Transgender in der Gesellschaft "Diese Fixierung auf Körper, Körper, Körper"

Alex Gino hat den ersten Kinderroman über das Thema Transgender geschrieben - ein Gespräch über vielfältige Bücher, Sprache und "Grand Theft Auto".

Mark Seliger/ Rizzoli

Ein Interview von


  • Blake C. Aarens
    Alex Gino ist in Staten Island, New York, geboren und aufgewachsen. Gino ist seit über zwanzig Jahren in der queeren und transgender Bewegung aktiv. "George" ist der Debütroman von Alex Gino.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie über George, der zehn Jahre alt ist und die Farbe Rosa liebt. Alle sehen George als Jungen, aber sie ist ein Mädchen und möchte die weibliche Hauptfigur im Schultheater spielen. Wie reagieren Kinder bei Lesungen auf Ihr Buch?

Gino: Sehr unterschiedlich. Vor allem die Fragen sind interessant.

SPIEGEL ONLINE: Was für Fragen bekommen Sie denn gestellt?

Gino: Zu allen Themen, die auch im Buch vorkommen - von "Grand Theft Auto V" bis zu Haustieren. Meine Erfahrung ist, dass Kinder Fragen stellen, weil sie etwas wissen wollen. Erwachsene fragen eher, weil sie ihre Ansicht bestätigt haben wollen.

SPIEGEL ONLINE: Sie bezeichnen sich selbst als genderqueer. Was genau bedeutet das?

Gino: Die meisten Menschen, die bei Geburt das Merkmal "männlich" zugewiesen bekommen, wachsen als Jungen auf und werden Männer. Die meisten Menschen, die bei Geburt das weibliche Geschlecht zugewiesen bekommen, wachsen als Mädchen auf und werden Frauen. Manche sind transgender, sie starten ihr Leben mit einem zugeordneten Geschlecht und finden dann den einen oder einen anderen Weg. Dann sind da noch genderqueere Menschen wie ich es bin, für die weder der eine noch der andere Weg, keine Box die richtige ist. Das ist alles nichts Neues in der Menschheit, es ist aber eine neue Art in der westlichen Gesellschaft, darüber zu sprechen.

Glossar
Cisgender: Cisgender identifizieren sich mit dem Geschlecht, das ihnen bei Geburt zugewiesen wurde.
Genderqueer: Genderqueere Menschen verorten sich außerhalb der Zwei-Geschlechter-Ordnung und den daraus abgeleiteten Begriffen sexueller Orientierung (heterosexuell, homosexuell etc.).
Queer: Queeres Denken und Tun und queere Menschen fordern die Vorstellung heraus, es gebe (nur) zwei Geschlechter, die einander entgegengesetzt charakterisiert und romantisch bzw. sexuell ausschließlich (und monogam) aufeinander bezogen seien. Eine weiter gehende Begriffsauffassung stellt grundsätzlich Normierungen und starre (Identitäts-)Kategorien in Frage und bezieht Machtverhältnisse jenseits von Sexualität und Geschlecht (z.B. Behinderung, Rassismus, Klassismus) in ihre Analysen ein. Ohne diesen herrschaftskritischen Gehalt wird das Wort gelegentlich zum Synonym für schwul/ lesbisch.
Trans*: Trans* (auch: trans* Mensch, trans* Person) Relativ neuer, im Deutschen zunehmend verbreiteter Sammelbegriff, der nach dem Vorbild von Suchmaschinen und Programmiersprachen das Sternchen als Platzhalter für verschiedene mögliche Endungen nutzt (transgender, transident, transsexuell). Diese Offenheit soll auf die Vielfalt transgeschlechtlicher und anderer nicht der Norm entsprechender Geschlechtsidentitäten, Selbstbezeichnungen und Lebensentwürfe hinweisen, d.h. etwa auch Crossdresser, weder*noch* u.a. einschließen.
Transvestit: Meist Männer oder männlich eingeordnete Menschen, die gelegentlich gerne ‚weibliche’ Kleidung tragen und darin einen Teil ihrer Persönlichkeit ausleben, ohne einen dauerhaften Wechsel der Geschlechtsrolle anzustreben. Viele ziehen als Selbstbezeichnung inzwischen den Begriff Crossdresser vor.

