Taschenbuch-Bestseller Stille Nacht, tödliche Nacht

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht der Mörder vor der Tür: Mit dem Sammelband "Der Tod hat 24 Türchen" hat Jan Seghers 24 Kurzkrimis von deutschsprachigen Autoren zusammengetragen - zu einem spannenden Adventskalender.

Die Kerzen im Adventskranz glänzen, vielleicht sorgt eine alte, seit Ewigkeiten nicht mehr gehörte Schallplatte mit ihrem Knistern für eine warme Atmosphäre, Spekulatius und Glühwein duften: In Jan Seghers Krimi-Anthologie ist die alljährliche Beschaulichkeit nur Kulisse für 24 Kurzkrimis, die es in sich haben. Angeblich gute Freunde zeigen ihr wahres Gesicht, Christbaumverkäufer munitionieren sich für ein Wettrüsten und Ehefrauen, die von ihren Männern für dumm verkauft werden, nehmen mit Festtags-Elan Rache – so mischt sich schon mal Tannengrün mit Blutrot. Und weil auch Profikiller Heiligabend feiern, gerät für manch einen die stille Nacht zur ewigen Ruhe.

Seghers mörderischer Adventskalender kommt als spannender Zeitvertreib in der dunklen Jahreszeit daher und empfiehlt sich als ein originelles Geschenk. Zum Buch beigetragen haben beliebte deutschsprachige Krimiautoren wie Friedrich Ani, Oliver Bottini, Petra Oelker, Gisa Klönne und Jan Costin Wagner. Anders als bei einem konventionellen Adventskalender, bei dem es zumindest den Kindern verboten ist, die Türchen nicht in chronologischer Reihenfolge zu öffnen, lässt Seghers freie Hand: Man kann an jedem Tag in der Vorweihnachtszeit eine beliebige Geschichte lesen, ob nacheinander oder auch einfach durcheinander, ganz egal.

Sogar das Wegnaschen von zwei oder vier Geschichten ist erlaubt. Und wer mit geradezu krimineller Energie noch mehr Geschichten verschlingt, muss am Weihnachtsabend nicht notgedrungen leer ausgehen: Seghers hält für Krimifans auch eigene Spannungsromane parat.

Mit "Ein allzu schönes Mädchen" (2004), "Die Braut im Schnee" (2005) und zuletzt "Partitur des Todes" (2008) hat der hessische Journalist und Autor das Krimigenre um eine neue Figur bereichert: "Endlich hat Wallander einen deutschen Bruder", meinte etwa die "Frankfurter Rundschau" über Seghers' Serienhelden Robert Marthaler, der als Kommissar in Frankfurt am Main ermittelt.

Tatsächlich hat sich Seghers, Pseudonym für Matthias Altenburg, viel bei skandinavischen Autoren wie Henning Mankell abgeschaut. Vor allem der gesellschaftskritische Ansatz, bei Mankell stark ausgeprägt, ist auch Seghers wichtig: Vor 2004 hatte er noch unter seinem eigentlichen Namen Matthias Altenburg in Essays und Kritiken viele Äußerungen des Zeitgeistes unter Beschuss genommen. Mit beißender Polemik warf er Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur sogar vor, Bücher jenseits der Lebenswirklichkeit zu schreiben. Seine Forderungen nach mehr Realismus erfüllte er dann mit den eigenen Krimis gleich selbst.

Dem Publikum gefällt's: Die Gesamtauflage seiner Krimis beträgt im Hardcover und Taschenbuch 500.000 Stück. Und Platz 24 im Taschenbuch-Bestseller-Ranking zeigt: Auch die aktuelle Anthologie "Der Tod hat 24 Türchen" geht weg wie warme Zimtplätzchen. So kann sich der Autor frohen Mutes ins Weihnachtsshopping stürzen. Leise lächelnd kann er seinen Freunden teure und exklusive Geschenke machen, denn er weiß: Während normale Adventskalender in diesen Tagen schon rabattiert zum halben Preis angeboten werden, ist sein Krimireigen dank der Buchpreisbindung preisstabil – manchmal sind Recht und Gesetz also ganz angenehm. In diesem Sinne: Frohe Weihnachten!

Helge Rehbein, Buchreport


Jan Seghers: "Der Tod hat 24 Türchen", Rowohlt TB, 8,95 Euro

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