Vertrauensverhältnis »unheilbar zerrüttet« Verlag Kiepenheuer & Witsch beendet Zusammenarbeit mit Till Lindemann
Till Lindemann (2021 mit Militärkapelle auf dem Roten Platz): Trennung zwischen »lyrischem Ich« und Person verhöhnt?
Foto:Marina Lystseva / picture alliance / dpa
Der Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi) beendet die Zusammenarbeit mit Till Lindemann, dem Sänger von Rammstein, dessen Gedichte das Kölner Haus herausgebracht hat. Dies teilte Verlagschefin Kerstin Gleba in einem via Instagram verbreiteten Statement am Freitag mit.
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Mit Erschütterung habe man die in den letzten Tagen öffentlich gewordenen Vorwürfe gegen Till Lindemann verfolgt, heißt es in der Nachricht. Zuletzt hatten Social-Media-Nutzerinnen und Medien von einem Castingsystem berichtet, über das Lindemann im Rahmen von Konzerten junge Frauen zugeführt worden seien. Frauen werfen ihm in Beiträgen von »Süddeutscher Zeitung « und NDR Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe vor. Die Band Rammstein hat öffentlich erklärt , sie könne ausschließen, dass sich, »was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat«. KiWi-Verlegerin Gleba spricht den betroffenen Frauen Mitgefühl und Respekt aus.
Im Zuge der aktuellen Berichterstattung habe der Verlag Kenntnis erlangt von einem Porno-Video, in dem Till Lindemann sexuelle Gewalt gegen Frauen zelebriere und in dem das 2013 im Verlag Kiepenheuer & Witsch erschienene Buch »In stillen Nächten« eine Rolle spiele, heißt es in der Mitteilung weiter. »Wir werten dies als groben Vertrauensbruch und als rücksichtslosen Akt gegenüber den von uns als Verlag vertretenen Werten«, so die Verlegerin.
Es handelt sich offenbar um den Clip zum Song »Till the End« von Lindemanns Nebenprojekt Na Chui. Darin wird der durchlöcherte Gedichtband für sexuelle Handlungen verwendet. An einer Stelle ist das Buch auf der Seite mit dem Gedicht »Nein« geöffnet, das wiederum im Songtext rezitiert wird.
Buchautor Lindemann (bei Rammstein-Konzert): »Vertrauen zerrüttet«
Foto: Malte Krudewig / picture alliance / dpaKiepenheuer & Witsch betont, man verteidige aus voller Überzeugung die Freiheit der Kunst. »Durch die Frauen demütigenden Handlungen Till Lindemanns im besagten Porno und die gezielte Verwendung unseres Buches im pornografischen Kontext wird die von uns so eisern verteidigte Trennung zwischen dem ›lyrischem Ich‹ und dem Autor/Künstler aber vom Autor selbst verhöhnt.«
Der Verlag war wegen der Veröffentlichung von Lindemann-Gedichten öffentlich stark kritisiert worden. Insbesondere der 2020 erschienene Text »Wenn du schläfst« aus dem Band »100 Gedichte« stand in der Kritik, weil darin eine Vergewaltigungsfantasie gelesen wurde. Glebas Vorgänger als KiWi-Verleger, Helge Malchow, kritisierte die »moralische Empörung über den Text«, die »auf einer Verwechslung des fiktionalen Sprechers« mit dem Autor Till Lindemann basiere.
Nun heißt es allerdings von Kiepenheuer & Witsch, Till Lindemann überschreite »für uns unverrückbare Grenzen im Umgang mit Frauen«. Daher habe man sich entschieden, die Zusammenarbeit mit Till Lindemann mit sofortiger Wirkung zu beenden, »da unser Vertrauensverhältnis zum Autor unheilbar zerrüttet ist«.