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Tina Brenneisen über Trauer: Menschlich mit das Bitterste

Comics über Verluste So ist Trauer, so muss sie auch sein

Tina Brenneisen und Luz erzählen in zwei Graphic Novels von realen Katastrophen und der Trauer danach. Warum das einmal brillant funktioniert - und einmal nur so mittel.
Zum Autor

Timur Vermes wurde 1967 in Nürnberg als Sohn einer Deutschen und eines 1956 geflohenen Ungarn geboren. Er studierte Geschichte und Politik und wurde dann Journalist. 2012 veröffentlichte er den satirischen Roman "Er ist wieder da", von dem mehr als eine Million Exemplare verkauft wurden. Auch sein zweiter Roman "Die Hungrigen und die Satten" schaffte es auf Platz eins der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Für den SPIEGEL schreibt er über Comics und Graphic Novels.

Trauer im Comic. Gibt's öfter, ist aber meist eher episodenhaft. Eine traurige Stelle im Kapitel, ein trauriges Kapitel im Buch. Zwei Graphic Novels hingegen gehen jetzt aufs Ganze. Sie stellen Trauer in den Mittelpunkt, und zwar keine fiktive, wie wenn Leonardo Di Caprio in "Titanic" ertrinkt - sondern reale Trauer über reale Ereignisse, von den Autoren selbst erlebt. Tina Brenneisen, 42, schildert in "Das Licht, das Schatten leert" den Verlust ihres ungeborenen Kindes. Der Franzose Luz, 47, verarbeitet in "Wir waren Charlie" den Tod seiner Kollegen von der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" (sowie sein Überleben). Und in beiden Fällen kann man zunächst fragen: Dürfen Luz und Brenneisen das überhaupt?

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Graphic Novel über "Charlie Hebdo": Liebenswerter Saustall

Klare Antwort: jawohl. Privat sowieso, ist ein freies Land, jeder darf für sich zeichnen, was er mag. Aber darf man das dann auch auf den Buchmarkt schmeißen? Genauso klare Antwort: selbstverständlich. Man entzieht dann nur seine Trauer dem Schutz der Pietät - und gibt sie zur Beurteilung frei. Was vorher Privatsache war, darf man jetzt kritisieren. Also: Wird hier gut getrauert? Wird schlecht getrauert? Wird geheult? Und wie viel?

Tina Brenneisen: Was bleibt einem denn sonst?

Tina Brenneisen: Was bleibt einem denn sonst?

Foto: Edition Moderne

Bei Tina Brenneisen, prämiert mit dem Berthold-Leibinger-Preis 2017, Medienberichten zufolge sehr viel. Kein Wunder: Schon auf der dritten Seite lässt sich Brenneisen ihren tot geborenen Sohn ins Krankenbett bringen, um sich von ihm zu verabschieden. Menschlich gehört das vermutlich mit zum Bittersten, was man in einem Krankenhaus erleben kann. Dramaturgisch ist die Entscheidung sportlich: Einen der stärksten Momente, wenn nicht den stärksten schon auf Seite drei zu platzieren - das lässt gewiss nicht kalt, aber man fragt man sich schon, was da noch kommen soll.

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Brenneisen, Tina

Das Licht das Schatten leert

Verlag: Edition Moderne
Seitenzahl: 240
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Luz beginnt mit einem Traum: Er, der das Attentat vor fünf Jahren durch Zufall verpasste, kommt in die wimmelnde, quicklebendige Redaktion von "Charlie Hebdo" und beginnt zu arbeiten. Doch niemand versteht ihn, nach und nach gehen die Redakteure und lassen ihn zurück, bis er im Bett aufwacht. Er steht auf, öffnet sich ein Bier und denkt nach. Was die Novels recht gut vergleichbar macht: Denn ab hier arbeiten beide sehr chronologisch. Luz hangelt sich, immer wieder unterbrochen von der Schwärze der Nacht, episodenweise durch seine Vergangenheit in der Truppe von "Charlie Hebdo". Brenneisen schildert genauso fortlaufend ihre Trauer um den Sohn. Die Wirkung ist jedoch verblüffend unterschiedlich.

