Teju Coles "Jeder Tag gehört dem Dieb" Der Kampf der Kulturen findet in Nigeria statt

Bevor Boko Haram für Angst und Schrecken sorgt: Der New Yorker Teju Cole reiste nach Nigeria und fand ein Land, das zermürbt ist von sich selbst.

"Jeder hier ist käuflich": Literatur-Shootingstar Teju Cole
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"Jeder hier ist käuflich": Literatur-Shootingstar Teju Cole

Von Thomas Andre


Amerika habe ihn verweichlicht, sagt die Verwandtschaft, er solle bloß nicht in einen dieser Minibusse steigen. Dort sind Diebe, dort gibt es schwarze Magie. Nein, der Besuch aus dem Norden muss einen Privatchauffeur bekommen, wenn er aus Lagos herauswill. In Wirklichkeit geht es nicht nur um Sicherheitsdenken. Es geht auch um Standesdünkel: Bus fahren kommt für die Repräsentanten der nigerianischen Mittelschicht nicht infrage.

Wäre der Erzähler in Teju Coles jetzt auf Deutsch vorliegenden Roman "Jeder Tag gehört dem Dieb" nicht vor langer Zeit nach Nordamerika ausgewandert, er würde nun auch nach jenen Gesetzen der sozialen Distinktion nigerianischer Prägung leben. Und ihm wären auch all die anderen Merkmale nigerianischen Zusammenlebens und all die gesellschaftlichen Codes nicht so fremd-vertraut, sondern in Fleisch und Blut übergegangen. Er fände es nicht der Rede Wert, dass in Lagos die Korruption allgegenwärtig ist und die "area boys", Kleinkriminelle also, eine Art Privatsteuer erheben. Er würde nicht so erschrecken, wenn ein auf dem Markt beim Klauen erwischter Junge bei lebendigem Leib verbrannt würde. Er würde nur noch darüber lachen, dass jeden Abend der Strom ausfällt.

Im Gegensatz zur neuen Heimat Amerika ist sein Geburtsland ein unterentwickelter, dysfunktionaler Staat. Der Erzähler erfährt voller Bitterkeit, wie weit dieses Nigeria hinter den Ansprüchen zurückbleibt, die er mit den anderthalb Jahrzehnten erworben hat, die er auf der reichen Seite der Erdkugel verbrachte. "Jeder Tag gehört dem Dieb" ist der Reportageband des Heimkehrers, der nie mehr ganz dorthin kann, wo er einmal war: Mit jedem Tag, den der Erzähler länger in Nigeria ist, wächst die Distanz.

Chaos und Improvisationskunst

Wie schon in seinem 2012 erschienenen Roman "Open City" erzählt Teju Cole, der 1975 in den USA als Sohn nigerianischer Einwanderer geboren wurde, in "Jeder Tag gehört dem Dieb" keine eigentliche Geschichte. War es in "Open City" New York, das der Erzähler beobachtend durchschritt, ist es jetzt dessen afrikanische Entsprechung: das riesige urbane Gebilde Lagos, in dem die Hoffnungen eines Staates so unerschütterlich wuchern wie seine Armenviertel. Im Original erschien "Jeder Tag gehört dem Dieb" bereits 2007, was erklärt, weshalb in Coles Portrait einer Gesellschaft die Religion noch keine Gefahrenzone ist. Zumindest im Umfeld des Erzählers herrscht Toleranz, und Boko Haram ist keine Erwähnung wert.

Es ist der vielleicht unbestechlichste Blick, den Cole auf die Zustände des nur für afrikanische Verhältnisse wirtschaftlich starken Landes wirft - nämlich der eines Mannes, der keineswegs ethnozentristisch ist und weder Arroganz noch Nostalgie kennt. Das fiktionale Schreiben Coles ist stark biografisch koloriert, weshalb man geneigt ist, den Icherzähler mit dem Autor in eins zu setzen: Er findet in Nigeria ein Land vor, zu dem er sich hingezogen, von dem er sich gleichzeitig abgestoßen fühlt. Der in zurückhaltender Beobachtungsprosa verfasste essayistische Text rafft die Szenen einer Rückkehr in ein Bilderbuch des (mehr oder minder immer noch) gegenwärtigen Nigerias, in dem Lebensfreude auf Chaos und Improvisationskunst auf Organisationsversagen trifft.