Das Glossar wurde in Teilen aus der Broschüre "Trans* in den Medien" des Vereins TransInterQueer entnommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es für Kinder einfacher zu verstehen, was Genderqueerness ist?

Gino: Es ist vor allem für Erwachsene schwieriger. Kinder versuchen, die Welt zu entdecken. Und wenn wir schon früh Verständnis wecken, scheint Genderqueerness kein Problem zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wird Ihr Buch denn in Schulen besprochen?

Gino: Es liegt in vielen Schulbibliotheken aus, und einige Klassen lesen es. Manche Lehrerinnen und Lehrer sind hingegen angehalten, es nicht in ihren Klassen zu besprechen. Viele Menschen, die das Buch lesen, sind nicht trans. Es ist auch kein Buch für Transmenschen, sondern ein Buch mit einer Trans*Protagonistin.

SPIEGEL ONLINE: Gleichzeitig bekommen auch Transkinder durch Ihr Buch die Möglichkeit, sich wiederzufinden.

Gino: Die emeritierte Professorin Rudine Sims Bishop hat an der Ohio University viel Kurse zu Kinderbüchern unterrichtet. Sie spricht Büchern über Diversität verschiedene Funktionen zu. Einerseits sind sie ein Spiegel, in dem ich mich selbst sehe. Und andererseits können Bücher auch ein Fenster zur Erfahrung einer anderen Person sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben zwölf Jahre gebraucht, um Ihr Buch fertig zu schreiben.

Gino: Ich schreibe sehr langsam.

SPIEGEL ONLINE: Lag es nur daran?

Gino: Es lang an einigen Dingen. Erstens hatte ich noch nie ein Buch geschrieben. Ich musste also vieles erst einmal falsch schreiben, um es richtig zu machen. Die meiste Zeit dachte ich, es würde sowieso nirgendwo hinführen. Außerdem musste ich durch meine Zwanziger hindurch, durch eine Depression, das Leben und all so etwas. Und ab dem Moment, wo ich das Gefühl hatte, das Buch geht in die richtige Richtung, fing die Gesellschaft an, sich zu wandeln. In der ersten Version war das Wort transgender noch nicht in dem Buch, weil ich dachte: Welcher Viertklässler kennt es schon? Und es sollte eben nicht wie eine Lektion wirken. Aber jetzt hat sich das verändert.

SPIEGEL ONLINE: Weil das Internet immer präsenter ist und Kinder mittlerweile andere Zugänge zu Identitätsentwürfen haben?

Gino: Ja, die Existenz des Internets hat definitiv den Ton des Buches geändert.

SPIEGEL ONLINE: Woran lässt sich der Umbruch der Gesellschaft noch festmachen?

Gino: Zum Beispiel an der Serie "Orange Is The New Black": Die Schauspielerin Laverne Cox ist eine Transfrau, die eine Transfrau in der Serie darstellt. Zeitgleich zur Serie kam auch das Buch der Transaktivistin und Moderatorin Janet Mock heraus, das sich mit Trans*Theorie befasst. Die Dinge haben sich schnell verändert. Aber, wenn wir Transmenschen darauf warten, ein Recht auf unsere Existenz zu haben, ist ein Jahr, ja, selbst ein Tag schon zu viel.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat die Sichtbarkeit von Trans*-Schauspielerinnen und Aktivistinnen wie Laverne Cox oder Janet Mock denn die Diskussion verändert?

