"The Sound of Silence" Süße Girlies in der Mangelwirtschaft

Ein Premieren-Abend in Berlin ohne Worte: Goldige Blumenkinder tummeln sich in tristen Rigaer Kommunalwohnungen, saugen Flüssig-Drogen und glätten sich die Haare mit den Bügel-Eisen - und das alles zum "Sound Of Silence" von Simon & Garfunkel.

Von Christine Wahl


Realsozialistische Sowjetregierung hin oder her: Lustig war's in Riga 1968! Zumindest, wenn man dem lettischen Regisseur Alvis Hermanis glaubt. Zwar bröckelt in der heruntergewirtschafteten Kommunalwohnung, die seine Bühnenbildnerin Monika Pormale ins Haus der Berliner Festspiele gebaut hat, malerisch der Putz von den Wänden. Das emaillierte Waschbecken trägt hübsch drapierte Rostflecke zur Schau, und auch die nostalgiemarktverdächtige Badewanne hat schon mal reinlichere Tage gesehen.

Fröhliches Leben im real-sowjetsozialistischen Riga 1968: Flaschendrehen mit Kuss-Sanktion
Foto: Berliner Festspiele

Fröhliches Leben im real-sowjetsozialistischen Riga 1968: Flaschendrehen mit Kuss-Sanktion

Aber innen drin im staatlichen Wohnungsbau wird heiter die infantile Regression gefeiert: Bei Hermanis, einem der angesagtesten internationalen Theaterfestivalgastspieler, haben sich hier nämlich lauter goldige Blumenkinder eingemietet. Und im Gegensatz zu ihren westlichen Gesinnungskollegen, erklärt der Regisseur im Programmheft, hätten sich die lettischen 68er eher als "Revolutionäre im ethischen und ästhetischen Sinne verstanden" als politische Absichten zu verfolgen.

Genau so sieht der Abend auch aus: Drei Stunden lang hüpfen süße Stiefelettchen-Girlies und mehr oder weniger lässige Koteletten-Jungs fidel auf Sofas herum, spielen Flaschendrehen mit Kuss-Sanktion (wobei dickliche Rothaarige ethisch ganz und gar nicht revolutionär übergangen werden) und greifen zwischendurch immer wieder wissbegierig zum Buch, da sie – wie Hermanis betont - "gebildeten Kreisen" entstammen. Des weiteren bereiten die lettischen Blumenkinder ihrem Publikum, dem das dankbare Szenenapplaushändchen für eine Berliner Hochkulturpremiere überraschend locker sitzt, viel Freude mit der realsozialistischen Mangelwirtschaft: Fröhlich zweckentfremden die Flowerkids in Ermangelung sachgerechter Gerätschaften zur Glättung ihrer Haare das Bügeleisen, saugen aus einem Glasbottich mit langen Schläuchen eine pfiffige Flüssigdrogen-Eigenkreation heraus und haben noch auf der anti-aphrodisierendsten Campingklappliege wahnsinnig authentisch und leidenschaftlich ihren Paarungsspaß.

Und schließlich – drei Stunden sind lang (!) – kann man den unpolitischen lettischen 68ern wiederholt dabei zusehen, wie sie sich zu zirkuspreisverdächtigen Massenplastiken formieren, um die Antennen diverser Fernseh- und vor allem Radioempfangsgerätschaften so in Position zu bringen, dass satt dumpfen Rauschens das gesamte künstlerische Schaffen von Simon & Garfunkel herausschallt. Das nämlich spielt die Hauptrolle in diesem vollends ohne Worte auskommenden Abend "The Sound of Silence – Ein Konzert von Simon & Garfunkel 1968 in Riga, das nie stattgefunden hat".

Gut kalkuliertes Kuschel-Theater

Das Auftragswerk für das Festival "spielzeit"europa" im Rahmen der Berliner Festspiele läuft tatsächlich komplett zu Simon & Garfunkel-Songs ab und knüpft an Hermanis' internationalen Festivalhit "Long Life" an, der – ebenfalls nonverbal – zärtlich, aber pathosfrei mit den jungen Schauspielern vom Neuen Rigaer Theater einen Tag im Leben alter Menschen in lokalen Kommunalwohnungen verfolgt, die in Ermangelung anderer Betätigungsfelder ziemlich sinnfrei auf Schränke klettern, Pflanzenpopulationen in leeren Milchflaschen aufpäppeln, bei jedem Apfel Gefahr laufen, sich die Kunstzähne auszubeißen und denen das morgendliche Ankleidungsprocedere unter Umständen zum Ganztagsprogramm wird.

"The Sound of Silence" darf man nun gewissermaßen als nachgelieferten Piloten zu diesem Projekt verstehen: die gleichen Menschen in derselben Kommunalbude – nur 40 Jahre früher, wo in den Regalen, die in "Long Life" bis zur Erstickungsgefahr zugemüllt sind mit gelebtem Leben, noch viel, viel Platz ist. Wie immer hat Hermanis das Stück gemeinsam mit seinen Schauspielern entwickelt: Ausgangspunkt waren 25 Simon & Garfunkel-Songs, zu denen die Darsteller nach MTV-Videoclip-Art sogenannte "Theaterclips" entwickelten, die dann während der Proben zu besagtem Abend verdichtet wurden.

Anders aber als in "Long Life" oder auch in Hermanis' spannenden "Lettischen Geschichten", in denen die Schauspieler nach ausgiebigen Basis-Recherchen das Leben realer Rigaer Kindergärtnerinnen, Berufssoldaten oder Bartänzerinnen auf der Bühne porträtierten, fühlt sich "The Sound of Silence" einfach nur wie ein gut kalkuliertes Kuscheltheater an; international festivalkompatibel nicht allein wegen der cleveren Umgehung sprachlicher Verständnisschwierigkeiten, sondern auch wegen seiner absoluten Schmerzfreiheit. Kein politisches oder anderweitiges Problemchen stört hier den Regressionsfrieden. Die Generation fünfzig plus wippt selig im Mrs.-Robinson-Takt mit und schaut auf die Bühne ein bisschen wie in eine Kinderwundertüte, die viel Anlass zu verzückten "Aaaah"-, "Ooooh"- und "Ach-wie-süß"-Rufen bietet.



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