Luz verliert nie den Leser aus dem Blick

Luz' Plan ist ziemlich schnell offensichtlich: Er will die vielköpfige Redaktion zum Leben erwecken. Wir sollen die Zeichner unterscheiden lernen und das Gemeinschaftsgefühl empfinden, das sie als Team verband. Das ist knifflig, denn erstens arbeiteten bei "Charlie Hebdo" eine Menge Leute. Und zweitens sind die meisten Leser weder Journalisten noch Zeichner. Der gezeitenartig wiederkehrende Ausnahmezustand einer Zeitung vor Andruck ist Außenstehenden kaum vermittelbar.

Doch das Vorhaben gelingt. Luz zeigt die Kollegen beim Zeichnen, Saufen, Streiten ums rauchfreie Büro, ums ruckelfreie Radieren (einer radiert, bei allen wackelt der Tisch). Die Debatten um den besten Gag fürs Titelbild, besondere Eigenheiten, Fähigkeiten (heimlich blind in der Hosentasche zeichnen). Die derben, recht schwanzlastigen Sprüche, die stillen und auch die weniger glorreichen Momente: Bei einem Comic-Kongress schenken die Satiriker einem geistig Behinderten ein Porträt, das ihn mit einer Baseballmütze zeigt, Aufschrift "Ja zur Abtreibung!" Das ist an allen Schmerz- und Geschmacksgrenzen vorbei, aber es zeigt auch exakt die kurzentschlossene Brachialität, mit der "Charlie Hebdo" im politischen Metier zuschlug - Luz verliert nie den Leser aus dem Blick.

Luz: Beschreibt liebenswerten Saustall

Luz: Beschreibt liebenswerten Saustall

Foto: Alain Bujak/ Reprodukt

Ohne großen Knall

Bei Tina Brenneisen wiederum darf man bezweifeln, ob der Leser je im Blickfeld war oder ein vergleichbarer Plan existierte. Nach dem Abschied von ihrem Sohn kehrt sie nach Hause zurück. Dort erinnert alles an eine wundervolle Zukunft, die nie kommen wird. Leider sind all diese Facetten nicht nur offen und schonungslos, sondern auch ermüdend.

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Tina Brenneisen über Trauer: Menschlich mit das Bitterste

Denn sie sind alle gleich offen, gleich schonungslos, gleich ausgebreitet und teilweise noch mit so viel Verbal-Pathos aufgeladen, als fände Brenneisen, sie wären sonst nicht tragisch genug. In der Beziehung wird darüber geredet, bei der Therapie, mit Freunden, allein, lang und breit und länger und breiter. Schon klar: So ist Trauer, so muss sie auch sein. Man muss darüber reden, bis es die Freunde nicht mehr hören können, die Familie nicht mehr hören kann, bis man es selbst nicht mehr erzählen mag, was bleibt einem denn sonst, wenn das Leben so erbarmungslos ist?

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Luz

Wir waren Charlie

Verlag: Reprodukt
Seitenzahl: 320
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Aber was dem Autor guttut, hilft nicht automatisch auch dem Buch.

Es ist kein gewaltiger Spoiler, wenn man verrät, dass Brenneisens Geschichte mit einem hoffnungsvolleren Blick auf die Welt endet als sie beginnt, mit einem Blick, den man dank des Trauer-Trommelfeuers gut 50 bis 100 Seiten früher hätte einbauen können. Und Luz? Auch er hört ohne großen Knall auf. Das Attentat findet nicht statt, er bleibt zurück, er verrät nicht mal, wer denn nun am 7. Januar 2015 starb. Doch weil Luz' Leser inzwischen den liebenswerten Saustall so gründlich kennengelernt hat, wird ihm vor dem Googeln klar, dass er keinen von ihnen verlieren möchte. Natürlich erreicht Luz das auch, weil die ermordeten Zeichner, anders als Tina Brenneisens Sohn, ein Leben hatten, an das man erinnern kann.

Auch, aber eben nicht nur.