New York im Wandel Ein Happy End ist nicht vorgesehen

Krimiautorin Sarah Schulman schert sich wenig um Täterrätselei. Lieber porträtiert sie in "Trüb" eine gefallene Ex-Polizistin - und klagt wütend (manchmal auch komisch) über die Auswüchse der Gentrifizierung.

Trump Tower: Symbol seines Einflusses auf New York
Jürgen Schwen/ picture alliance

Trump Tower: Symbol seines Einflusses auf New York


Lungert in einem Kriminalroman jemand in der Dunkelheit vor einem Haus herum und starrt hinein, dann ist für gewöhnlich klar, dass schon bald das Allerschlimmste passieren wird.

Nun ist aber an Sarah Schulmans neuem Roman "Trüb" sehr wenig gewöhnlich, und bei dem Menschen vor der Glasscheibe handelt es sich nicht um einen psychopathischen Killer, sondern um eine ehemalige Polizistin. Maggie Terry heißt sie und weiß gar nicht so recht, wie sie mitten in dieser Julinacht hier gelandet ist und was sie in Brooklyn, vor dem Haus, in dem ihre Ex-Freundin mit ihrer neuen Partnerin vor dem Fernseher liegt, eigentlich will. Als drinnen zum Telefon gegriffen wird, nimmt sie Reißaus.

Sarah Schulman ist Schriftstellerin und Hochschullehrerin und eine in den USA höchst renommierte LGBT- und Aids-Aktivistin. In den Achtzigerjahren hat sie mit "Die Sophie Horowitz Story" und "Ohne Delores" zwei Bücher geschrieben, die zu den Klassikern der lesbischen Kriminalliteratur gehören; nach mehreren Nichtkrimis und Sachbüchern ist "Trüb" eine Art Rückkehr zu ihren Anfängen. Die Geschichte spielt in New York, während fünf Tagen im Juli 2017.

Maggie ist ihr Leben entglitten in den vergangenen dreißig Jahren. Mit jedem Drink, jeder Pille, jeder Line verlor sie ein bisschen mehr den Kontakt zur Realität. Sie verpasste die Geburt ihres Kindes, und sie war nicht da, als ihr schwarzer Cop-Kollege umgebracht wurde.

Autorin Schulman
Drew Stevens

Autorin Schulman

Danach verlor Maggie Job und Lebensgefährtin und verbrachte 18 Monate in Reha. Jetzt ist Maggie clean, und wir begleiten sie in den ersten Tagen ihres neuen Lebens. Wie sie in ihrer Wohnung sitzt und es nicht schafft, auch nur Handtücher zu kaufen, sondern sich mit ihren alten Klamotten abtrocknet. Wie sie jeden Morgen ratlos im Deli steht, einen Tee und einen Apfel kauft, den Tee dann nicht trinkt und den Apfel zu dem vom Vortag in ihre Tasche legt. Wie sie Treffen der Anonymen Alkoholiker und der Narcotics Anonymus besucht, obwohl sie sich dort völlig fehl am Platz fühlt. Und vor allem, wie sie sich in ihrem neuen Job als Ermittlerin in einer poshen Anwaltskanzlei schlägt - Maggie bekommt gleich an ihrem ersten Arbeitstag den Auftrag, im Todesfall einer jungen Theaterschauspielerin zu ermitteln.

"Alles futsch"

Gleichzeitig muss sie lernen, mit sich selbst und ihrer Situation klarzukommen. Die Jahre der Sucht und der daraus resultierende Realitätsverlust ihrer Heldin dienen Schulman auch dazu, sie mit Erstaunen und Erschrecken auf ein New York blicken zu lassen, das sie nicht wiedererkennt. Immer wieder streift Maggie ziellos durch ein ihr fremd gewordenes Manhattan, auf doppelbelichteten Wanderungen, während derer sich die Bilder der Vergangenheit permanent über die Gegenwart legen. Schmerzhaft muss sie lernen, dass die Straßen ihrer - ohnehin fragwürdigen - Erinnerungen nicht mehr existieren: "Greenwich Village war auf einmal Deadwood. Wo war denn alles hin? In der ganzen Straße war keiner der alten Leuchttürme übrig, kein Ort mehr, wo man jemanden zum Reden, Anschnorren, Verhaften oder Ficken fand. Alles futsch."

Preisabfragezeitpunkt:
11.12.2019, 03:02 Uhr
Ohne Gewähr

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Schulman, Sarah
Trüb (Ariadne)

Verlag:
Argument Verlag mit Ariadne
Seiten:
288
Preis:
20,00 €
Übersetzt von:
Else Laudan

Um die Konventionen des Kriminalromans schert sich Schulman wenig, interessiert sich kaum für Suspense oder Täterrätselei. "Trüb" erzählt vielmehr davon, wie eine Stadt ihre Seele verliert, und was das mit den Menschen macht, die längst spüren, dass sie nicht mehr gewollt sind, und die sich das Leben hier nicht mehr leisten können. Der Roman ist eine stellenweise wütende, dann wieder überraschend komische Anklage gegen die Auswüchse der Gentrifizierung und streift auch andere aktuelle Themen wie Polizeigewalt und strukturellen Rassismus.

"Der Präsident war ein Irrer"

Vor allem aber funktioniert "Trüb" als eindringliches Porträt einer Frau, die am Nullpunkt ihres Lebens steht und sich ihrer Verfehlungen aus der Vergangenheit stellen muss. Schulman erzählt zwar in der dritten Person, bleibt dabei aber ganz dicht dran an Maggie, gibt ihr emotionales Chaos fast ungefiltert an den Leser weiter.

Im Gewand eines Kriminalromans ist "Trüb" - ähnlich wie die "Claire DeWitt"-Reihe von Sara Gran - letztlich ein soul searching. Erst als Maggie lernt, sich nicht als Opfer der Umstände zu begreifen, sondern Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen, wird sie in der Lage sein, den Fall der ermordeten Schauspielerin zu lösen.

Mörder geschnappt, Polizistin nüchtern und rehabilitiert - also alles wieder in Ordnung? Natürlich nicht, denn in Schulmans Welt ist ein Happy End nicht vorgesehen. Dazu läuft zu viel schief in New York, den USA, der Welt. Als Chiffre für den flottierenden Wahnsinn verwendet Schulman - recht naheliegend - US-Präsident und Gentrifizierer Donald Trump. Der erste Satz des Romans setzt die Stimmung, die weit über die Lektüre hinaus nachwirkt: "Alle waren komplett verwirrt, denn der Präsident war ein Irrer."



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