Trauma-Roman "Taxi" Der Krieg der Hinterbliebenen

Der Sohn kam nicht aus dem Krieg zurück, beerdigt wurde ein leerer Sarg: Cemile Sahin erzählt in ihrem Debütroman "Taxi", wie eine Mutter ihren Verlust nicht akzeptieren will - und sich Ersatz sucht.

Autorin Cemile Sahin: "Die Regie will ich selbst übernehmen"
Paul Niedermayer/ Korbinian

Autorin Cemile Sahin: "Die Regie will ich selbst übernehmen"

Von Stefanie Witterauf


Erst ist sie die Brot-Frau. Eine schrullige Alte, um die 60, die Tauben füttert und den Icherzähler beobachtet. Jeden Tag, vier Wochen lang. Dann wird Rosa Kaplan zu seiner Mutter: Sie bricht ihm die Nase mit einem Baseballschläger, mit dem Bruch sieht er ihrem verschollenen Sohn ähnlicher. Ihrer beider Leben wird zu einer Sitcom, für die Rosa Kaplan das Drehbuch selbst geschrieben hat. Zwei Staffeln. Sie und der neue Sohn in den Hauptrollen. Und am Ende sind alle traumatisiert.

In ihrem Debütroman "Taxi" erzählt Cemile Sahin vom Krieg. Aber nicht von fallenden Bomben, den Schützengräben, der Front. Sondern von den Jahren danach. Von den Hinterbliebenen. Von denen, die mit dem Krieg weiterleben müssen, "für die der Krieg nicht mehr aufhört, selbst wenn der Krieg vorbei ist", wie Sahin sagt. Doch es sollte keine reine Opfergeschichte werden: "Wenn man die Figuren nur wie Opfer darstellt, dann wird man ihnen auch nicht gerecht." Also hat Sahin sich einen Plot ausgedacht.

Polat, der Sohn von Rosa Kaplan, ist verschwunden, weder sein lebendiges Ich noch sein Leichnam ist aus dem Krieg zurückgekommen. Beerdigt haben sie einen leeren Sarg. Getrauert hat Rosa Kaplan nicht. Akzeptieren will die Mutter nicht. Zehn Jahre später macht Rosa Kaplan sich auf die Suche nach einem Mann, der ihrem Sohn ähnelt, denn sie sucht eine Besetzung für ihr Skript. Darin kommt ihr Sohn wieder zurück nach Hause, zu seiner Mutter. Und so findet Rosa Kaplan ihre Hauptbesetzung, den Icherzähler - einen Mann Mitte 30, ebenfalls traumatisiert. Als Kind stach er einem Jungen ein Auge mit einem Ast aus, versteckte er sich auf einem Baum und sah, wie seine Eltern in einem Lkw abtransportiert wurden.

Buchcover von "Taxi"

Bevor der Icherzähler in die Rolle schlüpft, lebte er allein in einer spärlich eingerichteten Wohnung mit zwei Fernsehern, von denen er nur einen benutzte. Gegen Bezahlung stimmt er schließlich dem absurden Plan der fremden Frau zu und spielt den Helden, den vermissten Sohn Polat. Damit der neue Polat dem alten noch ähnlicher ist, hat Rosa Kaplan Gewohnheiten aufgeschrieben, die er wie Vokabeln auswendig lernt: Er kleidet sich wie Polat, bewegt sich wie Polat, spricht wie Polat.

Schnell gestaltet sich die Erzählung voller Spannung, Tragik und Komik. Die Nachbarin kommt zu Besuch, die Verlobte Esra, deren Mutter Esma. Freunde der Familie, die auch ihren Sohn verloren haben, die sich erst mit Rosa Kaplan freuen, dann noch mehr verzweifeln, weil das eigene Kind verschwunden bleibt.

Folterszene im Stakkato-Stil

Zehn Jahre war Polat verschwunden. Amnesie soll er für diese Zeit vortäuschen, die Erklärung hat Rosa Kaplan gleich mitgeliefert. Manchmal muss der neue Sohn improvisieren. Für die Mutter, die sich alles ausgedacht hat, empfindet man Mitgefühl, doch sympathisch wird sie nicht. Rosa Kaplan setzt ihren Plan brutal durch - wenn es nicht so läuft, wie sie es ins Drehbuch geschrieben hat, schlägt sie mit ihrem Kochlöffel zu, bis er in zwei Holzteile zerbricht.

Am Anfang macht es die Autorin nicht einfach, in die Geschichte reinzukommen. Ihr Roman startet mit einer Folterszene im Stakkato-Stil. Kurze Sätze sind hintereinander gereiht. Zwei Worte, drei Worte. Sahin wollte ein Setting schaffen, in das der Leser oder die Leserin hineingeworfen wird, wie bei einem Film. So habe sie ihren Roman angelegt, sagt sie. Die Szene zu Beginn war ganz am Anfang da, es war das Bild, mit dem die 29-Jährige losgeschrieben hat.

Die Handlung hält sich nicht an das Drehbuch. Sie entwickelt sich weiter. Wie die Beziehung zwischen dem neuen Sohn und Rosa Kaplan, die immer stärker zwischen Realität und Skript verschwimmt. Der neue Polat versinkt in seiner Rolle, seine ausgedachte Vergangenheit vermischt sich mit seinen echten Erinnerungen. Seine Rückkehr reißt alte Wunden auf und verletzt nach und nach die Verlobte Esra, deren Mutter Esma und die Freunde der Familie. Bis alle leiden. Dann reicht das Schauspiel Rosa Kaplan nicht mehr. Sie will Gerechtigkeit, gemeinsam begehen sie Unrecht. Das verändert alles.

Autorin Cemile Sahin wurde in Wiesbaden als Tochter einer kurdischen Familie geboren. Als Jugendliche hat sie einen Film des französischen Dokumentarfilmers Chris Marker gesehen, der sie so stark prägte, dass sie Filme machen wollte. Als Erste in ihrer Familie entschied sie sich für einen kreativen Beruf. Sahin studierte Kunst in Berlin und London. Ihr bisheriges Hauptmedium ist die Videokunst, für die sie ein Akademie-Stipendium erhielt und mit dem Ars Viva Preis geehrt wurde.

Ihr Debüt als Schriftstellerin ist Sahin gelungen, es ist stark mit ihrem bisherigen künstlerischen Schaffen verknüpft: Es gibt keine Kapitel, sondern Episoden, Vorblenden und Cliffhanger; kurze Sätze nutzt Sahin wie Schnitte im Film. Ihren Roman will sie verfilmen, Angebote soll es schon gegeben haben. "Die Regie will ich selbst übernehmen", sagt sie.

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mescen 09.11.2019
1.
Aus welchem Krieg kam der Junge denn nicht zurück? Oder ging er in die Berge, um sich dem Terror der PKK anzuschliessen? Vielleicht wurde er oder seine Familie von der PKK unter Druck gesetzt, dass sie einen Familienangehörigen der PKK geben müssen?
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