Thomas Brussigs "Heimsuchung" Unraffinierte Geschwätzigkeit

Sein Erfolgsroman "Helden wie wir" wurde verfilmt. Jetzt hat Thomas Brussig gleich ein Theaterstück abgeliefert - an dem der Ost-West-Konflikt wie ein altes Kaugummi klebt.

Von Simone Kaempf


Literarisch waren die Neunziger nicht gerade hoffnungsvoll gestartet. Auf der deutschen Literatur lag eine bleierne Schwere. Die junge Westliteratur kam immer noch ziemlich frühverrentnert daher, die neue Lässigkeit hatte sich noch nicht eingestellt, und die alte Garde Grass, Walser und Co. hatte zwar nach wie vor ihr Publikum, blieb aber überwiegend angestrengt ihrem Vor-89er-Programm treu. Da trat im Jahr 1995 zum rechten Zeitpunkt der bis dahin unbedeutende Thomas Brussig auf den Plan und löste die Aufgabe, einen Roman zum 9. November 1989 zu schreiben. Und das auch noch mit einer ungeahnt wirklichkeitsprallen und komischen Erzählung.

"Helden wie wir" hieß seine von Aberwitz vorangetriebene Groteske: Die wahre Geschichte über den Fall der Mauer, der nur deshalb zu Stande kommt, weil die Figur Klaus Uhltzscht heraufkrabbelt und vor den Wachposten seine Hose herunterlässt. Der Roman wurde verfilmt und auf die Bühne gebracht. Für "Sonnenallee" lieferte er dann zum Roman das Drehbuch gleich hinzu, dass von Leander Haußmann zu einer fröhlich-unbekümmerten Musik-Schmonzette verfilmt wurde. Brussig war damit in aller Munde, und selbst wer ihn nie gelesen oder die Filme nicht gesehen hat, konnte sich ein Bild von ihm machen.

Aus seiner Arbeit scheint Brussig nun die Konsequenzen gezogen zu haben und lieferte sein neuestes Werk nicht als Roman, sondern gleich als Theaterstück ab. Die Gründe dafür sind hehr: Statt weiter auf seiner Ruhmeswelle zu reiten und einen Roman nach dem anderen zu veröffentlichen, bekennt sich Brussig zu seinem Ehrgeiz, das Geheimnis des Theaters zu knacken, das ihm noch vor kurzem so fremd war. Seine Überlegung: Auf die Bühne gehört, was wir im Leben nicht verstehen.

"Heimsuchung" heißt der bedrohliche Titel des Stücks, das Brussig in einer hessischen Dorfkirche ansiedelt. Der Pfarrer hat gerade das riesige Clint-Eastwood-Poster wieder entfernen lassen, mit dem er die Menschen in Gottes Haus locken wollte, da stehen drei junge ostdeutsche Ganoven, einer von ihnen angeschossen, vor ihm. Der Pfarrer wird als Geisel genommen, und schon kann der Western beginnen.

Thomas Brussig: Ließ sich auf der Bühne nicht blicken
AP

Thomas Brussig: Ließ sich auf der Bühne nicht blicken

Nachdem eine Ärztin den Verletzten versorgt hat, wartet man auf einen Ausweg, genügend Zeit also für deutsch-deutsche Missverständnisse. Von Vergebung und Vergeltung wird salbadert, dazu werden gehackte Sätze wie "Ich hasse die Einheit" der West-Ärztin untergemischt. Von dem geistreichen, unbekümmerten Umgang Brussigs mit der DDR ist in dieser Geschwätzigkeit nichts mehr zu spüren. Wohl ein großes Missverständnis: Theater ist eben mehr als nur ein paar Worte.

Dabei hatte Brussig im Vorfelde für seinen Text erbittert gekämpft, hatte sich darüber aufgeregt, dass Intendanten das Stück zertrümmern wollten und war in Interviews als Retter der entrechteten Autoren aufgetreten. Das Theater in Mainz nahm sich schließlich der Uraufführung an. Doch auch die Regisseurin Kristin Ziller wusste das Werk nicht zu retten. Sie teilt die Geschichte in der Kirche in kleine Einzelszenen auf, die mit Schwarzblenden voneinander getrennt werden. Von Angst einflößender Geiselnahme ist nichts zu spüren. Friedlich sitzen Pfarrer, Ärztin und die drei Ostdeutschen im Kirchenschiff.

Zum Schlussapplaus zeigte sich Brussig dann auch nicht auf der Bühne - vielleicht weil der Text verändert wurde, vielleicht weil er weiß, dass dies ein arg unraffinierter Text ist, an dem der Ost-West-Konflikt zäh klebt wie ein altes Kaugummi unter der Schuhsohle. Vielleicht hat er sich auch nur nicht blicken lassen, weil die Regisseurin Kristin Ziller ganz nebenbei noch seine Freundin ist. Das Private dominiert immer in der leidenschaftlich umworbenen Literaturszene vom Prenzlauer Berg in Berlin, und im Roman fühlt sich Brussig eindeutig zu Hause. Bei den Familienbanden am Theater scheint Brussig hingegen einiges missverstanden zu haben.

Thomas Brussig: "Heimsuchung - Ein Stück für 5 Personen". Verlag Volk & Welt, Berlin; 96 Seiten; 22 Mark .



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