Gefeierter US-Autor über die Wall Street Geld oder Leben

Hernan Diaz ist ein literarischer Perfektionist. In seinem zweiten Roman »Treue« versucht er sich am Mythos der Wall Street. Eigentlich geht es aber um etwas ganz anderes.
Männer, die auf Zahlen starren: Wall-Street-Banker am Tag des Crashs 1929

Männer, die auf Zahlen starren: Wall-Street-Banker am Tag des Crashs 1929

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Between The Wars / United Archives International / IMAGO

Dieses Buch ist spannend wie ein Krimi, obwohl niemand umgebracht wird. Es gibt auch keine Kommissare, die irgendwen verhören, es ist kein Verbrechen passiert. Und trotzdem liest man mit jeder Seite etwas schneller, weil man wissen will, wie das alles ausgeht, wie die vielen Fäden, die hier gesponnen werden, zu einem fertigen Text gewoben werden. Nicht who done it ist die Frage, die diesen Roman vor sich hertreibt, sondern: Who is it? Wer ist Mildred?

Eine psychisch labile Frau, die von ihrem herrschsüchtigen Ehemann zugrunde gerichtet wird? Eine liebevolle, feingeistige Gattin, die leider den tragischen Krebstod stirbt? Oder eine vom mächtigen Patriarchat unsichtbar gemachte stille Heldin, die ihr Leben lang nur Potenzial bleiben sollte? Unstrittig ist, dass Mildred die Ehefrau eines Finanzmoguls war. Des größten, reichsten, mächtigsten Mannes der New Yorker Wall Street am Beginn des 20. Jahrhunderts. Alles Weitere ist Verhandlungsmasse.

Autor Hernan Diaz

Autor Hernan Diaz

Foto: Leonardo Cendamo / Getty Images

Hernan Diaz gilt in den USA als literarischer Perfektionist, seit er vor ein paar Jahren mit seinem ersten Roman »In der Ferne« gleich für den Pulitzerpreis nominiert wurde. Die Filmrechte an seinem neuen Roman hat sich schon der Prestige-Sender HBO gesichert, Kate Winslet wird die Hauptrolle übernehmen. Dabei wendet sich Diaz in »Treue« einem auf den ersten Blick eher spröden Gegenstand zu: Geld. Geld, heißt es einmal im Roman, sei nicht einfach eine Sache wie jede andere, sondern »potenziell alle Sachen«. Geld ist irgendwie magisch. In seiner Häufung, als Kapital, ist es fluide und nicht fassbar. Es manifestiert sich zwar in repräsentativen Gebäuden, entfaltet seine wahre Macht aber unsichtbar. An den Finanzmärkten. Es wechselt den Besitzer in Sekundenschnelle, stürzt hier in den Ruin und führt dort in den Olymp. Es ist nicht der Geldschein, der Diaz interessiert, sondern es sind die Ströme des Finanzkapitalismus.

Mildred und der moderne Kapitalmarkt

Die Wall Street, ein junger Mann entdeckt sein Talent für Zahlen und investiert. Und investiert. Und investiert. So gut, so schnell, dass er dem mechanischen System des Börsentickers voraus ist, er ist schneller als die Maschine, schneller als der Markt. Er ist der Markt. Bis am berühmten 24. Oktober 1929 die Börse in sich zusammenbricht. Aber der Investor investiert weiter und macht in der Krise noch mehr Geld. Ist das ruchlos, verantwortungslos, gar kriminell – oder ist es vielleicht einfach genau das, was das System will? Ist es nicht sogar notwendig, um den Kapitalkreislauf am Laufen zu halten?

Aber Hernan Diaz ist glücklicherweise zu schlau, zu anspruchsvoll, um aus dieser Geschichte eine einfache moralische Abrechnung zu machen. Ja, es geht um Geld in diesem Buch. Aber nur vordergründig. Eigentlich geht es um Mildred. Und um Mildreds Geschichte zu erzählen und mit ihr die Geschichte des modernen Kapitalmarktes, bedient sich Diaz einer besonderen Form.

