Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison ist tot

Sie war die erste schwarze Autorin, die den Literaturnobelpreis bekam. Nun ist die US-Schriftstellerin Toni Morrison im Alter von 88 Jahren gestorben.

IAN LANGSDON/ DPA

Die Schwedische Akademie lobte ihre "visionäre Kraft" und verlieh ihr 1993 als erster schwarzer Schriftstellerin den Literaturnobelpreis. Nun ist Toni Morrison tot. Wie ihr Verleger Alfred A. Knopf mitteilte, sei sie am Montagabend im Alter von 88 Jahren im Montefiore Medical Center in New York gestorben. Die wortgewaltige Autorin kämpfte schon länger mit gesundheitlichen Problemen und saß im Rollstuhl.

Toni Morrison, am 18. Februar 1931 als Chloe Ardelia Wofford in Ohio geboren, zählte zu den bedeutendsten afroamerikanischen Schriftstellerinnen. In ihren Werken klagt sie den Rassismus in den USA an. Damit wurde sie zum "Gewissen Amerikas", ihre Werke verkauften sich millionenfach.

Ihre Mission sah Morrison bis zuletzt nicht als erfüllt an - und mahnte mit teils drastischen Worten. "Ich will sehen, wie ein schwarzer Polizist einen unbewaffneten weißen Teenager in den Rücken schießt. Und ich will sehen, wie ein weißer Mann verurteilt wird, der eine schwarze Frau vergewaltigt hat. Und wenn man mich dann fragt: 'Ist es vorbei?', dann sage ich: Ja."

Einer ihrer bekanntesten Romane ist "Menschenkind" ("Beloved" , 1987). Darin trifft eine Mutter die tragische Entscheidung, ihr Baby zu töten, um das Mädchen vor der Sklaverei zu retten. Dafür erhielt Morrison 1988 den Pulitzer-Preis für Belletristik, es folgten zahlreiche weitere Auszeichnungen.

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Zum Tod von Toni Morrison: Das Gewissen Amerikas

Den Beginn ihrer literarischen Karriere markierte 1970 "Sehr blaue Augen". Darin erzählt sie die Geschichte eines von der eigenen Mutter verachteten und vom Vater missbrauchten Mädchens, das sich nichts sehnlicher wünscht als blaue Augen. Es ist ein Roman über den verinnerlichten Rassismus afroamerikanischer Menschen. Es war das Buch, das sie immer habe lesen wollen, das es aber noch nicht gab, wie Morrison gern erzählte. Also stand die geschiedene alleinerziehende Mutter zweier kleiner Söhne jeden Morgen um vier Uhr auf und schrieb es. Danach ging sie zu ihrem Job als Lektorin in einem großen Verlagshaus.

Der literarische Durchbruch gelang Morrison in den USA mit ihrem zweiten Roman "Sula" (1973) über die Freundschaft zweier junger Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise ihren Weg im Leben suchen. In Deutschland erschien er erst 1980. Zu ihren weiteren Werken zählen "Solomons Lied" (1977), "Jazz" (1992) und "Paradies" (1998). Stets vereinte sie eine europäisch geprägte Erzählweise mit der afroamerikanischen Tradition der mündlichen Literatur. Zuletzt erschien 2017 ihr Roman "Gott, hilf dem Kind" auf Deutsch, ein Jahr später ihr Essayband "Die Herkunft der anderen: Über Rasse, Rassismus und Literatur". (Lesen Sie hierdie Kritik auf SPIEGEL ONLINE.)

Neben ihrer Arbeit als Autorin lehrte Morrison jahrelang an der Eliteuniversität Princeton kreatives Schreiben. 2010 starb einer ihrer beiden Söhne an Krebs, ein Schicksalsschlag, mit dem Morrison lange kämpfte.

brs/dpa



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