Poesialbum-Tradition natürlich nicht. Lars sitzt auf einer Mofa, lässt die Schultern in seinem ärmellosen T-Shirt hängen, zieht mit Oberlippenflaum eine Schnute und schaut traurig-nachdenklich aus dem Bild. Außerdem charakterisiert Lenkova alle ihre Freundinnen, Verehrer und Mitbewohner mit Zeichnungen, Tagebucheinträgen, Kinokarten, Briefen oder einem Lebkuchenherz. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und toten Personen sei rein zufällig, betont sie im Buch. Andernfalls würde sie vermutlich nicht nur mit Ben Ärger bekommen, den sie zur Gattung der Schmarotzer zählt, der eklig nach Schweiß, Fett und Dreck, also bäh, riecht und um dessen nassgeschwitzte Achselhöhle eine Fliege schwirrt.

Lenkova ist in Zwickau geboren und reiste Ende der achtziger Jahre mit ihren Eltern nach Bayern aus. Nach dem Abitur studierte sie in Hamburg Illustration. Sie sagt von sich selbst, dass die Pubertät eines ihrer Themen sei, unschwer zu erkennen in "Alle meine Freunde", das im Rahmen ihrer Ausstellung "Herrenzimmer & Damensalon" entstanden ist. Die feinen Linien der schon beinahe fotorealistischen Illustrationen erinnern an die Bilder der Mädchen, die schon im Kunstunterricht der neunten Klasse gut zeichnen konnten. Und genau diese Art der Illustration passt wunderbar in das Konzept von Lenkovas Freunde-Katalog. "Alle meine Freunde" weckt die Lust, die eigene Erinnerungskiste aus dem Schrank zu kramen.


Buch Claire Lenkova: "Alle meine Freunde". Kunstmann, München; 80 Seiten; 16 Euro. Mehr von Claire Lenkova gibt es hier.



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