Berliner Beziehungsdramen Die Liebe in Zeiten von Netflix

Der faulige Atem vergangener Leidenschaft: Helmut Krausser entlarvt im Roman "Trennungen. Verbrennungen" den Selbstbetrug im Berliner Bildungsbürgertum.

Szene aus der Serie "The Walking Dead"
AMC

Szene aus der Serie "The Walking Dead"

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Eine gute Beziehung entscheidet sich heutzutage nicht im Bett, sondern vor dem Fernseher. Sagt einer der Protagonisten in diesem Buch, und er bringt die Misere der Liebe in Zeiten von Netflix auf den Punkt: Wer hat denn etwa nach vier, fünf Folgen der Zombie-Serie "The Walking Dead" noch Interesse an einer inspirierenden Liebesnacht?

Anhand des Beispiels der lebenden Toten bei Netflix und des Pärchens, das sich bei Ingwertee mit Honig vor diesen lebenden Toten auf der Couch zusammenfindet, zeigt Helmut Krausser eindrücklich, wie der faulige Atem vergangener Leidenschaft sich in der Lebenswelt seines in Berlin und Potsdam angesiedelten Romanpersonals ausgebreitet hat.

Helmut Krausser
Hagen Schnauss/ Berlin Verlag

Helmut Krausser

Ein Dutzend überwiegend kultivierte Leute tut in Kraussers "Trennungen. Verbrennungen" eine Reihe überwiegend unkultivierter Dinge, um sich um den Kern seiner kaputten Beziehungen herumzulavieren. "Walking Dead" am Wannsee.

Wackeliges Friedensabkommen mit dem Leben

Krausser ist ein Meister des Ensembleromans. Für sein Buch "Einsamkeit und Sex und Mitleid" verknüpfte er 2009 die Wege von 36 Menschen, doch auch mit zwei Dritteln weniger Figuren schafft er nun ein Beziehungskarussell, das sich in enormem Tempo dreht und dabei die wackligen Kompromisse der Figuren freilegt.

Da ist der Professor für Alte Geschichte, ein konservativer Geist mit einem pragmatischen Schüsschen Liberalität, der seiner Frau eine abgesprochene Affäre mit einem Hotelmanager gönnt, weil er in Liebesdingen nicht mehr Schritt halten kann oder mag. Da ist die Tochter des Professors, eine vom Leben vollkommen unbeleckte feministische Aktivistin, die sich in eine Kommilitonin verliebt, die ihr Studium als Escort verdient und eine unerfreuliche Begegnung mit dem Lieblingsstudenten des Professors hat. Der Student ist der Typ, der sich und seine Frau mit Netflix über die Beziehungsflaute zu retten versucht.

Preisabfragezeitpunkt:
26.04.2019, 04:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Helmut Krausser
Trennungen. Verbrennungen: Roman

Verlag:
Berlin Verlag
Seiten:
256
Preis:
EUR 22,00

Krausser tut nicht so, als ob er die pseudoverständigen Altakademiker oder früh vergreisten Studenten besonders mögen würde. Empathie oder Sympathie sind für ihn keine Kategorien. Der Schriftsteller hat einen hohen Figurenverbrauch - und einen hohen Seitenverbrauch dazu.

Zeitgleich mit "Trennungen. Verbrennungen" kommt ein zweites Buch von ihm auf den Markt. Es trägt den Titel "Zur Wildnis" und beinhaltet Kolumnen, die Krausser über die Getränke und Gestalten in einer Eckkneipe gleichen Namens geschrieben hat. "45 Kurze aus Berlin" lautet der Untertitel der Textsammlung, wo die vielen Charaktere so schnell abgeräumt werden wie die leeren Gläser, die sie auf dem Tresen zurücklassen.

Für Kraussers Roman "Trennungen. Verbrennungen" könnte man sich auch den Untertitel "121 Kurze aus Berlin" vorstellen, denn der Autor hat das Werk nicht in klassische Kapitel unterteilt, sondern eher in szenische Miniaturen, jeweils eine halbe bis fünf Seiten lang. Genießt man einen guten Roman normalerweise am besten mit zwei, drei Flaschen Rotwein, könnte man hier jede Szene mit einem Schnaps begießen.

Preisabfragezeitpunkt:
26.04.2019, 04:30 Uhr
Ohne Gewähr

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Helmut Krausser
Zur Wildnis: 45 Kurze aus Berlin (Wagenbachs andere Taschenbücher)

Verlag:
Wagenbach Klaus GmbH
Seiten:
160
Preis:
EUR 11,90

Krausser schreibt auf Pointe. Die er dann allerdings gut verknüpft. Denn so nonchalant, manchmal gar kaltschnäuzig er seine Szenen über abgekühlte Ehen und halb gare Beziehungen ausbreitet, so verbindlich zeigt er die Ein- und Rückwirkungen zwischen diesen. Denn der faule Lebenskompromiss der einen sprengt hier oft den der anderen. Es ist die Interaktion zwischen den Figuren, die zur Eskalation der Ehen, Affären und eingebildeten Liebschaften führt.

Was auch damit zu tun hat, dass der Mensch dem anderen oft nicht gönnt, was er sich selbst gönnt: ein bisschen Frieden mit dem eigenen, inkonsistenten Lebensentwurf. Es liegt ja gerade in der Natur des gebildeten Menschen, wie ihn Krausser in seinem neuen Roman ins Visier nimmt, dass er sein eigenes schräges Beziehungsarrangement brillant verargumentiert bekommt, während er das der anderen für völlig krank hält.

Man kann sich "Trennungen. Verbrennungen" samt des serientauglichen Figurenensembles gut mal als Ersatz für einen Netflix-Abend gönnen. Dass es nach der Lektüre dieses Panoramas des Selbstbetrugs zu einer inspirierenden Liebesnacht kommt, können wir nicht garantieren.



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