Taschenbuch-Bestseller Steif wie Fest gegen Hitler

Kurz vor seinem Tode setzte der preußisch disziplinierte, konservative Intellektuelle seiner Familie und ihrem Widerstand gegen Hitler ein Denkmal: Joachim C. Fests Autobiografie "Ich nicht" ist diese Woche auf Platz 10 ins Taschenbuch-Ranking eingestiegen.


Als Autor des Buches "Das Gesicht des Dritten Reiches" erregte er als knapp 30-Jähriger Aufsehen, mit seiner zehn Jahre später erschienenen Hitlerbiografie erlangte Joachim Fest Weltruhm. Dazwischen erschienen funkelnde Splitter eines Gesamtwerkes, das wegen seiner Klarheit und Eleganz gerühmt wird. Sein letztes Buch, dessen Fahnen er, schon von Krankheit gezeichnet, in der Hand hielt, waren seine Kindheits- und Jugenderinnerungen, eine Art Gegenbuch zur Grass-Autobiografie von 2006. Während Grass mit "Beim Häuten der Zwiebel" zu sagen schien "Ich war dabei - wie alle anderen auch", titelte Fest entschieden: "Ich nicht".

Cover von Fests Autobiografie "Ich Nicht": Aufrechter Gang

Cover von Fests Autobiografie "Ich Nicht": Aufrechter Gang

Fest beschreibt in seiner Autobiografie das Schicksal seiner Familie im Dritten Reich, die großen Entbehrungen und die kleinen Freuden. Eine Schlüsselszene ist eine von den Kindern belauschte Auseinandersetzung der Eltern, in deren Verlauf die Mutter den Vater zum Parteieintritt bewegen wollte.

Der Vater, ein aufgeklärter Preuße, ein Republikaner und Katholik, als Schulleiter vom Dienst suspendiert, wehrte sich gegen das Argument seiner besorgten Frau, die Unwahrheit sei das Mittel der kleinen Leute. "Wir sind keine kleinen Leute", entgegnete er ihr. "Nicht in solchen Fragen!"

Die von Gewissenskonflikten geplagten Eltern von fünf Kindern stehen exemplarisch für jene Deutschen, die sich nach Hitlers Machtantritt vor die Wahl gestellt sahen, Armut und Repressalien zu ertragen oder durch Anpassung Vorteile herauszuschlagen. Die Fests entschieden sich für den aufrechten Gang.

So traf sich der Vater mit Regimegegnern und bat seinen Sohn, sich um einen jüdischen Bekannten zu kümmern. Joachim Fest las dem vereinsamten, hoch gebildeten Witwer Fontane und Kleist vor und bedankt sich bei ihm in seinen Erinnerungen: "Dr. Meyer war meine Schule." Im Jahr nach dem Angriff auf die Sowjetunion beunruhigte sich der Vater, weil er kein Lebenszeichen von dem Bekannten erhielt, und suchte ihn auf – niemand öffnete die Tür. Johannes Fest ahnte, dass Dr. Meyer ermordet worden war.

Ähnlich wie der Vater verstand Joachim Fest das Leben als "eine Folge von Aufgaben, die man ohne Getue, mit festen Überzeugungen und möglichst gut gelaunt abzuleisten hatte". Der Mann, der Hitlers Zerstörungsmanie und sein Rachebedürfnis an der Welt konzentriert zum Vorschein gebracht hat und Hitlers Talent als "Regisseur" offenbarte, der seinen Untergang zu einem monströsen Schaustück werden ließ, war dennoch den Freuden des Lebens nicht abgeneigt. In heiterer Runde konnte der konservative Intellektuelle sich in der Berliner Paris-Bar gegen deren drohenden "Untergang" durch den Zugriff der Steuerfahndung mit einer neuen Lage guten und teuren Rotweins stemmen.

Den Nachgeborenen hat er eine Warnung mit auf den Weg gegeben – das Faktum Hitler könne, ähnliche Zeitumstände vorausgesetzt, jederzeit wiederkehren: "Das wird nicht Hitler sein, er wird ganz sicher nicht mit Schnurrbart und in brauner Uniform auftreten. Aber dass das Böse existiert, das er in so auffälliger Weise sichtbar gemacht hat, das ist für mich unstreitig. Es gibt das Böse, man muss damit rechnen."

Helge Rehbein, buchreport


Joachim C. Fest: "Ich nicht", Rowohlt, 9,95 Euro



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