Neue Taschenbücher im Februar »Jetzt, mit 21, weiß ich, was ich brauche. Ich will so oft wie möglich alleine sein«

Ein Sammelband, der sich mit dem Glück (und Unglück) des Alleinseins beschäftigt, ein schauriger Mordfall in Hamburg – und wie erklärt man eigentlich Jugendlichen den Holocaust? Diese sechs neuen Taschenbücher lohnen sich.
Hauptsache allein (Symbolbild)

Hauptsache allein (Symbolbild)

Foto: Westend61 / Getty Images

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»Vom Glück allein«

Der Titel des Sammelbands klingt ein bisschen zu optimistisch für das, was sich darin findet; es sind keine happy stories übers Sich-selbst-Finden oder so. Die Erzählungen sind aufwühlend, teils verstörend. Joey Goebels Geschichte »Unsere Olivia« macht den Auftakt: Ein junger Mann, allein und verzweifelt, verliebt sich in eine Nachrichtenmoderatorin. Eines Abends wartet er vor dem Fernsehstudio auf sie, wo er einem weiteren Verehrer Olivias begegnet. Spätestens jetzt wird die Lektüre gruselig und unangenehm, weglegen kann man sie trotzdem nicht mehr. Zum Glück ist die Geschichte nicht allzu lang. Und auch das im Buchtitel versprochene Glück taucht in ihr auf.

Tagebucheinträge von Patricia Highsmith sind durch den Band gestreut und regen an, über das eigene Leben zu reflektieren. Und kurz Wehmut angesichts des Selbstbewusstseins der jungen Schriftstellerin zu empfinden: »Allein durchs Leben zu gehen ist so wundervoll! Jetzt, mit 21, weiß ich, was ich brauche. Ich will so oft wie möglich alleine sein.«

Von Daniel Schreiber findet sich ein Auszug seines Buchs »Allein« in der Sammlung. Es ist ein Abriss der Herausforderungen des Lebens allein und des Leidens an Depression. Denn: »Einsamkeit ist eine Begleiterscheinung des Lebens allein. Wie schwer es fällt, das zu akzeptieren.« Aber Alleinsein bedeutet eben nicht immer Einsamkeit, auch das beschreibt Schreiber. Es lohnt sich übrigens, das ganze Buch zu lesen (als Taschenbuch erscheint es im April).

Das Glück des Alleinseins findet sich sogar manchmal in der Einsamkeit, so suggeriert es Banana Yoshimotos Erzählung. Dort heißt es: »Und selbst in der Dunkelheit jener einsamsten Nacht, als ihre Mutter gestorben war, wurde Tomo von irgendetwas in den Arm genommen. Von dem samtenen Glanz der Nacht, vom Wind, der ihr sachte über die Haut strich, vom Funkeln der Sterne, von all solchen Dingen.«

Der Leseband spendet also nur ein bisschen Trost, stattdessen aber viel Anregung zum Nachdenken. Und das kann man ja bekanntlich alleine sehr gut.


Serhij Zhadan: »Internat«

»›Internat‹ ist ein kleines Meisterwerk«, schrieb mein Kollege Dirk Kurbjuweit 2018 über den Roman von Serhij Zhadan . Dem ist nicht viel hinzuzufügen: »Internat« ist ein fesselnder Roman, der einen in die Ukraine zur Zeit vor dem russischen Invasionskrieg mitnimmt – als im sogenannten Westen noch nicht alle begriffen hatten, dass auch damals schon im Osten des Landes ein Krieg herrschte.

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Serhij Zhadan

Internat

Verlag: Suhrkamp
Seitenzahl: 300
Für 12,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

27.01.2023 01.59 Uhr

Keine Gewähr

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Die Geschichte von Pasha, der sich aufmacht, seinen Neffen aus einem Internat abzuholen, ist beklemmend und verwirrend. Sie lässt die Leserin erahnen, was die Ukrainerinnen und Ukrainer seit Jahren durchmachen müssen. Im vergangenen Jahr bekam Zhadan den Friedenspreis des deutschen Buchhandels, spätestens jetzt sollte man »Internat« im Taschenbuch lesen.


