Taschenbuch-Bestseller Spätes Interesse für Chinas Schindler

Als Verfilmung ein Flop, als Buch ein Dauerbrenner: Im Sog der aufwendigen Kinoproduktion "John Rabe" mit Ulrich Tukur ist Erwin Wickerts neu aufgelegtes Buch zum Film auf Platz 24 der Taschenbuch-Bestsellerliste geklettert.

Als japanische Soldaten am 13. Dezember 1937 die Hauptstadt der Republik China besetzten, begann ein Morden und Vergewaltigen von ungeheurem Ausmaß. Innerhalb von sechs Wochen wurden in und um Nanking bis zu 300.000 Menschen erschossen, erstochen, verbrannt oder ertränkt. Es kam zu Zehntausenden Vergewaltigungen, nicht selten starben die Opfer nach den erlittenen Qualen.

John Rabe, Leiter der Nankinger Niederlassung von Siemens China Co. und NSDAP-Mitglied, entwickelte sich unter diesen Umständen zum "Oskar Schindler Chinas". Als einer von nur einer Handvoll nicht geflohener westlicher Bürger wurde Rabe zum Vorsitzenden eines Internationalen Komitees für die Nanking-Sicherheitszone gewählt. Aus dieser Sicherheitszone zogen sich die chinesischen Truppen zurück - und die japanische Führung akzeptierte, Stadtteile, in denen sich kein chinesisches Militär befand, möglichst zu schonen. Die Zone wurde, mitsamt Rabes Privathaus, rettende Zuflucht für mehr als 200.000 Chinesen.

Gut zwölf Jahre ist es her, dass der 2008 gestorbene langjährige Diplomat und Asien-Kenner Erwin Wickert Rabes Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1937/1938 herausgegeben hat. Zum Kinostart von Florian Gallenbergers aufwendig produziertem Spielfilm mit Ulrich Tukur in der Hauptrolle wurde Wickerts Publikation als "Buch zum Film" neu auf den Markt gebracht, angereichert mit Fotos aus dem in China gedrehten Film und einem Nachwort des Regisseurs. Der Film fand allerdings bisher nicht so viele Zuschauer, wie die Nominierung für sieben Lolas erwarten ließ.

John Rabe kehrte im Frühjahr 1938 nach Deutschland zurück. Nachdem er in Vorträgen auf die japanischen Greuel aufmerksam gemacht hatte, wurde ihm strikt untersagt, dies jemals wieder zu tun. Als Sachbearbeiter bei Siemens überlebte er den Krieg. 1950 starb "der gute Deutsche von Nanking" verarmt in Berlin. Erst 2006 wurde John Rabes Haus in Nanking zu einem Ort des Gedenkens und der Völkerverständigung umgestaltet.

Ingo Schiweck, buchreport


Erwin Wickert (Hg.): John Rabe. Der gute Deutsche von Nanking, Goldmann, 480 S., 8,95 Euro

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