Trauer in Frankreich Philosoph Ricoeur stirbt mit 92

Ausgerechnet im Zweiten Weltkrieg entdeckte er seine Liebe zur deutschen Philosophie: Paul Ricoeur war einer der wichtigsten Denker Frankreichs, schrieb 30 einflussreiche Werke – und mischte sich gerne in politische Fragen ein. Nun ist er im hohen Alter bei Paris gestorben.


Ricoeur im Jahr 1999: "Großer Philosoph der Tat"
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Ricoeur im Jahr 1999: "Großer Philosoph der Tat"

Paris - Ricoeur starb am Freitag im Alter von 92 Jahren in Chatenay Malabry bei Paris im Schlaf. Das teilte sein Freund, der Philosoph Olivier Abel, heute in Paris mit. Ricoeur hatte im Zweiten Weltkrieg als Kriegsgefangener in Pommern seine Liebe zur deutschen Philosophie entwickelt und sein ganzes Leben lang gegen den Totalitarismus gekämpft. So hatte er sich sowohl deutlich gegen den Algerienkrieg wie den Bosnienkrieg 1992 geäußert.

Ricoeur sei "ein sehr großer Philosoph der Tat, aber auch ein großer Philosoph der Literatur" gewesen, sagte Abel. Frankreichs Ministerpräsident Jean-Pierre Raffarin würdigte Ricoeur als einen großen Humanisten. "Wir verlieren heute mehr als einen Philosophen", sagte er in einer Erklärung. "Die gesamte humanistische Tradition Europas trauert um einen ihrer begabtesten Sprecher."

"Die Realität, das ist der leidende Mensch"

Außerhalb Frankreichs wurde das Wirken des von Edmund Husserl geprägten Denkers vor allem in den USA und Deutschland gewürdigt. Der hugenottische Protestant Ricoer schlug die Brücke von der Linguistik zur Theologie, Literatur, Geschichte und Psychoanalyse. Er zählt zu den wenigen bedeutenden Denkern außerhalb Deutschlands, die hermeneutische Positionen zur Begründung der Humanwissenschaften entwickelt haben.

Sein Forschungsschwerpunkt war zunächst die Phänomenologie, die ihn zu Studien über Geschichtsschreibung führte. Erst das Geschichte aufzeichnende Individuum lässt nach seiner Theorie geschichtliche Logik entstehen. "Die Realität, nach der die Philosophie letztendlich fragt, das ist wohl der handelnde Mensch. Und ich füge immer hinzu: der leidende Mensch", sagte er 1987 in einem Interview in der Zeitung "Le Monde".

Von den 68ern nach Chicago verdrängt

1913 in Valence geboren, wurde Ricoeur zunächst Lehrer. Vor dem Krieg stand er den christlichen Sozialisten nahe. In Kriegsgefangenschaft übersetze er Bücher und entdeckte den deutschen Philosophen Karl Jaspers. Die Beschäftigung mit der deutschen Philosophie ließ ihn nicht mehr los, wobei er - anders als viele französische Intellektuelle - Distanz zu Martin Heidegger hielt, obwohl der ihn tief beeindruckte.

Nach dem Krieg lehrte Ricoeur an verschiedenen Universitäten, darunter Straßburg und die Pariser Sorbonne, Löwen (Belgien) und Yale. An der neuen Universität Nanterre bei Paris wurde er während der Studentenrevolten Ende der sechziger Jahre heftig von linken Studenten attackiert, bis er 1970 aufgab und als Doyen zurücktrat. Er folgte dann einem Ruf an die University of Chicago.

Ricoeur wurde unter anderem mit dem Hegel-Preis und dem Karl- Jaspers-Preis ausgezeichnet. Im Juli 2003 erhielt er aus den Händen von Papst Johannes Paul II. bei einer Audienz im Vatikan den Internationalen Preis Paul VI. für seinen "großzügigen Beitrag zum ökumenischen Dialog".

In etwa 30 bedeutenden Werken beschäftigte sich Ricoeur mit der philosophischen Forschung und dem Wirken des Philosophen, der Realitätswahrnehmung, Textwirkung und Geschichte. Zu seinen Hauptwerken zählen "Geschichte und Wahrheit" (1955) und "Gedächtnis, Geschichte, Vergessen" (2000), die Trilogie "Philosophie des Willens" (1950-61), "Hermeneutik und Strukturalismus. Der Konflikt der Interpretationen" (1969) und "Die Semantik der Aktion" (1978).



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