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21. November 2012, 17:19 Uhr

In (fast) eigener Sache

Sonneborn lässt sich "Titanic"-Jahre vergolden

Nur die Guten sterben jung - ein Todesalter von 15 Jahren deutet daher auf "ganz gut gewesen" hin. So wie bei der Rubrik "Partner Titanic", in der Martin Sonneborn und Benjamin Schiffner allerhand Kalauer in Kleinanzeigen pressten. Jetzt wollen die Ex-"Titanic"-Männer damit abkassieren.

"Nie gedruckte Nachrufe", "Unterschätzte Politiker" und Bastelvorlagen für verregnete Herbsttage waren wiederkehrende Bestandteile der Rubrik "Partner Titanic", in der Ex-Redakteur Benjamin Schiffner und Ex-Chefredakteur Martin Sonneborn, heute Leiter des SPIEGEL-ONLINE-Satire-Ressorts SPAM, ihren Humor in Form von Kleinanzeigen an die Leser brachten.

Seit diesem Jahr verzichtet das Frankfurter Satiremagazin nun auf den Nonsens. Was den Verlag Kiepenheuer und Witsch dazu bewogen hat, eine Retrospektive vorzulegen - "Das Gesammeltste aus 15 Jahren". Diese Werkschau beweist: Für verspielt smarten Klamauk fand die "Titanic" stets ein Plätzchen im Heft. Schon in den achtziger Jahren wurde dieser Zweck von der Heftbeilage "KoLiBri" erfüllt, aus der später das Humorblatt "Kowalski" entstand.

Dass bei "Partner Titanic" alles möglich war, verdeutlicht folgende Anekdote: Unter eine Annonce von "Rolf, dem blinden Rollstuhlstripper", setzte Sonneborn einmal die Geheimnummer Marcel Reich-Ranickis. Eine Enttäuschung für die Leser: An Stelle des behinderten Rolf ging ein geifernder Greis mit exotischer Artikulation an die Strippe. Zu allem Übel verstrickte er die Anrufer in einen ethischen Disput, ob es angebracht sei, einen blinden Rollstuhlfahrer strippen zu lassen.

Das freie Format erlaubte außerdem hübsch selbstbezügliche Witzeleien - wer wollte sich nicht vom Karikaturisten-Duo Greser und Lenz tätowieren lassen? Weitere Beispiele gefällig? Verfeindete Rockerbanden führen einen Inserate-Krieg: "Die Mütter von Bandidos kommentieren bei YouTube! - Karl-Heinz (Hells Angels Baden-Baden)", eine Hotline wirbt für "Gratisbumzen für Blöde" und Tortendiagramme beantworten die Frage nach der Existenz Gottes. Der beliebte Rattelschneck-Cartoon "Stulli, das Pausenbrot" fehlt leider.

"Quatsch und mehr" überzeugt dagegen als Multifunktions-Researchtool in der angewandten Humorforschung: Wer etwa das Hotelpersonal studieren will, schneidet sich ein Schild für den Zimmerservice aus - und hängt entweder "Bin in der Minibar" oder "Bin verreist, bitte Blumen gießen" an die Türklinke. Und wer sich keinen Christbaum leisten kann, aber auf Weihnachtsatmo nicht verzichten mag, findet zwei Seiten voller Tannennadeln, die er nach einigen Scherengriffen leise in der Stube niederrieseln lassen kann.

Eine kleine Kostprobe gefällig? Klicken Sie hier...

ajz

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