Thomas Pynchon Unterhändler der Gigantomanie

Thomas Pynchon galt als James Joyce unserer Zeit. Jetzt soll er plötzlich ein schlechter Autor geworden sein? Nur weil es neun Jahre gedauert hat, bis er ein weiteres monumentales Werk vorgelegt hat, das zu lesen Kritiker keine mehr Zeit haben? Ein großer Fehler, findet unser Autor Sebastian Moll.

Nimmt man die Reaktionen der Literaturkritik auf den neun Jahre lang erwarteten neuen Roman von Thomas Pynchon "Against the Day" als Gradmesser, dann hat Amerika eindeutig keine Geduld mehr für Avantgarde. "Gravity's Rainbow" von 1973 - das Opus Magnum des mysteriösen Autors, den außer seinem mittlerweile verstorbenen Literaturprofessor Vladimir Nabokov nur wenige je gesehen haben – wird bis heute als paradigmatisches Werk der Postmoderne gefeiert und an Hochschulen gelehrt; Pynchon wurde in den Achtziger und bis in die Neunziger Jahre hinein als der James Joyce unserer Zeit gefeiert.

Jetzt hat man seine Faxen jedoch offenbar satt. Die "New York Times" beschwerte sich, dass die Tricks und Schachzüge auf den 1085 Seiten von "Against The Day" allzu vertraut seien. Pynchon, so die Kritikerin Michiko Kakutani, nerve mal wieder mit Unter-Handlungen und Unter-Unter- Handlungen und Unter-Unter-Unter-Handlungen, mit sich auflösenden Charakteren, narrativen Sackgassen, mit Sperrigkeit und vor allem mit seiner selbstgefälligen Gigantomanie. Nachdem er in seinem letzten Werk "Mason and Dixon" viele schlechte Gewohnheiten abgelegt und seinen Figuren sogar so etwas psychologische Tiefe gegönnt hatte, so Kakutani, sei der Meister nun wieder tief in alte Muster verfallen, von denen man eigentlich die Nase voll habe.

Das Internet-Magazin "Slate" haut in dieselbe Kerbe. Intellektuelle Tiefe, schreibt Laura Miller dort, sei auch zu haben, ohne den Leser derart zu malträtieren. Autoren wie David Foster Wallace oder Neal Stephenson hätten demonstriert, dass es möglich ist, gleichzeitig die Welt zu erklären und eine gute Geschichte zu erzählen. Pynchon, so Miller, werde von seinen eigenen Nachahmern bei seinem eigenen Spiel geschlagen.

Das hört sich so an, als wäre Pynchon nicht dazu im Stande, sein monumentales Romangebäude zusammen zu halten, als würden ihm die zahllosen Erzählstränge und miteinander verwobenen Figuren, die Zeitsprünge und die Theorieversatzstücke schlicht entgleiten. Eine etwas seltsame Kritik an einem Schriftsteller, der vor 30 Jahren dafür gelobt wurde, das komplexeste Erzählgebäude aller Zeiten geschaffen zu haben. Ein Gebäude, dessen Erforschung Heerscharen von Literaturwissenschaftlern ihre gesamte Karriere widmen.

Keine Geduld mehr für große Entwürfe

Plausibler als dass Pynchon das Erzählen verlernt hat, ist es sicherlich, dass unsere Zeit weit weniger als die Siebziger und die Achtziger Jahre noch die Geduld hat, sich auf große Entwürfe einzulassen. Das ist schade, denn was man bei einem ersten Überflug über die neuen Pynchon-Landschaften zu sehen bekommt, verspricht Einsichten in Zusammenhänge, Verknüpfungen von Ereignissen und Prozessen, die so originell und interessant sind, wie Pynchon das seit eh und je ist.

Der Handlungszeitraum des Buches – der freilich an den Rändern immer wieder zerfließt, sind die Jahre 1893 bis 1920. Der frühe Eckpfeiler ist die Weltausstellung von Chicago von 1893, auf der schon zeitgenössische Schriftsteller wie Henry Adams herumliefen und sich fragten, was Neuerungen wie der Dynamo und die Verbreitung der Elektrizität denn für eine Welt gebären würden. Der späte Eckpfeiler ist grob das Ende des Ersten Weltkriegs – laut Walter Benjamin das ebenso katastrophale wie zwangsläufige Ergebnis einer durchtechnisierten modernen Weltgesellschaft.

Die Hauptfiguren sind die drei Söhne eines Anarchisten, der mit gewohntem pynchonesken Namenswitz Webb Traverse getauft wird. Traverse wird von einem bösartigen Kapitalisten namens Scarsdale Vibe ermordet und für den Rest des Romans grübeln die Söhne darüber nach, wie sie Traverse wohl am Besten rächen sollen.

Verloren im Pynchon-Dschungel

Alleine dieser Erzählrahmen liefert eigentlich reichlich Futter für wesentlich interessantere Debatten als die, warum den Figuren von Pynchon die psychologische Tiefe fehlt. Der Siegeszug der durchtechnisierten kapitalistischen Moderne, könnte man Pynchons Metapher verwörtlichen, hat jeden widerständigen Impuls erdrückt. Was bleibt, ist ein Unwohlsein, das nicht weiß, wie es sich durch Handlung Luft verschaffen soll. Zuhause ist es vielleicht im Internet – so suggeriert der Name des verstorbenen Vaters, aber um dieses Thema genauer zu ergründen, muss man sich wohl noch ein wenig tiefer in den wilden Pynchon – Dschungel begeben.

Dann würde man sicherlich auch Interessantes zum Thema Terrorismus erfahren, ein Thema im Übrigen, das Pynchon schon in seinem Roman "The Crying of Lot 49" beschäftigte. Auch dort sind wir schon Anarchisten begegnet – von der Kritik häufig als Vorbilder Pynchons beschrieben. Vorhandene Ordnungen zu stören ohne simple neue anzubieten, das war schon immer die subversive Strategie von Thomas Pynchon. Dazu passt seine konsequente Anonymität – Pynchon sperrt sich beharrlich dagegen, dass irgendwer seine Biografie und sein Werk miteinander in Verbindung bringt und somit beides trivialisiert.

Dass dererlei Schriftstellerei ermüdet, ist verständlich. Nach 400 Seiten und 20 Lesestunden, stöhnt die "Slate"-Rezensentin Miller, habe sie noch immer das Gefühl, der Roman habe noch gar nicht begonnen. Und auch nach beinahe 1100 Seiten wird sie nicht den Eindruck bekommen, etwas einfach Greifbares wie eine Weltanschauung oder die narrative Befriedigung einer geschlossenen Charakterentwicklung mitnehmen zu können. Sie wird verstört sein, so wie es Pynchon-Leser seit jeher sind. Und von der gespenstischen Ahnung beseelt, dass die Dinge vielleicht alle ganz anders sind, als man das gemeinhin glaubt.

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