Populismus und Demokratie Er steckt hinter allem

Die liberalen Demokratien stehen am Abgrund, davon ist der Yale-Professor Timothy Snyder überzeugt - in seinem neuen Buch benennt er einen Schuldigen. Eine aufwühlende Lektüre, die Angst macht.
Wladimir Putin mit Offizieren im Kreml (im Dezember 2017)

Wladimir Putin mit Offizieren im Kreml (im Dezember 2017)

Foto: KIRILL KUDRYAVTSEV/ AFP

Wagen wir einen Blick in die Zukunft, ins Jahr 2100 vielleicht: Wem werden Historiker die Hauptverantwortung dafür geben, dass zwischen 2010 und 2020 liberale Demokratien weltweit zu kollabieren begannen? Wladimir Putin.

So jedenfalls beantwortet diese Frage einer der renommiertesten Geschichtswissenschaftler: Timothy Snyder. Der 49-Jährige, ein Totalitarismus- und Osteuropa-Experte, hat eine ebenso verstörende wie faszinierende Analyse der Gegenwart verfasst: "Der Weg in die Unfreiheit" .

Einst schrieb Snyder dicke Bücher über die Parallelen zwischen Stalinismus und Nationalsozialismus, inzwischen gilt der Vergangenheitsforscher auch als Gegenwartsexperte. Sein aktuelles Buch handelt von Putin und Donald Trump, von Cyberkrieg und Trollfabriken, von Populisten und Faschisten.

Zur Person
Foto: Lucy Nicholson/ REUTERS

Timothy Snyder, Jahrgang 1969, ist Professor an der Yale University. Der Zeithistoriker beschäftigt sich vor allem mit dem Holocaust, Totalitarismus und der Geschichte Osteuropas. In Deutschland erregten seine Bücher "Bloodlands" und "Black Earth" Aufsehen, das Pamphlet "Über Tyrannei" wurde zuletzt ein internationaler Bestseller.

Über weite Strecken geht es darum, wie Russland unter der Herrschaft Putins damit begann, die westlichen Demokratien systematisch zu schwächen - mithilfe von Militäroperationen in der Ukraine, Cyberattacken in den USA, Zahlungen an Populisten. Snyder zufolge wären die Erfolge der politischen Rechten in Europa, der Brexit und die Wahl Trumps zum US-Präsidenten ohne russische Interventionen undenkbar gewesen.

Dem Historiker geht es weniger darum, wie genau Populisten derzeit weltweit die Demokratie vergiften. Sondern darum, wer ihnen aus seiner Sicht das Gift gab: der russische Präsident.

Um dessen Motive zu klären, erläutert der Yale-Professor die Bedeutung von Männlichkeit und Homophobie für Putins Gedankenwelt, seziert die nationalistischen Ideen des von ihm bewunderten konservativen Philosophen Iwan Iljin und rekonstruiert die Geschichte der Ukrainekrise sowie die russischen Politprojekte "Neurussland" und "Eurasien".

Geschichtsvergessene Generationen

Erstaunlich ist, welch zentrale Rolle in dieser Analyse dem russischen Staatschef zufällt, "dem weltweiten Führer der extremen Rechten". Bisweilen wirkt es, als stecke Putin wie ein Mastermind hinter allen globalen Verwerfungen der jüngsten Vergangenheit. Aber Snyder geht auch ausführlich auf die Frage ein, weshalb die liberalen Demokratien überhaupt so krisenanfällig sind. Demnach gab es in den vergangenen Jahrzehnten weltweit nur zwei politische Philosophien:

  • Als Politik der Unausweichlichkeit bezeichnet er die in westlichen Demokratien verbreitete Annahme, die Zukunft sei lediglich eine ausgebaute Version der Gegenwart. Globalisierung, Demokratie und Kapitalismus führen demnach zum gesellschaftlichen Idealzustand.
  • Unter Politik der Ewigkeit versteht Snyder hingegen die Ausrichtung aller Politik auf eine vermeintlich glorreiche Vergangenheit, die es zu verlängern gilt. Dies ist das Konzept von Populisten und Autokraten. Was nicht in solch pseudohistorische Narrative passt, wird ignoriert - oder einfach als "Vogelschiss" in der Geschichte abgetan.

Snyder erkennt in beiden Modellen dasselbe Problem: Wer sich auf eine perfekte Zukunft oder eine makellose Vergangenheit beruft, muss sich um nichts mehr kümmern und keinerlei Verantwortung übernehmen. So seien geschichtsvergessene Generationen herangewachsen, anfällig für Manipulationen. Noch deprimierender kann eine Analyse unserer Zeit wohl kaum ausfallen.

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Snyder, Timothy

Der Weg in die Unfreiheit: Russland, Europa, Amerika

Verlag: C.H.Beck
Seitenzahl: 376
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26.11.2022 17.18 Uhr

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"Der Weg in die Unfreiheit" erzählt eine mit 291 Fußnoten belegte Geschichte der jüngeren Vergangenheit - über eine von Lügen kontaminierte Zukunft. Snyder widersetzt sich damit den Konventionen seiner Zunft, mal wieder: Wie schon in "Black Earth", seinem aufsehenerregenden Werk über den Holocaust, gehen seine Analysen weit über Quellenauswertungen und akademische Debatten hinaus. Und wie schon in "Über Tyrannei", seinem provokanten Thesenband über Populismus, beschränkt er sich nicht nur auf die Vergangenheit.

Snyder zufolge könnte es vielen Demokratien bald so ergehen wie der von Wladimir Putin bedrängten Ukraine, dem von Viktor Orbán kontrollierten Ungarn oder den von Donald Trump gespaltenen USA. Diese mögliche Zukunft behandelt Snyder wie eine mögliche Gegenwart, für die das Jahr 2018 folglich schon Geschichte sein muss.

Fotostrecke

"Über Tyrannei": Handbuch für Menschenwürde

Foto: Dan Bullock/ dpa

Trotzdem ist "Der Weg in die Unfreiheit" keine pathetische Panikmache. Wie Snyder selbst schreibt, "kann eine Geschichte des Zerfalls ein Leitfaden der Wiederherstellung sein." Ein solcher Leitfaden ist ihm in Form eines bemerkenswerten Hybridtextes gelungen: eine wissenschaftlich fundierte Analyse, anschaulich, provokant und tiefgehend zugleich.

Vor allem aber macht dieses Buch Werbung: für das Streben nach Wahrheit in einer immer komplizierteren Welt. Vielleicht werden die Historiker des Jahres 2100 dann akribischen Rechercheuren wie Snyder ein Denkmal errichten.

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