Heidenreichs Spitzentitel »Ein Roman über den Dreh eines beknackten Films«

Es ist das Jahr 1968, in der friedlichen Küstenstadt Brighton wird ein Film gedreht, am Set läuft alles schief. William Boyd schafft es in seinem Roman »Trio«, die Rezensentin unterhaltsam am Desaster teilhaben zu lassen.
DER SPIEGEL

Elke Heidenreich

Mein Spitzentitel diese Woche ist William Boyd »Trio«, im Kampa-Verlag erschienen. Der Kampa-Verlag legt gerade die ganzen schönen alten Boyd-Romane wieder neu auf, aber dieser ist wirklich ganz neu, gerade erschienen und er spielt in Brighton, und zwar 1968. Das war das Jahr, in dem der Vietnamkrieg noch tobte. In Paris gingen die Studenten auf die Barrikaden, in Amerika wurden Martin Luther King und Robert Kennedy ermordet.

Nur in Brighton ist alles friedlich. Ich war mal in Brighton, und zwar in dem Jahr, als George W. Bush, der Jüngere, auch der Dümmere genannt, diesen blöden Begriff von der Achse des Bösen geprägt hatte. Und ich habe in Brighton sofort gedacht: Das ist die Achse des Blöden. Da ist ein riesen Rummelplatz mit Buden und Riesenrad und allem, direkt am Strand. Grauenvoll. Und genau da spielt dieses Buch. Und genau da wird ein Film gedreht. Der Film hat den unsäglichen Titel »Emily Bracegirdles außerordentlich hilfreiche Leiter zum Mond.« Versteht kein Mensch, was das sein soll. Und es geht in diesem Buch um diesen Filmdreh. Am Set geht eigentlich alles schief, was schiefgehen kann. Es verschwindet Filmmaterial. Die Produzenten betrügen einander. Die Hauptdarstellerin heißt Annie, wird erpresst von ihrem Ex-Mann, hinter dem das FBI her ist. Und sie fängt eine Affäre an mit ihrem jungen Mitspieler, sehr jung, halb so jung wie sie. Und dabei hat sie ein Freund in Paris. Dieser Freund reist irgendwann an und dann knallt es natürlich mächtig.

Der Regisseur, ein windiges Bürschchen namens Reggie, möchte plötzlich Rodrigo genannt und ernst genommen werden, fängt auch eine Affäre an mit der kleinen, dicken Drehbuchautorin. Im Hotel versauert ihm seine abgelegte Frau. Die heißt Elfrieda, die war mal eine berühmte Bestsellerautorin und säuft sich jetzt so langsam zu Tode, weil es mit dem Schreiben nicht mehr klappt. Sie schafft immer die ersten drei Sätze eines neuen Romans und dann geht es irgendwie nicht weiter. Die heimliche Hauptfigur des Ganzen ist Talbot, ein Produzent, ein sehr gütiger, sehr netter Mensch, der von seinem Kompagnon so ein bisschen betrogen und ausgenommen wird. Der versucht, jeden Tag die Wogen zu glätten und hat selbst ein sehr schmerzliches Geheimnis: Er ist homosexuell. Das war 1968 noch ein Riesenthema. Er traut sich, mit niemandem darüber zu reden, zumal er Frauen und Kinder hat. Er traut es sich schon gar nicht auszuleben. Und er ist einfach damit beschäftigt, jeden Tag dieses Chaos an diesem Set irgendwie wieder in Ordnung zu kriegen.

William Boyd ist ein alter Romanfuchs. Und er schafft es, dass diese eigentlich etwas windige Story unglaublich spannend ist. Weil uns diese Menschen wirklich nahekommen, weil sie uns interessieren, weil wir sie gernhaben, weil wir Ihnen..., weil wir fast mit ihnen befreundet sind und ihnen folgen dabei, was sie bei diesem Filmdreh alles erleben. Das unterhält auf 400 Seiten so, als würden wir diesen beknackten Film selbst wirklich sehen. Und darum ist das mein Spitzentitel der Woche – William Boyd »Trio.«