Neues von "Shades of Grey"-Autorin James Perfekt fürs Sexklischee-Bingo

Ohne Sadomaso, dafür wieder mit Unterwerfungssex: E.L. James hat ein neues Buch geschrieben. Keine Überraschung: "The Mister" ist ein Ausbeutungsporno. Wir liefern eine Runde Aufklärung.

Lord trifft Haushaltshilfe (Symbolbild): "The Mister" ist Ausbeuterpornografie der widerlichsten Art.
Getty Images

Lord trifft Haushaltshilfe (Symbolbild): "The Mister" ist Ausbeuterpornografie der widerlichsten Art.

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Sie macht es einem wirklich unfassbar leicht. E.L. James hat gerade ihr erstes Buch veröffentlicht, das außerhalb des "Shades of Grey"-Universums spielt. Sie hat alle Peitschen, Handschellen und sonstigen offensichtlichen BDSM-Accessoires weggelassen. Das macht es noch leichter, sich über den Schund dieser Frau zu erheben: Er liegt jetzt quasi nackt vor einem.

Warum nicht einfach ignorieren?

Machen wir uns nichts vor: Das Zeug verkauft sich auch allein, gleich in der ersten Woche ist "The Mister" in Großbritannien und Deutschland auf Platz eins der Bestsellerliste gelandet. Genau deshalb muss man Stück für Stück benennen, warum dieses Ding ein derartiger Dreck ist. Um es gleich zu sagen: Wer sich schon auf einen Höhö-Text freut, sorry, das geht nicht mehr. Anders als vor ziemlich genau sieben Jahren, als James mit ihrer Fanfiction anfing oder als vor vier Jahren der erste Film im Kino lief.

In der Zwischenzeit leben wir mit dem Wissen, wie selbstverständlich Typen wie Trump, Weinstein, Wedel und viele andere es finden, Frauen sexuell auszubeuten. Wir sahen live, wie der neue Supreme-Court-Richter Brett Kavanaugh, dem von mehreren Frauen sexuelle Misshandlungen bis hin zu versuchter Vergewaltigung vorgeworfen werden, mit seiner Rumopferei durchkam, bis man speien wollte.

Was hat das mit "The Mister" zu tun?

Es ist unfassbar, dass eine Frau heute immer noch Geschichten für Frauen schreibt, in denen Unterwerfungsszenarios total normal sind. Und in denen Sex nur einem Schema folgt: Frauen in Romanen sind erregend, wenn ein vorsintflutlicher Männerblick geifernd ihren Pokurven folgt. Hier noch mal fett: Eine Ichperspektive gönnt James nur dem Typen.

Dass die junge Frau den "Helden" hauchend, bebend immer "Mister" nennt, zeigt das ganze Drama: Es ist wie bei jenen Billigpornos, in denen die Herren nur anonymisiert auftauchen - und die dienstleistenden Frauen bis zum letzten Fingernagel perfekt ausgeleuchtet sind. Und das Wort "Roman" lassen wir ab jetzt mal ebenso weg wie die Namen der Protagonisten, wozu, es ist wumpe.

Preisabfragezeitpunkt:
22.05.2019, 21:30 Uhr
Ohne Gewähr

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E L James
The Mister: Roman - Deutschsprachige Ausgabe

Verlag:
Goldmann Verlag
Seiten:
608
Preis:
EUR 15,00

Handlung, gibt's das?

Es ist Ausbeuterpornografie der widerlichsten Art. Selbst auf YouPorn gibt es keine eigene Kategorie dafür. Dagegen wirkt der Shades-Plot wie eine Bedienungsanleitung für Gleichberechtigung. Er ist ein junger, waschechter Lord, der nebenher modelt. Und sie seine Putze. Aber ach, als reichte das noch nicht fürs enorme Gefälle, missbraucht James real existierende Sklaverei für ihren Voyeurismus: Die Frau ist eine junge Albanerin auf der Flucht vor einem Mädchenhändlerring, ihr Hab und Gut passt in zwei Plastiktüten, nicht mal Socken hat sie. Sie sollte zwangsverheiratet werden.