Der Roman ist aufgesplittert in vier Teile. Der erste ist selbst ein Roman, er handelt von ebenjenem Finanzmogul. Der zweite Teil ist das Manuskript der Autobiografie dieses Mannes, der sich in seinem eigenen Buch, von dem über ihn geschrieben Roman distanzieren möchte und sein öffentliches Bild gerade rücken will. Der dritte Teil ist wiederum die Geschichte der Ghostwriterin dieser Autobiografie, die für den Mann gearbeitet hat und immer schon den Verdacht hatte, dass die Geschichte, wie er sie erzählt hat, nicht ganz stimmen kann. Diaz erzählt im Prinzip immer dieselbe Geschichte, nur eben aus unterschiedlichen Perspektiven: aus der Sicht des fiktiven Romanautors, aus der Sicht des Mannes selbst und aus der Sicht der Ghostwriterin.

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Hernan Diaz

Treue

Übersetzung: Hannes Meyer
Verlag: Hanser
Seitenzahl: 416
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Dabei geht es auf den ersten Blick um die Geschäfte und Investitionen, eben um: Geld. Tatsächlich aber wird viermal das Schicksal der Ehefrau zum eigentlichen Kern der Erzählung. Denn der Banker war nicht zufrieden damit, wie der Romanautor sie dargestellt hatte, und heuert eben darum selbst die Ghostwriterin an, um ganz anders, wahrhaftiger über Mildred zu schreiben. Doch was heißt schon wahrhaftig? Immer weitere Facetten ihres Charakters streut Diaz vermittelt über die verschiedenen Erzählinstanzen aus.

»Treue« ist kalt wie Eiswasser. Fast verbrennt man sich daran.

In der deutschen Rezeption wurde schon kritisiert,  dass Diaz allzu strebermäßig ist, er zu glatt erzählt, zu meisterhaft die verschiedenen Formen und Sprachen jongliert. Das mag teilweise zutreffen. Man liest ihm den Willen ab, hier ein Meisterwerk vollbringen zu wollen. Andererseits: Was soll bitte falsch daran sein?

Vor allem aber verkennt diese Kritik, dass Diaz seine Sprache der Form anpasst, die er gewählt hat. In einer Lateshow eingeladen,  sagte Diaz, dass die Art und Weise, wie über Geld gesprochen wird, absichtlich kompliziert sei, gar esoterisch aufgeladen. Das sei vor allem ein Machtspiel. Es solle der Eindruck erweckt werden, dass nur absolute Spezialisten über Geld reden und daher auch über Geld nachdenken können. Und alle anderen eben nicht. Diaz’ eigene Sprache in seinem Roman ist so klar, so kühl, so fern von jeder Art von Esoterik, dass man den Eindruck bekommt, hier wird mit einem Röntgenblick auf etwas geschaut, was uns absichtlich verborgen bleiben sollte.

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Die Auflösung erfolgt im vierten Teil von »Treue«, nur dass, anders als im Krimi, nicht der Tod einer Figur aufgeklärt wird, sondern ihr Leben. Es ist, und das kann man nur einen Geniestreich nennen, bei aller Kühle und Distanz in der Sprache eine herzzerreißende Passage. Im Original heißt das Buch »Trust«, was sowohl den Zusammenschluss von Firmen als auch schlicht Vertrauen bedeutet. So wie das Bankenwesen nur so lange funktioniert, wie wir ihm vertrauen, so lange wie Geld nur Wert besitzt, weil wir darauf vertrauen, dass es diesen Wert behalten wird, so basieren auch zwischenmenschliche Beziehungen auf Vertrauen. Ist es einmal weg, wird es unendlich schwer, es wieder zurückzuerlangen.

Es gibt diesen Punkt, da ist etwas so kalt, dass es sich heiß anfühlt. Wenn man in Eiswasser springt, hat man kurz den Gedanken, zu verbrennen. »Treue« ist so kalt. Wie Diaz Kapital und Leben verknüpft und Eis zu Glut macht, ist einzigartig.

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