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26. November 2014, 15:15 Uhr

Neuer Roman von Tom Rachman

Party, Schach und Cola ohne Ende

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In "Aufstieg und Fall großer Mächte" erzählt Tom Rachman von der turbulenten Identitätssuche einer jungen Frau: hin- und hergerissen zwischen Vater, Mutter, Freunden - und drei Kontinenten.

Vor vier Jahren landete der Ex-Journalist Tom Rachman, der für die Nachrichtenagentur Associated Press durch die Welt gezogen war, mit seinem Debüt "Die Unperfekten" einen Bestseller. Ein Roman übers Zeitungssterben, eine Aneinanderreihung von fies präzisen Porträts über neurotische Redakteure, am Ende standen die Büros leer.

Auch Rachmans neuer Roman "Aufstieg und Fall großer Mächte" riecht manchmal nach vergangenen Zeiten: staubige Bücherstapel und Buchhandlungen, ranzige WGs sowie ein Mädchen namens Tooly mit Vorliebe für Charles Dickens' Roman "Nicholas Nickleby", das im Schlepptau spinnerter Freunde als Vagabund durch die Welt reist und ohne Eltern oder Schule aufwächst. Eine wunderbar verschrobene Story, in der das Mädchen zur Frau wird und seine seltsame Identität zu ergründen sucht.

Die Geschichte setzt mit drei kurzen Kapiteln ein, die die behandelte Zeitspanne aufzeigen: Wir treffen die Heldin 2011, 1999 und 1988. Als junge Frau, Teenager, Kind. In der walisischen Pampa, in New York City, in Bangkok. Die dargestellten Lebenswelten sind so unterschiedlich, dass es schwer vorstellbar scheint, wie das alles nur kommen konnte: dass sie, die Weltenbummlerin, mit Anfang 30 in der Pampa strandete, als Besitzerin einer Buchhandlung namens "World's End", in einem Kaff, das zu klein ist für nennenswerte Kundschaft. Dass ihr Vater, der sich so liebevoll um sie kümmerte, noch in der Kindheit plötzlich aus ihrem Leben verschwand. Mit der Suche nach Antworten hat Rachman einen starken Köder zum Weitermachen konstruiert, für Tooly wie den Leser.

Dauernd ist Geld da, keiner weiß, woher

Denn in der Erzählgegenwart zieht Tooly noch mal los, ein Notfall, einer ihrer alten Freunde in New York ist krank. Und von da an dröselt sich alles auf: Wie sie in Bangkok eines Tages ihrem Vater ausbüxt, der sie vor ihrer durchgeknallten Mutter schützen wollte und als IT-ler von US-Botschaft zu US-Botschaft mit ihr durch die Welt tingelte. Wie sich die Kleine jener Truppe anschließt, in deren Bann sie gerät. Anders kann man es nicht ausdrücken: ein Leben ohne Regeln, ob in Bangkok, Rom oder New York. Die Truppe, das sind Venn, Typ cooler älterer Bruder, die etwas anstrengende Egomanin Sarah, die auf ihrer eigenen Umlaufbahn zu kreisen scheint, und Humphrey, der alte Mann mit dem russischen Akzent, bei dem Tooly später in New York wohnen wird. Dauernd ist Geld da, in Massen, und keiner weiß, woher.

Das Ganze ist ein wenig Goethes "Wahlverwandtschaften", ein bisschen Virginia Woolfs "Orlando", ein bisschen Pippi Langstrumpf - und in Sachen mysteriöse Geschichten über herumvagabundierende Vater-Tochter-Kombis fällt einem beim Lesen unwillkürlich "Die alltägliche Physik des Unglücks" von Marisha Pessl ein, jenes andere Bestseller-Debüt der letzten Jahre.

Die Geschichte hat einen Sog, das lässt sich nicht leugnen. Das liegt ebenso an den eigenwilligen Charakteren wie an den geheimnisvollen Lücken überall in der Story. Aber vor allem an den Kapiteln, die in Toolys Kindheit spielen. Rachman kann etwas, was vielen Autoren so oft daneben geht. Er schafft es, die fokussierte Scheuklappen-Perspektive eines Kindes zu evozieren. Besonders beeindruckend ist Toolys Zeit in jener Hütte in Bangkok, in der es nur Party, Schach und Cola ohne Ende zu geben scheint.

Menschen tun Grausames

Seite für Seite schaut man Tooly dabei zu, wie ihr langsam dämmert: Das Leben, das jahrelang wie ihr Leben aussah, war eigentlich ganz anders. Weil die Figuren, mit denen sie es teilte, alle eine völlig andere Funktion hatten als gedacht. Es ist beeindruckend, mit was für einer kalten Grausamkeit Rachman gegen Ende der Geschichte seiner Romanheldin einen rechten Haken nach dem anderen verpasst.

Mancher könnte beim Buchtitel "Vom Aufstieg und Fall großer Mächte" an einen fast 30 Jahre alten, den gleichen Titel tragenden Klassiker des Yale-Historikers Paul Kennedy gedacht haben - es bedarf einer gewissen Unverfrorenheit, einen zum geflügelten Wort gewordenen Sachbuchtitel für den eigenen, zweiten Roman zu kapern.

Die "Mächte" in Kennedys historischer Abhandlung über die Logik von Imperien entsprechen in Rachmans Version anderen Kräften - den Menschen selbst, die Toolys Leben in ein profitables System verwandelt haben, getrieben von Gier. Kennedys Hauptthese: Imperien gingen ein, weil sie sich militärisch übernommen hatten beim Versuch, ihren Reichtum zu schützen. Auch in Rachmans Universum geht's nur noch bergab, als die Geldquelle versiegt. "Weltmächte fallen nicht mehr zusammen, wie sie es früher getan haben", sagt Toolys Kumpan Venn am Ende zu ihr. "Die im Westen sind nur mies gelaunt."

Anders gesagt: Manche Menschen begehen Grausamkeiten nicht im Namen eines höheren Sinns, einer wie auch immer rationalen Logik folgend. Sie tun anderen nur aus zwei Gründen Übles an: aus Gier. Und weil sie es können.

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