Schweinezucht-Roman "Tierreich" Bestie Mensch

Seine Sprache hat Wucht und Schönheit. Doch die Geschichte eines Bauernhofs, die Jean-Baptiste Del Amo damit erzählt, ist voller Grauen. Den Appetit auf Schweinefleisch verdirbt "Tierreich" jedenfalls.
Schweine stehen auf einem Bauernhof im Stall

Schweine stehen auf einem Bauernhof im Stall

Foto: Carmen Jaspersen/ picture alliance / Carmen Jaspersen/dpa

"Tiere sind Mitgeschöpfe, keine Wegwerfware" sagte Anfang Februar Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner bei der Vorstellung eines neuen staatlichen Tierwohl-Labels, das ab 2020 für Schweinefleisch eingeführt werden soll. Tatsächlich ist der Fleischverzehr in Deutschland rückläufig, doch wir essen pro Jahr noch immer 60 Kilo Fleisch und Wurst, davon 40 Kilo Schwein. In Frankreichsinkt die Nachfrage nach Fleisch ebenfalls ; dort ging der durchschnittliche Jahresverzehr laut des Meinungsforschungsinstituts Crédoc im Zeitraum von 2007 bis 2016 um gut 12 Prozent auf 49 Kilo zurück.

Sollte der Roman "Tierreich" viele Leser finden, wäre es gut möglich, dass sich die Zahl der Fleischesser sprunghaft weiter vermindert. In dem Buch erzählt der Autor Jean-Baptiste Del Amo die Geschichte einer Familie von Schweinezüchtern von Anfang bis Ende des 20. Jahrhunderts. Sie leben im (fiktiven) Örtchen Puy-Larroque in der Gascogne und begehen 1898 ihr jährliches Schlachtfest, bei dem alle aus dem Dorf erst mit anpacken und danach feiern, zu Musik, Tanz und Wein werden Innereien, Blutwurst und Schwarten für die Kinder kredenzt.

Von Mensch zu Tier, von Mensch zu Mensch

Der Tochter der Schweinezüchter bekommt das nicht: "In dieser Nacht träumt Éléonore von einer Felsenklippe über dem See Genezareth, von der aus sich Schweine zu Tausenden in die Tiefe stürzen, dann von einem schwarzen Gewässer, in dem deren Leichen zu Tausenden herumtreiben und zu Tausenden in unergründliche Tiefseegräben hinabsinken."

Die Stimmung ist also düster, doch der 440 Seiten starke Roman wird noch krasser, in seiner Verhandlung des Verhältnisses von Mensch zu Tier, von Mensch zu Mensch und in der Sprache. Oft mit derber Wucht, manchmal mit erhabener Schönheit formuliert Del Amo, wie das dorfgemeinschaftliche Schlachten durch industrialisierte Massenzucht ersetzt wird.

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Del Amo, Jean-Baptiste

Tierreich

Verlag: Matthes & Seitz Berlin
Seitenzahl: 440
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Die Übersetzerin Karin Uttendörfer (sie war mit "Tierreich" in der Kategorie Übersetzung für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert) hat den Roman plastisch und lustvoll übertragen: Da brennt eine Öllampe nicht einfach herunter, sie hechelt dabei, und die Dorfeiche hat Seele: "Die mächtige Eiche herrscht, völlig ungerührt von der Entwicklung der Menschen, von deren Leben und lächerlichem Sterben. Liebende haben ihren Samen ihr zu Füßen vergossen, betrunkene und stolze Kerle gegen ihren Stamm gepisst, Lippen haben Geheimnisse und Schwüre in die Furchen ihrer Rinde geflüstert."

"Endlose Agonie"

Éléonore, die Del Amo zur ersten Hauptfigur seines in vier Kapitel geteilten Romans erkoren hat, fühlt sich den Schweinen näher als ihrer Familie: "Aus frühester Zeit an der Grenze der Erinnerung bleibt ihr das Gefühl einer tröstlichen Verbundenheit". Sie, die mit ihrem kränklichen Vater "nicht mehr als hundert Worte gewechselt hat" und von der Mutter, die "Erzeugerin" genannt wird, nur das nötigste an Erziehung mitbekommt, muss schon als Fünfjährige mit anpacken. Die Erzeugerin schlägt sie und bringt die Kätzchen um, die Éléonore heimlich auf dem Heuboden hält. Das alles macht aus ihr eine harte Frau, die die Ställe weiter vergrößert, ohne ans Tierwohl zu denken.

Dabei hatte das Glück kurz um die Ecke gelugt, als sie als junge Frau mit dem stillen Marcel anbändelte, einem Cousin des Vaters, der zum Arbeiten auf den Hof kam. Doch Marcel wurde zum Ersten Weltkrieg eingezogen, und als er Jahre später heimkehrte, waren Gesicht und Wesen entstellt. Éléonore heiratete ihn trotzdem, bekam Henri, den Del Amo zur Hauptfigur der letzten zwei Kapitel aufbaut.

Dieser Henri ist so böse wie seine Eltern und erzieht seine Söhne Serge und Joël mit Härte: Sie müssen schon mit zehn ihr erstes Schwein töten. Als Henri alt und krank ist, übergibt er den Hof an sie. Serge, ein Trinker, ist eifersüchtig auf La Bête (die Bestie), den liebsten Zuchteber des Vaters. Seine kranke Frau Catherine wünscht sich nichts mehr, als "dieser endlosen Agonie auf einem baufälligen Bauernhof, gefangen im Geruch und Geschrei der Schweine und der Bestialität der Menschen" zu entfliehen.

Mit seinem Roman will Del Amo, der Gustave Flaubert als Vorbild nennt, die Welt verändern. Er ist Mitglied der französischen Tierrechtsgruppe L214 , die vegane Ernährung promotet und Fälle von Tiermisshandlungen in Schlachthöfen aufdeckt. Del Amo, der vegan lebt, hat gleich nach "Tierreich" ein Buch über die Gruppe verfasst ("Une Voix pour les Animaux", Éditions Arthaud), auf Deutsch: Eine Stimme für die Tiere. Der Untertitel lautet: Eine andere Welt ist möglich. Nach dem Lesen dieses so schrecklichen wie wichtigen Buches sollte man das tatsächlich für bare Münze nehmen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Text-Version stand, der durchschnittliche Fleisch-Tagesverzehr in Frankreich sei auf 49 Kilo gesunken. Tatsächlich handelt es sich um den durchschnittlichen Jahresverzehr. Wir haben das korrigiert.