Tageskarte Buch Unter Genreverdacht

Raus aus der Schmuddelecke: Etablierte Autoren wie Juli Zeh und Burkhard Spinnen entdecken Crime und Suspense für sich – und begeben sich damit literarisch aufs Glatteis.

Von Silja Ukena


Unter Schriftstellern, die etwas auf sich halten, gilt der Krimi als einigermaßen unfein. Er ist so etwas wie die Schmuddelecke des literarischen Gewerbes. Auch die Kritiker tun sich schwer, und noch unlängst näselte ein Berliner Buchhändler im Angesicht von Andrea Maria Schenkels "Tannöd" mit größtmöglicher Herablassung: "Ach, wissen Sie, es ist nur ein Kriminalroman."

Buchcover "Mehrkampf": Midlife-Crisis als Mörder von Männern unter vierzig

Buchcover "Mehrkampf": Midlife-Crisis als Mörder von Männern unter vierzig

Es ist der Trivialitätsverdacht, der über dem Genre schwebt. Der Leser ist da unkomplizierter. Tatsächlich gibt es derzeit einen wahren Krimiboom mit einem hohen Anteil deutschsprachiger Autoren. Ein Ende des Aufschwungs ist vorerst nicht absehbar und das heißt: Hier lässt sich noch Geld verdienen. Und so fällt auf, dass neuerdings auch Romane literarisch etablierter Autoren als Krimis verkauft werden. Alexa Hennig von Langes "Risiko" etwa, Bruno Preisendörfers "Die Vergeltung", "Schilf" von Juli Zeh oder das neue Buch von Birgit Vanderbeke, das den etwas umständlichen Titel "Die sonderbare Karriere der Frau Choi" trägt.

Auch "Mehrkampf" gehört dazu, der jüngste Roman von Burkhard Spinnen. Er ist unter den genannten Autoren sicher derjenige, dessen Name sich am allerwenigsten mit dem Begriff Unterhaltungsliteratur verbinden lässt. Dennoch taucht das Wort Kriminalroman beharrlich im Klappentext auf, und auch die Beschreibung des Inhalts legt diesen Verdacht zumindest nahe: Auf dem Marktplatz einer deutschen Kleinstadt schießt jemand auf den ehemaligen Zehnkampf-Heroen Roland Farwick, und der örtliche Hauptkommissar beginnt zu ermitteln. Wie viel die einander unbekannten Männer in Wahrheit verbindet, stellt sich erst im Verlauf der Handlung heraus. Da geht es dann weniger um den Täter, als vielmehr um das Scheitern von Lebensplänen – die Midlife-Crisis als möglicher Mörder von Männern um die vierzig. Stofflich ist das ein reizvoller Gedanke. Und so liest sich das Buch auch eher als intelligente Analyse einer verantwortungsscheuen Männergeneration. Die Auflösung im Tatort-Format bleibt aus.

So ähnlich ergeht es einem übrigens auch mit den anderen genannten Romanen. "Richtige" Krimis sind sie alle nicht. Was aber dann - die Rückeroberung des Verbrechens für die E-Literatur? Oder doch nur Etikettenschwindel der Marketingabteilungen? Sicher ist jedenfalls, dass uns in näherer Zukunft noch mehr deutsche Krimis erwarten werden. Denn auf dem internationalen Lizenzmarkt, der in den vergangenen Jahren zuverlässig mit bezahlbaren Manuskripten aus dem skandinavischen Raum versorgt wurde, ist die Lage angespannt. Die Angebote sind rar und teuer. Da liegt der Blick in die Heimat nahe. Schriftsteller, die etwas auf sich halten, sollten sich davon jedoch nicht allzu sehr beeindrucken lassen.


Burkhard Spinnen: "Mehrkampf". Schöffling & Co., Frankfurt/M.; 392 Seiten; 19,90 Euro.



insgesamt 4 Beiträge
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SkwMueller, 06.11.2007
1. Einen guten Krimi zu schreiben ist schwieriger als einen Standardroman ...
Der Schreiber braucht eime gute Geschichte, die auch noch spannend ist, glaubhafte Charaktere, und eine schöne Sprache ist auch wichtig - ganz genauso wie bei "echter" Literatur. Geht er/sie auch noch auf reale Probleme ein, muß er auch noch gut recherchieren. Beispiel Schorlau "Fremde Wasser", wo es um private Wasserversorger geht. Er kann sozialkritische Anklänge haben, Beispiel Sarah Paretsky "Fire Sale" (spielt in Chikagos Slums). Er kann in der Vergangenheit spielen, Phillip Kerrs Berlin Trilogie, zum Beispiel, und man hat das Gefühl, als würde die damalige Zeit korrekt beschrieben. Oder einfach unterhaltsam wie Dick Francis, bei dessen Krimis man immer den Eindruck hat, das er die (Pferderenn-)welt, in der seine Krimis spielen, bis ins letzte Detail kennt. Oder Einblick in femde Welten geben - Quing Xialongs Shanghai Krimis etwa biten einen tollen Einblick ins heutige China. So eine Liste an "guten" Krimis lässt sich beliebig verlängern. Also lasst mal die herablassende Haltung bleiben und schreibt lieber selber mal einen richtig guten Krimi.
Herzausgold 06.11.2007
2. ?
...dass der Kriminalroman "grundsätzlich" als literarisch minderwertig bezeichnet wird, würde ich erstmal bestreiten! Wie kommt die Verfasserin des Artikels darauf? Aber wenn ich dann "verantwortungsscheue Männergeneration" im weiteren Verlauf lese, drängt sich doch eher ein Generalverdacht in Hinblick auf Pauschalisierungen auf, insofern... Halb so ernstzunehmen.
verena127 06.11.2007
3. Wehret den Schubladen
Na Gottseidank, möchte man sagen, wenn Schriftsteller sich nicht passgenau in die gegebenen Schubladen hineinlegen, die die Verlage ihnen unermüdlich aufziehen. Ich habe noch keines der erwähnten Bücher gelesen, finde es aber grundsätzlich angenehm, wenn sich Künstler die innere Freiheit nehmen, etwas zu einem Thema zu machen, das sie gerade interessiert - egal, wie es bei den verschiedenen Instanzen ankommt. Dass der Krimi als literarisch fragwürdig gilt, ist natürlich richtig (wann bemüht sich das Hoch-Feuilleton schon mal um eine Rezension von Spannungsliteratur?), aber gottseidank sind den Lesern die Schubladen weit weniger bewusst als den Verkäufern, die sie selbst gebastelt haben.
hproentgen, 06.11.2007
4. In welchem Jahrzehnt lebt die Journalistin?
Gott ist das dämlich. Krimis gelten schon seit Jahrzehnten nicht mehr als "schmuddelig", auch seriöse Literaturseiten - zum Beispiel www.literaturkritik.de - führen Krimiseiten. Aus welchem Jahrhundert stammt die Journalistin? Hans Peter
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