Ein Paradies für Schriftsteller

Nur einmal erlaubt sich Cole eine Romantisierung der Lebensumstände dieses Landes, das er liebt und das ihn in seiner Verkommenheit gerade deswegen fassungslos macht. Das Übermaß an Geschichten, den das verderbte Land bereitstellt, ist für Cole ein Paradies für Schriftsteller: "Wäre John Updike Afrikaner gewesen, hätte er vor zwanzig Jahren den Nobelpreis gewonnen.""Jeder Tag gehört dem Dieb" ist mehr als ein Reisebericht. Es ist ein glänzendes Stück Literatur, in der der Clash der Kulturen nicht in den Suburbs der Metropolen Westeuropas oder Nordamerikas stattfindet. Er ereignet sich in der Herkunftswelt des Wanderers zwischen den Welten, und er ist vorübergehend, denn am Ende wird der Erzähler wieder nach New York fliegen.

Der Literatur kommt die Aufgabe zu, das Verhältnis zwischen neuer und alter Heimat auszutarieren: Sätze füllen Gräben auf. Wörter reißen Grenzen ein - und sind andererseits ein umso stabilerer Grenzwall. Den in dem Moment, indem Cole sich in die verlorene Heimat wieder hineinschreibt, vergrößert er durch das Aussprechen illusionsloser Sätze die Distanz unaufhebbar: Die Menschen in Nigeria sind zermürbt - "jeder hier ist käuflich, die allgemeine Resignation und Hilflosigkeit ist überall spürbar und bricht mir das Herz".

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insgesamt 7 Beiträge
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fatherted98 02.02.2015
1. Typisch Afrika...
...kann man da nur sagen. Bodenschätze ohne Ende...ein Reichtum an Menschen und Möglichkeiten...und das einzige was rauskommt sind nur Korruption und Berreicherung einiger...die Masse darbt dahin ohne Aussicht auf Veränderung...dazu kommen jetzt auch noch Islamische Schlächter die den Menschen den Gar ausmachen....
question2001 02.02.2015
2. Zumindest
Zumindest widerstehen die Autoren dem Drang die Akteure in Nigeria als Unmündige darzustellen indem, wie meist, der diabolische "Westen" für alles Elend verantwortlich gemacht wird. Große Gebilde wie moderne Staaten, die außerdem über die mächtigen Werkzeuge der technischen Zivilsation verfügen, können nicht funktionieren ohne Bürgersinn, Verantwortung und Disziplin. Wie dieser kulturelle Shift vom Clan-orientierten und landwirtschaftlich-orientierten Gemeinschaftsleben zu einer komplexen Demokratie gelingen soll ist einen Frage die die Afrikaner selbst beantworten müssen. Wenn das aber nicht gelingt wird dieses Chaos einer Faktoren sein der die Natur, die Ressourcen, die ganze Welt zugrunde richtet. Wobei die Sache natürlich komplex ist, - Kapitalismus und Plutokratie sind noch gewichtigere Faktoren, und vermengen sich mit dem Chaos...
JeffD 02.02.2015
3. Google Tipp
Einfach mal googeln... "Modell Nigeria: eine Reise in das kranke Herz des Islam"
Altunternehmer 02.02.2015
4. Meine Frau
kommt aus Nigeria, sie ist gebildet, engagiert sich, wenn ich aber auf Afrika zu sprechen komme schaltet sie auf Ignoranz, als ob sie das ganze dort nichts angeht, will sagen es wird sich dort nie etwas ändern.
dongerhardo 02.02.2015
5. Afrika den Afrikanern
1) Verbot und Ausweisung aller sog. Hilfsorganisationen. 2) Wiederaufbau der verrotteten Infrastruktur (Strassen, Bahn, Wasser, Abwasser, Strom, Tel. etc.) 3) Bewirtschaftung des Landes. 4) Eigene Förderung der Bodenschätze, Produktion von Halberzeugnissen. 5) Wiederaufbau der mittelständigen handwerklich geprägten Wirtschaft. So könnte eine positive Entwicklung eingeleitet werden.
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