Teheran-Roman "Softcore" Sex, Drogen und Monotonie

Pop-Roman aus dem Land der Mullahs: Mit "Softcore" hat der Deutsch-Iraner Tirdad Zolghadr ein psychedelisch schillerndes Psychogramm der iranischen Oberschicht verfasst. Die ist so dekadent wie anderswo auch - in Teheran aber ist das eine tödliche Haltung.

Das ist Globalisierung: "Die Blondine mit der Nasenkorrektur trägt Bauchnabelringe, Zehenringe, Fußkettchen, eine Metallica-Baseballkappe und ein zerrissenes Tanktop mit fragwürdigen auffälligen Farbenflecken in flammendem Rot und glühendem Orange." Hier geht es nicht um eine Frau aus Los Angeles oder Frankfurt, das ist eine Szene aus Teheran, der Hauptstadt der islamischen Republik Iran. Und sie findet sich im furiosen Roman von Tirdad Zolghadr mit dem vielversprechenden Titel "Softcore".

Tirdad heißt auch der Protagonist des Romans. 25 Jahre nach der iranischen Revolution ist er aus dem Ausland wieder nach Teheran zurückgekommen, um eine Kunstgalerie zu eröffnen. Tirdad ist der stereotypische Kulturschaffende, wie man ihn in Berliner Szenekneipen zuhauf vorfindet: Anfang dreißig, Koteletten, eckige Brille mit schwarzem Rahmen. Und er redet so realitätsfern und pseudo-intellektuell wie viele seiner europäischen Kollegen. Außerdem ist Tirdad ein notgeiler, neurotischer Softie - also rundherum ein Klischee. Dieser weiche Kerl trifft nun auf die harte Realität, die in Teheran vielleicht sogar noch härter ist als anderswo - und scheitert daran.

In "Softcore" beschreibt der Protagonist sein sporadisch geführtes Engagement für eine Galerie. Ihn treibt dabei aber nicht etwa sein Kampf für die Kunstfreiheit an, sondern eher seine dominante, wohlhabende Freundin Stella. Diese ostentativ postmoderne Lebensweise wird ihm allerdings in der politisch-explosiven Atmosphäre Irans zum Verhängnis. Tirdad wird verhaftet, weil er einen Blumenladen filmt, er gerät in Machenschaften, die er nicht versteht, er ist ferngesteuert und überfordert und redet sich dabei ein, er würde die Welt überfordern. Die Hybris des Bohemiens in Teheran ist also eigentlich genau dieselbe wie an den anderen Orten der Handlung, seien sie Lagos, Beirut, Hamburg oder Zürich auch. Diese Grundhaltung aber ist in Teheran tödlich.

"Softcore" gibt einen rasanten Einblick in die Kunstszene Teherans, die nicht anders ist als andere – abgesehen von den politischen Schikanen, der sie ausgesetzt ist. Diese scheinen im Zeitalter des Reformerpräsidenten Mohammed Khatami – der Roman spielt in dieser Zeit – überwindbar zu sein. Viele der Charaktere deuten auf reale iranische Vorbilder hin, doch dürften sie einer breiten westlichen Öffentlichkeit unbekannt sein. Auch dürften nicht alle Leser die Köstlichkeit so mancher Andeutung genießen können, weil sie schlicht auf Farsi sind. So heißt der riesige Hochhauskomplex, in dem er wohnt, "Zirzamin". Er ist nach dem Vorbild des Teheraner Ekbatan-Viertels gezeichnet und der Name ist mit "Keller" oder "Unterirdisch" zu übersetzen. Der für seine Galerie zuständige leitende Beamte im Informationsministerium heißt "Badbakht" – der Elende.

Der Schreibstil Zolghadrs passt perfekt zu Teheran. Das Buch ist schnell und intensiv, psychedelisch verpoppt und politisch wirr. Besser könnte man die chaotische Millionenmetropole nicht beschreiben. Auch wenn an manchen Stellen – beispielsweise bei seinen zahlreichen "streams of consciousness" – die Stilwahl des Autors aufgesetzt erscheint, und auch wenn der Protagonist zeitweise wie eine schlechte Kopie Woody Allens wirkt, so sind doch Sex, Drogen, Gewalt, Korruption, Monotonie, Politik, Musik und Nonchalance zu einer schnellen Symphonie des Realismus verwoben, die dem Leser überraschende Einblicke in eine moderne Stadt gibt.

Wer Teheran nicht kennt, wird in der Regel medial mit einem Bild des Iran konfrontiert, das der Journalist Bruno Schirras in seinem Buch "Iran. Sprengstoff für Europa" als "Herz der islamischen Finsternis" bezeichnet. "Softcore" zeigt ein anderes Teheran und kommt dabei ganz ohne Religion aus. Aber auch ganz ohne Liebe. Die Verruchtheit der Stadt ist abstoßend und faszinierend, in Sachen Dekadenz steht die derjenigen anderer Weltstädte in nichts nach.

Zolghadr hat ein wunderbares Buch geschrieben, das Iran-Laien positiv überraschen und -Kennern sehr gefallen wird. Es ist die präzise Darstellung eines typischen, vitalen Molochs des 21. Jahrhunderts. Teheran ist "Hardcore". "Du hast gute Arbeit geleistet. Und wir hoffen, du bist genauso zufrieden wie wir", sagt Stella am Ende des Buches kalt. Dem ist nichts hinzuzufügen.


Tirdad Zolghadr: "Softcore", Kiepenheuer & Witsch Taschenbuch, 224 Seiten, 8,95 Euro