Taschenbuch-Bestseller Kriminell reell

Spät debütiert, nicht dilettiert: Krimi-Meister John Grisham legt mit "Der Gefangene" sein erstes Sachbuch vor. Seine kenntnisreiche Rekonstruktion eines echten Kriminalfalls steigt diese Woche auf Platz 17 in die Sachbuch-Bestsellerliste ein.


Eigentlich wollte der Sohn eines Bauarbeiters und einer Hausfrau ja Baseballer werden. Aber der kleine John musste von dem Wunsch abkommen – seine Puste reichte nicht aus. Vielleicht hat John Grisham, der weltweit mehr als 65 Millionen Bücher verkauft hat, in Erinnerung an seinen Herzenswunsch sein jüngstes Buch geschrieben: Das seinem 19. Roman folgende Sachbuchdebüt geht den Lebensspuren eines jungen Mannes nach, der einst die Hoffnung des örtlichen Baseballteams gewesen ist.

Grisham-Cover "Der Gefangene": Sichere Bank

Grisham-Cover "Der Gefangene": Sichere Bank

Aufgrund einer Falschaussage werden Ron und sein Freund der Vergewaltigung und Ermordung eines jungen Mädchens bezichtigt. Ron wird zum Tode, der Freund zu einer langen Haftstrafe verurteilt. Beide beteuern ihre Unschuld. Insgesamt elf Jahre verbringt Ron in der Todeszelle. Und erst kurz vor der Hinrichtung beweist eine DNA-Untersuchung, dass die Freunde die Tat nicht begangen haben können.

Das Justizmilieu ist Grisham bestens bekannt: Nach seinem Jurastudium praktizierte er fast zehn Jahre als Anwalt. Zwei unvollendete Romane lagen in der Schublade, als die Zeugenaussage eines minderjährigen Vergewaltigungsopfers seine Fantasie anregte: Drei Jahre schrieb er in den frühen Morgenstunden am Roman "Die Jury" ("A Time to Kill"), der von zwei Dutzend Verlagen abgewiesen, schließlich aber doch in einer Auflage von 5000 Stück gedruckt wurde.

Mit dem zweiten Roman gelang Grisham der Durchbruch. Das Buch handelt von einem hoffnungsvollen jungen Anwalt mit Prädikatsexamen, der bei einer vermeintlich ehrenwerten Kanzlei an Bord geht. Kleines Manko des Unternehmens: Kein Mitarbeiter hat je die Kündigung überlebt. "Die Firma" stand fast 50 Wochen auf der Bestsellerliste der "New York Times" und wurde zum bestverkauften Buch des Jahres 1991. Die Filmrechte gingen für mehr als eine halbe Million US-Dollar über den Tisch, die Verlage rissen sich um Grisham. Der Bestseller-Star hängte den Anwaltsberuf an den Nagel und widmete sich ganz dem Schreiben.

Für den Buchhandel auf der ganzen Welt ist Grisham seither eine sichere Bank. Jedes Jahr erscheint ein neuer Titel, alle wurden Bestseller, knapp die Hälfte der Bücher wurden verfilmt. "Publishers Weekly" adelte den aus einfachen Verhältnissen stammenden Autor mit der Bezeichnung "bestverkaufender Romancier der 1990er Jahre".

Als strenggläubiger Baptist ist Grisham, der heute mit seiner Frau Renee und seinen beiden Kindern Ty und Shea zurückgezogen in Charlottesville, Virginia und in Oxford, Mississippi lebt, jedoch trotz des Ruhmes auf dem Boden geblieben. Wenn er nicht schreibt, ist er in karitativen Angelegenheiten unterwegs, unter anderem in Brasilien. Seiner Mutter gebühre das Verdienst, aus ihm und seinen drei Geschwistern etwas Ordentliches gemacht zu haben, gesteht der 52-Jährige ein: "Sie beschränkte unseren Fernsehkonsum, weil sie der Meinung war, die Glotze hätte einen schlechten Einfluss. Sie führte uns stattdessen an Bücher heran und ermutigte uns immer wieder zum Lesen."

Kluge Mutti. Und offenbar haben auch die Lektionen in Herzensbildung geholfen: Der Multimillionär fördert eine Baseball-Nachwuchsliga und lässt Hunderte Kinder auf seinem ausgedehnten Grundstück trainieren – und bleibt so zugleich seiner alten Sportbegeisterung treu.

Helge Rehbein, Buchreport


John Grisham: "Der Gefangene" (9,95 Euro, Heyne)



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