"Tod eines Kritikers" Polemik mit Paukenschlag

Martin Walser neuer Roman "Tod eines Kritikers" erregt die Gemüter, bevor er überhaupt erschienen ist. Bei aller Aufregung scheint es am Ende um eine als Roman getarnte Polemik zu gehen, in der Walser reichlich selbstmitleidig und larmoyant ein giftiges Porträt des Kritikers Marcel Reich-Ranicki entwirft.


André Ehrl-König heißt bei Martin Walser der Mann mit der Macht, der über das Schicksal und den Erfolg von Literatur in Deutschland entscheidet. Eine Figur, die kaum verschleiert Marcel Reich-Ranicki darstellen soll, und dabei - inklusive einer Parodie der Sprachweise - so markant überzeichnet ist, dass man kaum mehr von einer Skizze sprechen kann. Ehrl-König sei verschwunden, ermordet gar, heißt es. Verdächtig ist der Schriftsteller Hans Lach, der zuvor recht arg unter der Rezensenten-Willkür des Kritikers zu leiden hatte. Denn natürlich provoziert einer wie Ehrl-König auch Hass, dank seiner im Fernsehen und in der Presse schillernd inszenierten Verrisse von Schriftstellern und deren Veröffentlichungen.

In einer quasi-detektivischen Spurensuche schickt Martin Walser den Autoren Michael Landolf auf die Pirsch nach Ehrl-König, wobei sich schlussendlich Landolf als Alter Ego des Schriftstellers Lach herausstellt. Ein Textauszug: "Zu Gunsten von Ehrl-König muß man sagen: Sein Mund war geschaffen nur für Urteile, also durfte man nicht auch noch Begründungen verlangen. Man erlebte ihn andauernd hingerissen von sich selber. Er konnte gar alles, nur eins nicht: sich selber schaden. Das mußte ein anderer tun. Ich.

Andererseits: Es paßt nicht zu ihm, umgebracht worden zu sein. Wenn es doch passiert sein sollte, dann als fürchterlicher Zufall."

So folgt die unvermeidliche Pointe am Ende: Der Literaturkritiker ist gar nicht tot, sondern ging nur mit einer Geliebten kurzzeitig auf Tauchstation.

Kein Zweifel, es ist nicht die Liebe zu Kritikern im Allgemeinen und Marcel Reich-Ranicki im Besonderen, die Martin Walser zu seinem neuen Werk trieb. Die genüssliche Schärfe seiner Reden soll durchaus treffen und wohl auch so etwas wie Schadenfreude beim Leser provozieren. Doch die schenkelklopfende Begeisterung über das giftige Porträt will sich nicht so recht einstellen, weil manches doch nur eine literarische Aufbereitung bekannter Vorwürfe ist, allzu vorhersehbar und in der offenen Larmoyanz oft geprägt von ödem Selbstmitleid.

Am Zwang, Walsers Polemik mittels einer Romanhandlung abarbeiten zu müssen, trägt "Tod eines Kritikers" schwer. Der Roman wird zu einer Nummernrevue und Anekdotensammlung, in der ein Autor mit vielen Zungen redet und letztlich verbal das Phänomen des pompösen und arroganten Literaturkritikers hyperventiliert, aus dem letztlich ja auch er selbst erhebliche Vorteile zieht. Gleiches gilt für Martin Walser: Nach diesem Paukenschlag vor Erscheinen seines neuen Romans dürfte ihm noch mehr Aufmerksamkeit und Auflage als gewohnt sicher sein. Da können Kritiker - wenn sie denn wollen - noch so sehr wüten. Schon der wahrhaftige Marcel Reich-Ranicki räumte ein, dass seine Verrisse die Verkäufe der betroffenen Bücher eher steigerten.

Die Auseinandersetzung mit der jüdischen Identität des Kritikers zieht sich - auch abgesehen von den von Frank Schirrmacher in seinem offenen Brief zitierten Passagen - wie ein roter Faden durch das Manuskript und erfolgt in vielerlei Form, unter anderem, wenn es um die mediale Aufbereitung des Themas geht: "Wenn Ehrl-König ermordet worden wäre, weil er Jude gewesen sei, hätten die anderen Recht. Aber es sei ja noch nicht einmal sicher, ob Ehrl-König Jude gewesen sei. (...) Daß die Presse daraus immer wieder Tatsachen gemacht habe, sei nicht Ehrl-Königs Schuld, sondern zeige den Geisteszustand der deutschen Gesinnungspresse."

In einer ersten Stellungnahme zu der Ablehnung seines Manuskriptes durch die "FAZ" sagte Martin Walser, ein Roman dürfe "auch polemisch werden, wenn er endlich einmal das, was man als Autor jahrzehntelang einzustecken hat, auf literarische Art beantwortet... Ich kann es nicht begreifen, daß jetzt so getan wird, als sei eine Romanfigur identisch mit ihrem Vorbild in der Wirklichkeit... Aber am wenigsten begreife ich, daß Schirrmacher gegen jeden Brauch und Anstand über ein Buch schreibt und urteilt, das noch nicht erschienen ist." In dem Roman gehe es im übrigen "nicht um einen Juden, sondern um einen Kritiker", argumentierte der 75-jährige Schriftsteller.

Andreas Borcholte, Werner Theurich



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