Fake-Biografie "The Story of John Nightly" Nach dem Popmärchen bleibt viel zu erzählen

Ein vermeintlich verarmter Mann stirbt einsam. Beim Ausräumen findet man eine Million. Woher kommt sie? Das ist der Ausgangspunkt für den Roman des Achtziger-Jahre-Pop-Moguls Tot Taylor. Extraklasse!

Die Beatles 1969 im Swinging London
ZUMA/ Keystone/ imago images

Die Beatles 1969 im Swinging London


Eine typische Tot-Taylor-Geschichte geht so: Vor einigen Jahren sei er mal mit Japanern in Rom in den legendären Cinecittà-Filmstudios gewesen, um am Soundtrack für eine Produktion des betagten asiatischen Superstars Toshiro Mifune zu arbeiten. Kaum angekommen, bat sie eine nette Italienerin zum Begrüßungs-Espresso in die Studio-Bar.

Und weil man eben in Rom war, habe sich noch spontan der Federico, genauer gesagt Federico Fellini, dazugesellt. Und der habe dann noch, den Frances, also Frances Ford Coppola, im Schlepptau gehabt. Schließlich sei noch Bobby dazugestoßen, genauer gesagt Robert De Niro. Bei ein paar Espressi habe man dann über defekte Kühlschränke und ähnliche Angelegenheiten geplaudert, erinnert sich Tot Taylor amüsiert in einer Hamburger Hotellobby, so beiläufig, als erlebe er täglich solche Abenteuer.

Taylor ist, was sie im Englischen einen "Raconteur" nennen, also einer, mit dem man nächtelang lauschend an einem einsamen Bartresen sitzen möchte, weil ihm die Anekdoten nie auszugehen scheinen. Kein Wunder also, dass "The Story of John Nightly", Tot Taylors Debütroman, mit 960 Seiten eher umfangreich ausgefallen ist. Es geht um Swinging London, um Astrologie, um Cornwall und Tulpen. Aber letztlich dreht sich alles um Musik und die Abgründe der Kreativität.

Tot Taylor: Ein echter Raconteur
Markus Naegele

Tot Taylor: Ein echter Raconteur

Zusammengehalten wird die kunstvoll verschlungene Erzählung von der fiktiven Biografie des Musikers John Nightly, der im beschwingten London der späten Sechzigerjahre groß rauskommt. Nightly schaut blendend aus, und die Melodien scheinen ihm so zuzufliegen wie die Frauen. Ein vermeintlich schillerndes Popmärchen, bis dann doch alles implodiert.

Den dunklen Jahren nach dem Ruhm räumt Taylor in seinem Buch den meisten Platz ein. Wie macht einer weiter, dem in jungen Jahren die Welt zu Füßen lag, nachdem das Publikum sich abgewendet hat? Wie ist es zu ertragen, wenn die Kreativität scheinbar unwiederbringlich verpufft ist? Und wie viel Hoffnung erträgt ein Comeback?

Plastiksäcke voller Geld brachten Taylor zur Buchidee

Der 1955 geborene Tot Taylor ist in Norfolk auf dem Land aufgewachsen. Irgendwann spielte Taylor in Bands und zog zwangsläufig nach London, wo er eine hippe Plattenfirma namens The Compact Organization betrieb, die in den Achtzigern unter Liebhabern glamourös verspielter Popmusik für Euphorie sorgte. Danach zog er nach Japan, um Soundtracks zu produzieren und ging zurück nach London, um die BBC mit Musik zu versorgen.

Preisabfragezeitpunkt:
16.09.2019, 11:13 Uhr
Ohne Gewähr

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Tot Taylor
The Story of John Nightly: Roman

Verlag:
Heyne Verlag
Seiten:
960
Preis:
EUR 28,00
Übersetzt von:
Ingo Herzke

Mittlerweile betreibt Taylor seit einigen Jahren in London die Riflemaker-Galerie, in der schon Werke von Yoko Ono und William S. Burroughs zu sehen waren. Aber weil ihm das vor 15 Jahren alles zu viel wurde, beschloss Taylor, eine Auszeit zu nehmen. So saß er eines Tages vor dem Fernseher und sah einen Beitrag über einen Mann, der einsam und offenbar mittellos in einem kleinen, bescheidenen Haus verstorben war. Beim Ausräumen seines Wohnzimmers wurde dann allerdings in einer Ecke ein Plastiksack mit zehn Millionen Pfund in bar entdeckt. Der Name des Toten war Nightly.

Taylor begann, darüber zu grübeln, was für ein Leben dieser Mann gehabt haben könnte. Dass er aufregendere Zeiten erlebt haben müsste. Ihm dämmerte, dass erstaunlich viele seiner Freunde eigentlich das sind, was Taylor als "Has-Beens" bezeichnet; also Menschen, die in jungen Jahren einen Lauf hatten und dann - warum auch immer - entgleist sind. Wobei es sich nicht nur um Musiker handelt, sondern auch um Architekten, Künstler oder Sportler, denen die Kreativität und letztlich der Sinn, sich morgens aus dem Bett zu quälen, abhanden gekommen ist.

Eine Fake-Biografie garniert mit dem echten Leben

Eine Form von Verzweiflung, die Taylor letztlich zu seinem Roman brachte, wobei er klarstellt, dass er das nie selber erlebt hat: "Weil ich eben nie so erfolgreich gewesen bin!" Jedenfalls kamen die ersten 60 Seiten rasant, zehn Jahre später waren es gut 1500 geworden, die er dann auf knapp tausend herunterdampfte. Natürlich hielten ihn die Ersten, denen er das Manuskript anbot, für durchgeknallt, aber Taylor sagt, dass er das ganze "eher verbrannt" hätte, als es noch weiter zu kürzen.

Das wäre auch zu schade gewesen. Taylors Fake-Biografie ist raffiniert konstruiert: Allein Taylors exzentrisches Vergnügen an aberwitzig detaillierten Einsprengseln wie authentischen Auszügen aus dem "National Geographic"-Magazin, Briefen Igor Strawinskis oder echten Bestellnummern alter Jazzplatten ist eine Freude.

Letztlich bieten die 960 Seiten aber vor allem eine verdammt gute Geschichte, man will beim Lesen bald gar nicht mehr glauben, dass John Nightly nie gelebt haben soll. Sofort möchte man seine Musik hören oder durch seinen Garten spazieren. Idealerweise sollte das Buch in tiefer Nacht in Cornwall an einem prasselnden Kaminfeuer gelesen werden. So als säße man mit Tot Taylor beisammen, der einem eine Geschichte nach der anderen erzählt.

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