Und klar, Sex hatte sie auch noch nie. Ein verhuschtes Hascherl mit rosa Kinderschlüpfer. Kein Ding, sie hat den dunkelsten Horror mit Typen gerade erlebt, natürlich lässt sie sich von einem Wildfremden in Sicherheit bringen. In ein Versteck. Weit weg. Ein Mann, der was taugt, hätte sie in die Obhut anderer Frauen gegeben. Hier wird dafür nur das perfide Rittermärchen weitererzählt: "Sie wird die beste Putzfrau sein, die er je hatte, damit er sie nie wieder hergeben möchte."

Autorin E.L. James: Inhalt? Wumpe!
Michael Lionstar/ Goldmann

Autorin E.L. James: Inhalt? Wumpe!

Ähm, und Handlung im Sinne von Sex?

Er ist hart, sie ist eng, sie ist feucht, er lässt sie auf sich sinken, lalala, das Übliche und von vorn. Ist sie erregt, findet sie sich "unkeusch". Perfekt für Sexklischee-Bingo.

Gibt's auch einen Funken Positives?

Sagen wir mal so: In der Story gibt es einen Mann, der einer Frau offenbar ziemlich gute Orgasmen verschafft. Das ist nicht nichts. Und er fragt sie, ob sie x, y, z auch wirklich will. "Nein heißt Nein" als Grundregel - als Idee erst mal super. Nur: Sie würde ja nicht Nein sagen, siehe Hierarchiegefälle, siehe existenzielle Abhängigkeit, siehe Sätze wie: "Wie kann ich ihm das jemals vergelten?" Und natürlich gilt zweifellos: Sich zu erheben über den Mist, den E.L. James produziert, ist eine Sache - sich zu erheben über das, was Frauen reizend finden, eine andere. In diesem Sinne: Erregt euch, los, auf den 600 Seiten wiederholt sich alles, wirklich alles oft genug. Um das Kopfkino für Eigenes anzuheizen, reichen auch ein, zwei Absätze in der Mitte.

Lust auf Sexgeschichten habe ich schon. Aber geht's auch anders?

Allerdings. Nehmen Sie den ebenfalls frisch erschienenen Roman "M" von Anna Gien und Marlene Stark. M. ist eine junge Berlinerin, DJ, Kunstszene, Neukölln. Und sie hat ziemlich viel Sex. Mit Männern, mit Frauen, auf siffigen Klubklos, in Darkrooms, im Videochat, im Bett. Sie leckt und wird geleckt, sie fickt und wird gefickt, sie schnallt sich einen Gummischwanz um oder wichst Boris und Richard und Co. mit der Hand.

Preisabfragezeitpunkt:
22.05.2019, 22:20 Uhr
Ohne Gewähr

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Anna Gien, Marlene Stark
M

Verlag:
Matthes & Seitz Berlin
Seiten:
248
Preis:
EUR 20,00

Es ist aber ein grandioses Missverständnis, diesen Roman als Sexprovokation zu lesen. Auch wenn Sie mit Neukölln-Kunstkram-Klubs nichts am Hut haben: Diese M. hat mit einer derartig beiläufigen Lust Sex, dass es die reinste Freude ist. Das hier ist echt, das andere nicht mal Simulation.



insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
telarien 29.04.2019
1. Männer?
Gut, ich habe weder dieses Buch gelesen, noch etwas aus dem Shades-Universum. Hier schreibt offenbar eine Frau für Frauen, trotzdem kommt mir beim Lesen der Kritik das Gefühl, da müssen doch Männer schuld sein. Was unfair ist. Ich werfe mal die Highland-Saga von Diana Gabaldon in den Ring. Hier wird die Protagonistin in die schottischen Highlands des 18. Jahrhunderts versetzt, dort verliebt sie sich und bekommt auch mal den Hintern versohlt, was sie nicht ganz falsch fand. Die Reaktionen in meinem Bekanntenkreis waren interessant. Meine Frau lehnte die Saga darauf ab. Ihre Schwester und andere Frauen standen drauf. Mir war es völlig egal, da nicht wichtig für den Kern der Geschichte.
abc_bis_z 29.04.2019
2. eine Frage, Frau Haeming
vorweg: ich halte die Bücher von E.L. James auch für Schund (wobei ich ehrlicherweise dazu sagen muss, dass ich keins ihrer Bücher gelesen hab und mich in meinem Urteil auf die Rezensionen verlasse). Aber gestatten Sie mir eine Frage, Frau Haeming bzw. die Frage, die bei alldem am interessantesten wäre und die weder Sie noch andere Fahnenträgerinnen der Empörungs-Feminismus bisher gestellt haben: warum verkaufen sich diese Bücher so unfassbar gut? Meines Wissens ist die überwältigende Leserschaft dieser Bücher weiblich. Warum also kaufen, lesen und lieben unzählige Frauen diese Bücher? Haben viele Frauen eine Affinität zu Schundliteratur? Oder ist der reine Inhalt (Unterwerfung unter einen gut situierten Mann) der besondere Reuz für die weibliche Leserschaft? Und wenn ja, warum? Und warum hat ein Buch über einen arbeitslosen Hartz4 Empfänger aus Castrop-Rauxel, der Frauen auspeitscht, keinen Erfolg? Hat der Erfolg der Shades of Grey Bücher auch damit zu tun, dass der Protagonist Milliardär ist? Wie aber kann das sein? Ich (und viele andere Männer meiner Generation) hab von Kindesbeinen an eingetrichtert bekommen: Frauen stehen auf innere Werte, Männer (nur) auf äußere Merkmale. Der Erfolg dieser E.L. James Bücher bringt man ganzes, erlerntes Weltbild ins Wanken.
Newspeak 29.04.2019
3. ...
Waere die zweite Buchbesprechung nicht gewesen, haette man dem Anliegen der ersten noch folgen koennen. So zeigt sich nur, dass Frauen nicht wissen, was sie wollen. Mich wuerde mal interessieren, wieviele Maenner diese Buecher kaufen, ich glaube es sind nicht sehr viele, die sich dafuer begeistern koennen. Also sind es in der Mehrheit die Frauen, die von Frauen geschriebene Literatur kaufen, in der Frauen unterdrueckt werden, worueber Frauen dann wieder boese Verrisse schreiben. Ja, meine Guete, kommt doch mal mit der Welt klar, und lasst es sein. Oder gesteht euch ein, dass ihr mitschuldig an dem Schlamassel sein, mitschuldig an der Verlogenheit der Welt, mitschuldig am System, weil ihr es naemlich mit eurem Verhalten auch tragt, weil ihr eure Geschlechtsgenossinnen, die abweichen, naemlich auch mit unterdrueckt, immer so, wie es gerade passt, und damit keinen Deut besser, als die maennliche Seite. Nebenbei, Unterwerfungsphantasien gibt es auch unter Schwulen. Es scheint eine normale Spielart der menschlichen Sexualitaet zu sein. Rein empirisch. Vielleicht sollte man die Fakten akzeptieren, anstatt sich medial unschoen ueber Literatur auszulassen. Oder man sollte wenigstens so konsequent sein, auch die Buecherverbrennung zu fordern, denn das ist dieselbe Denke, die sich hinter solchen "Rezensionen" verbirgt.
christine.rudi 29.04.2019
4. Ich glaube, es gibt genausoviel männliche, wie weibliche "Subs" und ..
genausoviel weibliche, wie männliche Doms. Wollen Sie uns erklären, daß Sader-Masoch eine Frau war ? Kopfschüttelnde Grüße R.
mike_virgil 29.04.2019
5. Na, prima...
Hier schön über den Text herziehen und unterirdisch finden, aber zugleich damit kostenlose Werbung machen, inklusive gleich 2 Links, schön mit Abbildung, direkt zum Bestellvorgang. Damit ja nix schief geht. - Ja, was denn nun?
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