Ukrainische Erinnerungen Das Land, das riecht wie Morgenwind

In deutscher Sprache gewann Tanja Maljartschuk 2018 den Bachmannpreis. Nun erscheint ein Roman, den sie auf Ukrainisch geschrieben hat - schließlich handelt er von einem Kämpfer für die Unabhängigkeit des Landes.
Schleifen-Brosche in den Farben der ukrainische Fahne

Schleifen-Brosche in den Farben der ukrainische Fahne

Foto: Inga Kjer/ picture alliance / dpa

Zugegeben: Die Erzählerin in Tanja Maljartschuks neuem Roman ist ein Psychofall. Ihr Haus verlässt sie kaum. Ihre Therapeutin beobachtet sie nur über Skype. Warum erzählt sie überhaupt diese Geschichte von Wjatscheslaw Lypynskyj, einem Intellektuellen, der irgendwann um 1918 für die ukrainische Unabhängigkeit kämpfte? Ihre Antwort: "Irrationale Sturheit".

Auf den ersten Seiten wirkt Maljartschuks Buch mehr wie ein Zeitroman, der die Lebensgeschichte zweier nahezu fremder Figuren durchspielt. Sie, das ist eine namenlose Schriftstellerin: Nach mehreren gescheiterten Beziehungen sucht sie nach dem Sinn des Lebens, hat Angst vor dem Tod, dem eigenen "spurlosen Verschwinden". Wjatscheslaw Lypynskyj kennt sie selbst nicht: Nach der Februarrevolution kämpfte er als Diplomat aus polnischer Adelsfamilie für eine neue Monarchie in der Ukraine.

Die Erzählerin stößt auf ihn nur durch Zufall, über eine Zeitungsnachricht von 1931. "Wjatscheslaw Lypynskyj ist tot." In seiner Geschichte sieht sie die Chance "meine Geschichte neu zu erleben". Das einzige, was die beiden Figuren auf den ersten Blick verbindet, das sind Atemprobleme: Lypynskyj leidet an Tuberkulose. Die Erzählerin spürt bei Panikattacken das "Herz im Hals".

Erinnerung, das "Erraten des Vergangenen"

Aber genau diese scheinbare Ferne und Fremdheit macht das Besondere an Tanja Maljartschuks Figuren aus: In ihrem Roman namens "Blauwal der Erinnerung" geht es darum, wie Geschichte entsteht - und Menschen in Vergessenheit geraten. Die Figuren hauchen mit jedem Atemzug ein weiteres Stück von ihrem eigenen Leben aus. Die Zeit "zermalmt sie zu einer gleichmäßigen Masse wie ein gigantischer Blauwal das mikroskopisch kleine Plankton". In dieser Masse, diesem "schwarzen Weiher", sucht Maljartschuk Erinnerungsfetzen - und entwickelt daraus für ihr Buch ein stringentes Konzept.

Schon in Tanja Maljartschuks Siegertext für den Ingeborg-Bachmann-Preis 2018 ging es darum, wie Menschen ihre Identität verlieren können. In der Erzählung "Frösche im Meer" zerreißt Petro seinen Pass und wirft ihn in die Donau. Was von ihm bleibt, ist nur sein Vorname - und die Erinnerung. In Maljartschuks neuem Roman ist selbst die nur noch ein "Erraten des Vergangenen". Die Protagonistin sucht nach Bruchstücken der Geschichte, verdichtet sie zu festen Körpern.

Lypynskyj wird zum Mann im "immer gleichen Hausmantel", der sich "von Kindheit an auf den Tod vorbereitet hatte". Ob das stimmt, lässt sich kaum überprüfen. Die Erzählerin beschreibt sich schon auf den ersten Seiten als "Manipulatorin von Worten und Ideen". Fiktion und Geschichte sind in dem Roman verbunden. Maljartschuk spult geschichtliche Momente der Ukraine in Episoden ab: die ukrainische Unabhängigkeitserklärung, den Sturm der Roten Armee, den Zerfall des neu gegründeten Kosakenstaates. Das aber bildet in dem Roman nur so etwas wie ein totes Knochengerüst.

Wiedererlebbar für den Leser wird die Geschichte erst, indem Maljartschuk diese Episoden mit sinnlichen Details verknüpft: dem süßen Geschmack von "Pampuschki", ukrainischen Krapfen. Dem Geruch von Wind um fünf Uhr früh, frisch "wie Morgenseife".

Geschichte als Wiederholung gemeinsamer Empfindungen

Durch diese vertraut wirkenden Erfahrungen stellt Maljartschuk nicht nur fühlbare Berührpunkte zwischen den beiden Hauptfiguren her. Sie macht so auch klar, warum die Erzählerin die Geschichte von Lypynskyj überhaupt rekonstruieren kann: Sinnliche Erfahrungen wiederholen sich ebenso wie der Atemrhythmus der Figuren. Dass Maljartschuk sie so detailliert herausarbeitet, ergibt deshalb absolut Sinn.

Als Lypynskyj bei einem Reitturnier von seinem Pferd stürzt und sein Bewusstsein verliert, kann er so im Roman sogar übersinnlich werden: Die Sonnenstrahlen "durchbohrten ihn wie Pfeile". Lypynskyj hört auf zu atmen, sein Körper stirbt für einen Moment. In diesem Moment werden scheinbar regungslose Details plötzlich wie im Zeitraffer wahrnehmbar: "Die Aprikosenbäume rauschten, im feuchten Schatten der unberührten Wiesenkräuter reiften die Waldbeeren."

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Maljartschuk, Tanja

Blauwal der Erinnerung: Roman

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
Seitenzahl: 288
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Ohne dieses Konzept wäre der Roman fürs deutsche Publikum vermutlich nicht immer nachempfindbar. Ursprünglich ist der Roman auf Ukrainisch verfasst, erschienen 2016, zwei Jahre nach Ausbruch des Konflikts in der Ostukraine. Die politische Dimension von Identität spielt aber in dem Roman eine eher untergeordnete Rolle. Die Erfahrung von Geschichte als Wiederholung gemeinsamer Empfindungen schafft Verbindung zum Leser: "Die Betroffenen werden das Leben noch lange nachahmen, ohne zu wissen, dass der grüne Ast an dem verdorrten Baum wächst."

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