Taschenbuch-Bestseller Mit dem Psychiater auf der Couch

Erbauungsliteratur hat eine lange Tradition, vor allem in Frankreich. Wenn sie dann noch von der Liebe handelt, wie im Fall von Lelords Roman "Hector und die Geheimnisse der Liebe", gehen die Bücher weg wie warme Semmeln.


Es ist der Ferne Osten, in dem der französische Schriftsteller François Lelord seinen zweiten Roman spielen lässt, der ebenso wie das Debüt "Hectors Reise oder die Suche nach dem Glück" (2004) ein internationaler Erfolg wurde: In "Hector und die Geheimnisse der Liebe" spürt der junge, liebenswerte Psychiater Hector einem Professor nach, der ein Mittel gefunden haben will, um Liebesgefühle zu steuern.

Lelord-Cover: Variation des Themas Liebe

Lelord-Cover: Variation des Themas Liebe

In Südostasien erlebt Hector die verschiedensten Variationen des Themas Liebe; seine Erkenntnisse notiert er als "Kleine Blüten" in seinem Tagebuch. Doch dann überkommen ihn Zweifel an seiner Mission – er entdeckt, wie schön es sein kann, dass die Gefühle der Liebe unberechenbar sind. Am Ende zerstört Hector die Wundersubstanz des Professors.

Geboren 1953 in Paris, studierte François Lelord Medizin und Psychologie, arbeitete zwei Jahre als Oberarzt an einer Pariser Klinik und machte 1986 eine eigene Praxis auf. Seit 2004 ist er als Psychiater für eine karitative Stiftung in Saigon tätig; eine Klinik, in der Kinder mit Herzfehlern behandelt werden, deren Eltern sich die Operation nicht leisten können.

Die Wahl des fernen Handlungsortes kam also nicht von Ungefähr: Lelord selbst ging nach Vietnam wegen des ländlichen, ursprünglichen Charakters des Landes gegangen, der ihn an die Welt seiner Kindheit erinnert: "Die Menschen leben noch in familiären Strukturen. Die Älteren werden hoch geachtet, es gibt keine Altersheime, die Familie kümmert sich um alles." Die Lebenseinstellung der Vietnamesen gefällt ihm sehr; anders als im Westen haben die Menschen mehr Hoffnung, die allgemeine Stimmung erscheint Lelord viel positiver.

Seinen Erfolg in Deutschland – rund 250.000 Exemplare sind bislang von der Hardcover-Ausgabe von "Hector und die Geheimnisse der Liebe" verkauft worden – erklärt Lelord mit der verbreiteten Reiselust und der Nachdenklichkeit der Nation, die einige der bedeutendsten Philosophen hervorgebracht hat. Nicht zuletzt sei das Thema Liebe entscheidend für den Erfolg: "Über Liebe zu schreiben, das erwartet man doch von einem Franzosen! Das ist ein Thema, das man uns zutraut."

Eifrig gelesen werden Lelords Erbauungsbücher aber auch aus einem anderen Grund: Die Leser haben das Gefühl, der Psychiater sitzt mit ihnen auf der Couch und kennt ihre Sorgen und Nöte, ihre Getriebenheit. Weil Berufstätige heute oft bis zur Erschöpfung in ihre Jobs eingebunden sind, bleibt wenig Zeit für die Partnersuche, wenig Raum für Nähe.

Lelord kennt die manchmal erdrückende Enge des Alltags genau: "So viele Jahre habe ich mit einer 'Uhr im Bauch' gelebt, dass ich es heute genieße, mir ausgiebig Zeit zu nehmen", sagt er. "Für mich lautet die Frage nicht mehr, ob ich Zeit habe, sondern ob ich sie sinnvoll ausfülle." Diese Freiheit bringt es mit sich, dass Lelord nach eigener Auskunft an manchen Tagen, wenn er am Vorabend zuviel getrunken oder viel zu schwer gegessen hat, sich sogar mit Blick auf seine liebste Beschäftigung gänzlich undiszipliniert geben kann: "An diesen Tagen lasse ich es mit dem Schreiben ganz sein."

Helge Rehbein, Buchreport


Francois Lelord: "Hector und die Geheimnisse der Liebe", Piper Verlag, 8,50 Euro



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