Lana Bastašić: »Fang den Hasen«

Zwei Kindheitsfreundinnen sehen sich nach zwölf Jahren wieder und begeben sich auf die Suche: nach einem verschwundenen Bruder, nach ihrer Identität, nach Heimat. Lana Bastašić' Roadtrip-Roman führt von Mostar nach Wien und quer durch die Erinnerungen der jungen Frauen an den Zerfalls Jugoslwawiens. Wobei ihre Erinnerungen nicht immer übereinstimmen und das, was Wahrheit gewesen sein mag, nicht auszumachen ist. Aber davor warnt die Autorin quasi bereits auf den ersten Seiten: »Gute Geschichten erzählen ohnehin nicht davon, was passiert. Sie hinterlassen nur Bilder, wie Zeichnungen auf dem Gehsteig, auf die die Jahre fallen wie der Regen.« »Fang den Hasen« hinterlässt viele Bilder und ist ihr erster Roman, mit dem sie 2020 einen der Literaturpreise der Europäischen Union gewann.

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Lana Bastašić

Fang den Hasen

Verlag: Fischer
Seitenzahl: 336
Für 14,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

27.01.2023 01.59 Uhr

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Scott McClanahan: »Sarah«

»Niemand zeigte mir meine Zukunft, in der alles, was ich kannte und liebte, verschwinden würde. … Nichts, was irgendwie dem Teufel glich. Nur ich. Die ganze Hölle.« In »Sarah« schaut man einem Mann dabei zu, wie er seine Ehe und sein Familienleben vor die Wand fährt. Das ist mitunter schwer zu ertragen.

»Ich zerstörte unser Leben, und es fühlte sich so verdammt großartig an«, heißt es, als Scott gerade betrunken mit 120 Sachen und seinen Kindern auf dem Rücksitz über den Highway donnert. Da wünscht man sich kurz, dieses Buch nicht angerührt zu haben und ist zugleich froh, es lesen zu dürfen. Es ist ein vermeintlich banales Leben, das da beschrieben wird, mit vielen Tiefen und seltenen Höhen. Die Übersetzung von Clemens Setz ist lapidar und witzig, zuweilen sanft – sie macht Freude, während einem die Schauer den Rücken runterlaufen.


Reiner Engelmann: »Ich bin Jude«

Simon Weiß wird beim Fußballspiel zum ersten Mal als Jude beschimpft, da ist er noch ein Junge. Erst nach und nach begreift er, was das heißt. Und begreift man als Leserin, wie sehr es das Denken und Fühlen eines jüdischen Kindes trifft zu erfahren, was im Nationalsozialismus geschah. Als Erwachsener lernt man keine neuen Fakten, dafür aber den kindlichen Blick auf etwas, das man Kindern eigentlich nicht zeigen möchte und doch zeigen muss.

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Reiner Engelmann

Ich bin Jude

Verlag: cbt
Seitenzahl: 256
Für 10,00 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

27.01.2023 01.59 Uhr

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Reiner Engelmann lässt in seinem neuen Jugendbuch Eltern ihren Kindern den Holocaust erklären, anhand der eigenen Familiengeschichte. Und der kleine Simon wird später seiner kleinen Schwester erklären, warum es so falsch von den Corona-Querdenkern ist, sich als die neuen Juden zu bezeichnen. Es ist eine einfühlsame Lektüre, für Jugendliche, aber auch für Erwachsene, die Jugendlichen begegnen.


Simone Buchholz: »Revolverherz«

Staatsanwältin Chastity Riley ist genauso, wie man sie als mit dem deutschen Fernsehen sozialisierte Leserin erwartet, aber doch viel besser. Sie raucht und trinkt, ist natürlich ledig, hat eine Affäre mit einem jüngeren Mann, die auch eine Liebesbeziehung sein könnte, wäre sie nicht so eine Einzelgängerin.

Simone Buchholz' Krimireihe, von der »Revolverherz« der erste Teil ist, ist eine ausführliche Liebeserklärung an Hamburg. An die schroffe Hafenromantik, das schmuddelige Grau, den brutalen Kiez und seine kaputten Gestalten, an die vielen Tresen, an denen man sitzen und schweigen kann. Passend dazu haben die Kapitel vor allem melancholische Titel: »Einsam werde ich erst, wenn jemand da ist«. Sie lesen sich wie Hinweise darauf, dass einsame Menschen mit ihrer Einsamkeit nicht allein sind.

Der Kriminalfall selbst ist schauerlich: Ganz klassisch ist das Opfer eine junge Frau und wird an der Elbe gefunden. Ganz unklassisch wurde sie skalpiert. Aber mehr soll nicht verraten werden, ist ja schließlich ein Krimi.

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