Taschenbuch-Bestseller Von der Revolte zum Reibach

Schmonzetten-Schreiber oder literarischer Guru? Wenige Schriftsteller polarisieren so wie Paul Coelho. Wer sein Werk kennen lernen möchte, versucht es am besten mit "Der Alchimist": Das Buch verwandelte den Autor in eine Kultfigur.


Reist Paulo Coelho mit der Transsibirischen Eisenbahn, warten an jedem Bahnhof Leser mit Blumen und Geschenken auf ihn. Rund 100 Millionen Bücher hat der Romancier aus Rio seit 1987 verkauft, schätzungsweise noch einmal 20 Millionen Raubdrucke sind auf Straßenmärkten von Santiago de Chile bis Wladiwostok abgesetzt worden. Coelho gilt damit nach Joan K. Rowling und John Grisham als Nummer drei der meistgelesenen Romanautoren.

Autor Coelho: Alchemist der populären Glaubensliteratur
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Autor Coelho: Alchemist der populären Glaubensliteratur

Seinen Weltruhm begründete sein zweites Buch, "Der Alchemist", das er nach einer Pilgerwanderung auf dem Jakobsweg geschrieben hatte. Santiago, ein andalusischer Hirte, hat einen Traum: Er soll zu den Pyramiden in Ägypten reisen, weil dort ein Schatz begraben liegt, der für ihn allein bestimmt ist. Was er findet, kann von keinem Wüstendieb geraubt werden - es sind spirituelle Preziosen, deren Wert nicht weltlich ist.

Coelho gilt vielen aufgrund seiner einprägsamen Weisheitsrhetorik als Guru. Ihnen widerspricht eine Gemeinde eingefleischter Coelho-Hasser, die den Bestseller-Autor als Literaturscharlatan verteufeln. Tatsächlich betrieb Coelho vor der Niederschrift seines zweiten Buches elf Jahre lang alchimistische Studien, glaubt an Engel, Zeichen und Omen und übt sich im Bogenschießen.

Wird Coelho für seine esoterische Selbsthilfeliteratur geschmäht, verweist er darauf, dass "Der Alchemist" sogar an Businessschulen Pflichtlektüre sei. "Das Buch zeigt die Notwendigkeit auf, über das Bestehende hinaus zu denken", meint der Autor, der regelmäßig zum Weltwirtschaftsforum in Davos fährt und überzeugt ist, dass Aktienmärkten "etwas total Esoterisches" anhaftet. Was seine eigenen Investments anbelangt, zeigt er sich bescheiden: "Ich bin zufrieden mit vier Prozent Rendite."

Wundern und Wandern

Coelhos Jugendjahre passen so gar nicht zum Bild des mildtätigen Literaturdoktors: 1947 in Rio de Janeiro geboren, wurde er von seinen katholischen Eltern als Drogen konsumierender Teenager dreimal in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Die Erfahrungen sollte er später in seinem Roman "Veronika beschließt zu sterben" beschreiben. Ein Jurastudium brach er ab, um zwei Jahre lang durch Südamerika, Europa und Nordafrika zu reisen.

Zurück in Brasilien, schrieb er Theaterstücke und verfasste politische Songtexte, die Freiheit und Selbstbestimmung propagierten. Rund 500.000 Platten verkaufte Coelho zusammen mit dem Musiker und Komponisten Raul Seixas. Die in den siebziger Jahren herrschende Militärdiktatur steckte ihn für seine Songtexte dreimal ins Gefängnis.

Mit 26 wünschte sich der junge Rebell ein ruhigeres Leben und heuerte in einer Plattenfirma an. Er bereiste Europa und besuchte auch das Konzentrationslager Dachau. Dort, so geht die Legende, erschien ihm die Vision eines Mannes, dem er Monate später in einem Amsterdamer Café wieder begegnete. Er riet Coelho zu seinen katholischen Wurzeln zurückzukehren und nach Santiago de Compostela zu pilgern. Sein auf der Wanderung angefertigtes Tagebuch erschien im Jahr darauf, wieder ein Jahr später lag "Der Alchemist" vor.

Das Buch fand den Weg in die USA, wurde ein Top-Seller und trat seinen weltweiten Siegeszug an – 30 Millionen wurden bis heute verkauft. Straßenmärkte hinzugenommen, können es auch ein paar Exemplare mehr sein.

Helge Rehbein, Buchreport


Paulo Coelho: "Der Alchimist", Diogenes, 8,90 Euro



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