Gino: Es ist wichtig, Menschen zu haben, die uns repräsentieren. Das verändert immer etwas. Transmenschen im Rampenlicht zu sehen, ist entscheidend. Wir sehen gerade die Spitze des Eisbergs, und ja, das ist ein Zeichen dafür, dass Dinge sich bewegen. Aber die Filmindustrie und das Verlagswesen sind nach wie vor sehr cisgender, sehr hetero und sehr weiß.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie nur Fortschritt? Oder auch Rückschläge?

Gino: Transmenschen versuchen gerade, nach oben zu kommen. Aber sobald wir das versuchen und die Mächtigen eine leichte Erschütterung der Gesellschaftsstrukturen spüren, fangen Dinge an, übel zu werden. Dann beginnt Gewalt, die von Verachtung bis zu physischer Aggression reichen kann.

SPIEGEL ONLINE: Es geht also um Macht.

Gino: Und darum, dass Menschen das Gefühl haben, Normalität und damit Bekanntes würde ihnen weggenommen.

SPIEGEL ONLINE: Der Drang zur Normalität zeigt sich historisch auch bei Schwulen und Lesben und dem Umgang mit Stonewall, also dem Beginn der queeren Bürgerrechtsbewegung.

Gino: Zu den Protesten von Stonewall gehörten von Anfang an auch nichtweiße Transfrauen wie Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson. Das Problem aber: Die vor allem schwul-lesbisch geprägte Community - nicht individuell, aber als Gruppe - war bereit, sie eine Stufe runterzuschubsen, um Macht zu bekommen. Denn sie identifizierten sich nicht als queer, sondern primär als schwul und lesbisch. Diese Leute stehen dabei auch häufig für eine Art der Normalisierung: Sie wollen ein Haus, statistisch zweieinhalb Kinder, Subaru und Haustiere. Das ist alles toll. Aber es gibt eben einige Menschen, die queerer sind als dieser Lifestyle.

SPIEGEL ONLINE: Rivera und Johnson waren wichtige Figuren in der queeren Bürgerrechtsbewegung, und niemand hat sich so richtig dafür interessiert?

Gino: Das ist schon Millionen Male passiert. Menschen ohne Macht tun etwas Großartiges, und es wird ihnen weggenommen von Menschen mit Macht.

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Alex Gino:
George

Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst.

Fischer; 208 Seiten; 14,99 Euro

SPIEGEL ONLINE: Was sind Fehler, die im Umgang mit Transmenschen besonders häufig passieren?

Gino: Es gibt einige Phrasen über Transmenschen: "Gefangen in einem Körper". "Feststecken in einem Körper". Überhaupt diese Fixierung auf Körper, Körper, Körper. Auch die Benennung des Geschlechts basierend auf der Zuordnung bei Geburt. Hier versucht Sprache sehr klar zu sein, aber eben aus einer Cisgender-Perspektive, die Transmenschen unsichtbar macht. Und das gerade in dem Moment, wo wir ja eigentlich über sie sprechen wollen. Dann gibt es auch noch "fühlt sich als Mann oder Frau". Nein! Ist eine Frau. Ist ein Mann. Eins der schlimmsten Dinge ist folgender Satz: "Das ist Bob, der früher Jane war". Jetzt habe ich den Namen Jane in meinem Kopf und ich weiß nicht mehr, welcher der richtige Name ist.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Ahnung, warum das so oft passiert?

Gino: Menschen denken, dass es ihr Recht ist, über die Körperteile anderer Menschen Bescheid zu wissen. Als ob an einem Körperteil etwas wahrer wäre, als das, was die Person selbst sagt. Und dann gibt es noch die ganze Sache mit genderqueeren Leuten wie mir. Wir bekommen ständig das falsche Pronomen verpasst.

SPIEGEL ONLINE: Regen Sie diese Fehler auf?

Gino: Ja. Es gibt diese Angst, falsch zu liegen. Und dass eventuell jemand die Biologie, das Geschlecht der Person falsch verstehen würde. Mich interessiert nicht, dass jemand die Anatomie meines Körpers kennt.



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